Heft 299, Oktober 2019 voriges Heft

Kalenderblatt

Als vor 50 Jahren das Woodstock-Festival weltweite Beachtung fand und als leuchtendes Signal für gesellschaftlichen und kulturellen Umbruch stand, bahnte sich auch in unserer ruhigeren Welt des Problemschachs ein nachhaltiger Wandel an, der aber zunächst noch nicht besonders auffiel. Schon im Januar dieses Jahres hatte ein junger Problemist die Leitung der Zweizügerabteilung in der Schwalbe übernommen, der im Vorspann zu seinem ersten Urdruckteil im Februar-Heft 1969 schrieb: "Ich muss gestehen, dass es mich etwas beunruhigt, dass meine Vorgänger ihr Amt nach relativ kurzer Zeit wieder niedergelegt haben." Die hier offenbarte Unruhe hat den Schreiber dieses Satzes, Hans Dieter Leiß (15.1.1941-23.10.1994), offenbar für den Rest seines Lebens angetrieben, denn er leitete die Schwalbe-Zweizüger ununterbrochen bis zu seinem zu frühen Tod. Während andere Sachbearbeiter normalerweise nach einigen Jahren der ehrenamtlichen Mitarbeit um Ablösung bitten, war es bei HDL gerade umgekehrt: Als 1974 das Amt des Schriftleiters neu zu besetzen war, fand er sich bereit, diese schwierigste und arbeitsintensivste Schwalbe-Tätigkeit zusätzlich zu übernehmen. Nicht genug damit, bot sich ihm 1982 nach dem Tod Hermann Albrechts noch die Gelegenheit, auch noch dessen berühmte Zweizügersammlung zu übernehmen und weiterzuführen; so wurde diese Sammlung aktuell und "am Leben" gehalten, was wohl auch eine wichtige Voraussetzung für die spätere Weiterführung und Digitalisierung war - eine weitere Großtat, die nach dem Tod von HDL von Udo Degener erbracht wurde. Dass HDL die immense Arbeit des Sachbearbeiters, Schriftleiters und Sammlungsbetreuers über so lange Zeit auf höchstem Niveau bewältigen konnte, zeugt von großer Souveränität und perfekter Organisation. Bedauerlich war dagegen, dass die Arbeitsfülle HDL davon abhielt, regelmäßig an Schachtreffen teilzunehmen. Zwar organisierte er selbst 1980 das Schwalbe-Treffen in Trier, aber sonst erinnere ich mich nur an seltene kurze Besuche in Andernach. 25 Jahre war HDL die tragende Säule der Schwalbe, genauso lang ist schon die seit seinem Tod verstrichene Periode, in der eine ganze Reihe von Enthusiasten nötig waren, um die vorher von HDL allein geleistete Arbeit weiter zu führen.

Auf Luigi Ceriani (23.01.1894-8.9.1969) fallen in diesem Jahr gleich zwei Gedenktage. Nach dem 125. Geburtstag, zu dem in Heft 295 ein Artikel erschien, ist jetzt an seinen 50. Todestag zu erinnern.

Pieter Feenstra Kuiper

Good Companions 1916

1. Preis

wKa3, wDb8, wTf7, wLe3, wSb7c5, wBc4c6d2g4, sKe5, sTd5, sLe8, sSd6g3, sBa4d3e4

#2 (10+8)

Pieter Feenstra Kuiper (9.8.1888-22.10.1969), der in den 1950er Jahren Vorsitzender der niederländischen Problemistenvereinigung (NBvP) war, komponierte fast nur Zweizüger. Sein Kompositionsstil wurde durch die Good Companions-Ära geprägt mit deren typischen Merkmalen wie Mattwechsel in Tempoform, Kreuzschachs oder Halbfesselungen. Mit letzteren setzte er sich ausführlich auseinander in seinem 1948 und 1956 erschienenen zweibändigen Werk Het Half-Pin Thema. Außerdem stellte er noch den Band VII der von M. Niemeijer herausgegebenen Reihe Probleemcomponisten über J. van Dijk zusammen (1955), und 1964 publizierte er einen Übersichtsband mit dem Titel Hundert Jahre Schachturniere, in dem er die Entwicklung des Turnierschachs seit dem Londoner Turnier 1851 aufzeigte. Seine hier wiedergegebene Aufgabe zeigt Mattwechsel zwischen Satz: 1.- T:c5/L:c6 (Ld7, L:f7) 2.D:d6/Dh8# und Lösung: Nach 1.Sd8! folgt 1.- T:c5/L:c6/Ld7 (L:f7) 2.Db2/S:c6/S(:)d7#, ferner 1.- Sg~{} 2.Tf5# und 1.- Td4 2.Lf4#. Die Aufgabe machte den Autor bekannt, weil der Schlüssel eine damals noch originelle Valve des weißen Springers zeigt.

