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Heft 288, Dezember 2017

 


Franziska Iseli: Hans Peter Rehm zum 75. Geburtstag 301
Kjell Widlert: Komponieren mit Pit 302
Aktuelle Meldungen 304
Thomas Brand: Herbert Grasemann 21.12.1917 - 21.6.1983 307
Stephan Eisert: Zur Kompensation der verlorenen Zeit 310
Ralf Krätschmer: Dieter Werner 60 Jahre 310
Norbert Geissler: Dieter Werner 60 Jahre 311
Hans Gruber: Hermann-Albrecht-100-Jahre-Gedenkturnier der Schwalbe 312
Thorsten-Zirkwitz-Gedenkturnier 315
Brand & Gräfrath-120-Geburtstagsturnier 316
Protokoll der Mitgliederversammlung vom 23. September 2017 in Worms 317
Bernd Schwarzkopf: Konstruktionswettbewerb beim Schwalbetreffen in Worms 320
Axel Steinbrink: 41. DLM in Bad Segeberg 2017 321
Ralf Krätschmer: Informalturnier ROCHADE EUROPA 2012/2013, Mehrzüger 322
Hartmut Laue: Dies# fiel mir auf (14) 325
Urdrucke 327
Lösungen der Urdrucke aus Heft 285, Juni 2017 327
Bemerkungen und Berichtigungen 356
Turnierberichte 357
Buchbesprechung 359

 

Herbert Grasemann 21.12.1917 - 21.6.1983
von Thomas Brand, Bornheim

Da setzt doch so'n Scherzbold aus Calbe
auf je einen Schelm anderthalbe
und verbreitet, G. R-inder
sei Erf-inder des Inder
und es mache B. Sommer die Schwalbe.

Mir wurde erst später klar, welches Glück ich hatte, dass ich als ehrgeiziger Partiespieler in den 70er und frühen 80er Jahren des letzten Jahrhunderts gleich zwei Schachzeitungen abonniert hatte: Schach-Echo und Deutsche Schachblätter. Neben Eröffnungstraining und Partie-Analyse interessierten mich dort immer mehr auch die Problemrubriken. Die von Gerhard W. Jensch im Schach-Echo, wo mich die Sachen beeindruckten, die ich zunächst kaum verstand: Märchenschach. Und besonders die von Herbert Grasemann in den Deutschen Schachblättern, der mir das Problemschach nahe brachte, mich dafür begeistern konnte: Nicht als Rätsel, sondern als Kunst im Ausdruck schachlicher Ideen. Zu dieser Zeit veröffentlichte Grasemann dort seine Reihe "Eines Reverends Einfall, der Geschichte machte", wodurch ich sehr viel über das Problemschach, seine Grundideen, seine Geschichte und die Theorie der Neudeutschen Schule lernen konnte.

Allein der Stoff war schon faszinierend, hinzu kam der stets packende Schreibstil Grasemanns, der auf lockere und humorvolle Weise sehr präzise formulierte, der auch komplexe, komplizierte Inhalte verständlich darstellen konnte: Ein begnadeter Schach-Publizist, wie ich keinen zweiten auch nur ansatzweise kenne. Gelegentlich nutzte er sein alter ego Arne Mangs zur hintergründigen Diskussion oder für die Publikation seiner Limericks (die hier zitierten stammen von ihm). Auch sein drittes Problemschach-Taschenbuch erschien unter diesem Pseudonym.

Seine Schach ohne Partner-Bände (jeweils in beinahe unvorstellbarer fünfstelliger Auflage erschienen und verkauft!) habe ich verschlungen, sie haben mich endgültig überzeugt, das Partieschach aufzugeben, mich auf Problemschach zu konzentrieren und dort von Anfang an die publizistische Arbeit im Auge zu halten.

Natürlich begeistern mich auch seine Aufgaben. In subjektiver Auswahl stelle ich anlässlich seines hundertsten Geburtstages neun davon vor, die wichtige Themen streifen, mit denen sich Herbert Grasemann in Theorie und Praxis beschäftigte.

Die vielfach nachgedruckten 1 und 2 sind nicht nur humorvolle Stücke, die mich früh lehrten, "Kunstgesetze" wie "Kein Schachgebot im Schlüssel!" zu relativieren, sondern sie klären auch wichtige Begrifflichkeiten wie den wesentlichen Unterschied zwischen "Masse" und "Kraft".

1 Herbert Grasemann

Deutsche Schachblätter
1950

2. Preis

Kurt Richter zum 50. Geb.

wKh1, wDg4, wLf5, wSh4,
  sKf1, sTd2e3, sLd1e1, sBd3f2f3

#6 (4+8)

In 1 ginge 1.Sf5 ~ 2.Sg3#, stünde nicht wLf5 im Wege. 1.L~? nützt nichts, da sich dann Schwarz befreien kann; um ihn schwungvoll loszuwerden, steht die Dame im Weg. Also auch fort mit ihr: 1.Dh3+ Ke2 2.Df1+ K:f1 3.Lh3+ Ke2 4.Lf1+ K:f1, und nun 5.Sf5.

2 Herbert Grasemann

Deutsche Schachhefte
1950

wKe1, wDd1, wSh5, wBe2, sKh1, sSf1, sBh2

#4 (4+3)

In 2 stört ebenfalls die Dame - hier aber nicht ihre Masse, sondern ihre Kraft: 1.Kf2? S~ 2.Sg3# scheitert am Patt, das es nicht gäbe, fehlte die Dame auf dem Brett. Also wird sie ebenso kraftvoll wie in 1 entsorgt: 1.Dd5+ Kg1 2.Dh1+ K:h1 3.Kf2.

3 Herbert Grasemann

SCHACH 1950 (V)

1. Preis

Dr. E. Zepler gewidmet

wKa8, wDc3, wLe5h7, wSc5, wBb6f2,
   sKd5, sDb1, sTg4, sLd1h4, sBa4b2b7c2c6e6g3

#5 (7+12)

Sofort 1.Dd3+ scheitert in 3 auf beiden Seiten: 1.- K:c5 2.Ld6+ K:b6! und 1.- K:e5 2.Sd7+ Kf4! Daher muss Weiß in gestaffelten Vorplänen diese entfernten Fluchten verhindern: 1.Lg8 [2.L:e6#] T:g8+ 2.Ka7 [3.Dd4#] 2.- Tg4, damit ist b6 direkt gedeckt. 3.f4 T:f4, damit ist f4 geblockt, und nun geht 4.Dd3+ K:c5/K:e5 5.Ld6/Sd7#.

4 Herbert Grasemann

ADS-Turnier 1949

3. Preis

wKb4, wTd2e6, wLb2, wSc4d4, 
sKd5, sTd8h5, sLa6, sSa8f1, sBb5e4h7

#6 (6+9)

Immer wieder setzte sich Grasemann mit den vielschichtigen Fragen zur Ökonomie im Schachproblem auseinander, seine Vorstellungen dazu haben meine wesentlich geprägt. Zu 4 (1.Th2 Tg5/f5 2.Tg2/f2 Th5 3.Tg8/f8 Td7 4.Tg7/f7 Td8 5.Tc7 S:c7 6.Sb6#) wurde er von einem Löser ob des sBh7 kritisiert: Dieser sei unökonomisch, da ohne ihn die Lösung bereits in fünf Zügen funktioniere, das zweite Zugpaar gespart werden könne. Grasemann schrieb dazu in Schach ohne Partner für Könner, S. 30: "Ich verglich diese Auffassung von ökonomischer Feinarbeit mit jenem Figaro, der seinem Kunden, um beim Haarschnitt Zeit zu sparen, kurzerhand die Kopfhaut abzog, und prägte den schönen Lehrsatz: "Ökonomisieren heißt Haareschneiden und nicht Skalpieren!" Kaum einer wird diese These anfechten wollen, dennoch wird sie immer wieder mißachtet. Das führt dann zu jenen Erzeugnissen, die, als gesunde Probleme konzipiert, durch übertriebene Ökonomisierungswut zu bleichen Knochengerüsten ohne Fleisch und Blut werden.
Fassen wir schlagwortartig zusammen: Was bedeutet Ökonomie? Ökonomie bedeutet nicht Sparsamkeit, sondern Wirtschaftlichkeit. Sie bezieht sich gleichermaßen und unteilbar auf die Darstellungsmittel Kraft, Raum, Zeit. Ökonomie ist kein absoluter Wert, sondern abhängig vom Dargestellten. Ökonomie ist kein Abzählvers; so kommt es, daß ein Problem mit sechs Steinen unökonomischer sein kann als eines mit achtzehn. Und daß es Aufgaben gibt - ob mit fünfundzwanzig, fünfzehn oder fünf Steinen -, deren bloße Existenz schon das Ökonomieprinzip verletzt: Wirtschaftlicher wäre es gewesen, die Druckerschwärze zu sparen."

5 Herbert Grasemann

Schach-Express 1948

wKa6, wDg3, wLe4h8, wSa3c1, wBd5f3, 
   sKa1, sTb2e2, sBd6h5

#3 (8+5)

Auch die Zwecke, die zur Wahl eines bestimmten weißen Zuges führen, unterliegen Überlegungen zur Ökonomie; die Zweckreinheit (oder vielleicht besser, wie Stefan Schneider formulierte: Zweckökonomie, denn, wie Schneider schrieb, "Die Forderung nach Zweckreinheit hat ihre Wurzel im Ökonomiegesetz.") bildet bekanntlich den wesentlichen Grundpfeiler der Neudeutschen Schule. In 5 besteht der Hauptplan in 1.Lb1 2.Sb3#, seine direkte Durchführung scheitert sowohl an 1.- Te3 als auch an 1.- Te5. Beide zugleich werden durch 1.Dh2 T:h2 beseitigt, wonach der Hauptplan durchschlägt. Dennoch werden die Hindernisse "ökonomisch" beseitigt, da es Probespiele gibt, die nur jeweils eines der Hindernisse ausräumen: 1.Df2? T:f2 2.Lb1 T:f3! und 1.Dg2? T:g2 2.Lb1 Tg7! Damit sind zur Bestimmung von 1.Dh2! alle Gründe erforderlich, die dem Hauptplan entgegenstehen.

In Kapitel 36 von Eines Reverends Einfall ... schrieb Grasemann: "Im Indischen Problem Lovedays gibt es weder Vorplan noch Hauptplan noch Probespiel noch Hindernis. Es gibt mithin keine Plangliederung, kein logisches Gefüge. Im Indischen Problem Lovedays und seinen abertausend Ablegern des gleichen Typus ist die Zugfolge Kritikus-Sperrzug-Mattzug eine gedanklich unteilbare Einheit, die Lösung nur als ein Ganzes "intuitiv" erfaßbar. Diese Blasphemie habe ich seit 1948 bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit vorgetragen."

6 Herbert Grasemann

SCHACH 1955

4. Preis

Theodor Siers gewidmet

wKh4, wTe5, wLc5, wSf4g7, wBg3h3, sKf3, sDf1, sBc6e7

#5 (7+4)

Dennoch lässt sich auch die indische Idee in "neudeutschem Gewand" darstellen: Will Schwarz in 6 auf Patt spielen, so schlägt dies im Satz nach 1.- D:h3+ 2.K:h3 e6 3.Lg1 c5 4.Te3# fehl. Bei Ausführung des Hauptplans 1.Sge6 [2.Sg5#] führt allerdings 1.- D:h3+ 2.K:h3 zum Patt. Deswegen wird im Vorplan der weiße Turm kritisch über e6 geführt: 1.Te3+ Kf2 2.T:e7+ Kf3. Nun funktioniert der Hauptplan 3.Sge6 [4.Sg5#] D:h3+ 4.K:h3 (kein Patt!) 4.- Ke4 5.Sd4#.

7 Herbert Grasemann

Schachmatt 1951

wKe1, wTh1, wLd8, wSa1c1, sKb1

#2 (5+1)
Zylinderbrett

Wenig beschäftigte sich Grasemann mit Märchenschach; wenn, dann ging es ihm meist um Themen, die sich von ihrer orthodoxen Darstellung unterscheiden, die orthodox nicht darstellbar sind. 7 zeigt so etwas; ich zitiere die Lösungsbesprechung aus der hervorragenden Biographie von Dittmann/Geister/Kutzborski Logische Phantasien. Herbert Grasemann und seine Schachaufgaben, S. 98: "Schwarz steht patt: Th1 deckt - über den rechten Brettrand hinweg - a1, Ld8 - über h4, a3 - b2 und c1. 1.0-0! K:a1 2.Kg2# erzählt uns ein schönes indisches Märchen und ist zugleich ein Unikum: Indischer Sperrzug und Kritikus (und zwar genau in dieser Reihenfolge, richten wir uns nach dem für die Rochade geltenden Partiereglement) fallen in einem Zug zusammen. Das alles nur mit sechs Steinen und zwei Zügen. Sicherlich ein Rekord, wäre dieser Begriff in Grasemanns Sinne!"

8 Herbert Grasemann

SCHACH 1953

3. ehrende Erwähnung

wKg3, wDg7, wTh2, wBh3, sKe2, sTb7, sSb6g2, sBb2f5

s#3 (4+6)

Er baute einige Selbstmatt-Längstzüger, um zu untersuchen, wie man dieses Genre von den meist mechanischen Lösungen befreien könne, wie man dort mit Drohungen arbeiten könne. 8 ist dafür ein kleines Beispiel. Das Satzmatt 1.- T:g7# kann Weiß nicht aufrecht erhalten. Daher 1.Dc7 [2.Dg7!] 1.- Sd7! 2.Dc2+ Kf1 3.Db3 T:b3#. Hier stellt sich übrigens wieder die Ökonomie-Frage: Ohne sBb2 wäre die Lösung identisch, allerdings wäre dann 3.Db3 primitiv motiviert. Mit dem Bauern muss sich die Dame nur opfern, weil sie sich nicht verstecken kann.
In seinen letzten Lebensjahren wandte sich Grasemann kompositorisch intensiv längeren Stücken zu, eines davon sei hier zum Abschluss vorgestellt.

9 Herbert Grasemann

Deutsche Schachblätter
1983

1. Preis

wKh8, wTa1, wSc1, wBb2h6,
   sKg1, sTh1, sLf1, sSg3, sBa2b3c2f2g2g4h2h7

#11 (5+12)

In 9 hat Weiß keinen Wartezug, um das Satzmatt Se2# auf einen beliebigen schwarzen Zug zu realisieren. Also muss der weiße König manövrieren, dabei darf er prinzipiell weiße Felder nicht betreten, da dann nach einem schwarzen Läuferschach und anschließender Umwandlung auf f1 der Mattspuk vorbei wäre: 1.Kg7 Sh5+ 2.Kf8 Sg3 3.Ke7 Sf5+ 4.Kd8 Sd4! (deckt e2) 5.Kc7 Se6,Sb5+ 6.Kb8 Sd4 7.Ka8! (hier kann sLf1 keinen Schaden in Form eines Schachgebots anrichten!) 7.- g3 8.Kb8 Sc6+ 9.Kc7 Sd4 10.Kb6 ~ 11.Se2#.

Der Leser sei eingeladen zu untersuchen, warum weiße Abweichungen (z. B. 6.Kb7?) fehlschlagen. Wem das allerdings zu mühsam erscheint, der mag Siesta halten - und kann sich dabei auf Arne Mangs berufen:

Es gehörte zur Kur in Bad Kösen,
täglich ein, zwei Probleme zu lösen.
Als mein Selbstvertrauen sank,
weil mir dies nicht gelang,
zog ich's vor, in der Sonne zu dösen.


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