Eustachy Wolański

Polski Zadaniowiec 1929

Spezialpreis

wKh1, wDd8, wTg5h4, wSb7h5, wBa5c3c4d7e2, sKe4, sTa7, sLa8, sSg4, sBa6e3e5g3h2h3

s#2 (11+10)

Vor 50 Jahren verstarb auch der polnische Komponist Eustachy Wolański (02.121904-17.09.1969), der ab 1925 ungefähr 200 Aufgaben komponierte, die Mehrzahl davon Selbstmatts. Hier ein Beispiel. Satz: 1.- T:b7 2.D:a8 g2# und 1.- L:b7 2.T:e5+ K:e5#. Nach dem Schlüssel 1.Db6 gibt es Fortsetzungswechsel: 1.- T:b7 2.Db1+ T:b1# und 1.- L:b7 2.D:e3+ K:e3#.

Josef Křivohlávek

UV ČTSV 1979

1. Preis

wKh3, wTb5f3, wLa1f5, wSc2, wBc3d3, sKe5, sDc5, sTa6d5, sLg8, sBd6f6

#3 (8+7)

Der tschechische Komponist Josef Křivohlávek (13.9.1919-17.3.2015) kam in den 1930er Jahren mit Ilja Mikan und später auch mit Vladimir Pachman und Emil Palkoska in Kontakt und wurde dadurch zum Problemschach geführt. 1953 begann er zu komponieren - fast ausschließlich Dreizüger. Nach einer 10jährigen Pause, während der er intensiv Bridge spielte, kam er um 1972 herum zurück zur Komposition. Ende der 1980er Jahre veröffentlichte er eine Auswahl seiner zwischen 1953 und 1988 erschienenen Probleme, daraus gezeigt wird hier ein Stück mit Halbfesselung: 1.Sb4 [2.d4+ T:d4, D:d4 3.c:d4#]; 1.- T:d3 2.c4+ T:a1 3.Sc6#; 1.- T:a1 2.Sc6+ D:c6 3.d4#; 1.- D:b4 2.d4+ D:d4 3.c:d4#. Der Autor komponierte bis ins hohe Alter; mit 95 Jahren gab er 2014 noch eine weitere Auswahl seiner Probleme heraus.

Der in Russland geborene schweizerische Komponist Wladimir Naef (3.9.1919-16.6.2006) leitete über viele Jahre die Studienabteilung der SSZ. 1985 und 1998 gab er zwei Broschüren mit eigenen Kompositionen heraus; ungewöhnlich ist dabei, dass sich seine Aktivitäten zunächst auf Studien und Hilfsmatts konzentrierten, in der neueren Publikation traten dann auch noch Märchenschach-Kompositionen hinzu.

Der Baltendeutsche Bodo von Dehn (10.9.1894-4.3.1971) wurde vor 125 Jahren in Sankt Petersburg geboren, lebte vor dem 2. Weltkrieg aber überwiegend in Riga. Er erlernte das Schachspiel in recht jungen Jahren und wandte sich schon bald auch dem Problemschach zu. Seine erste Aufgabe war ein Gemeinschaftswerk mit Hermann Mattison, das am 12.7.1912 in der Rigaer Rundschau erschien, jener Zeitung, deren umfangreiche Schachspalte er später, von 1933 bis 1939, selbst leiten sollte. Im Chaos des Kriegsendes und der Flucht gingen seine Schachunterlagen verloren, er selbst begann ein neues Leben in Kiel, wo er in Kontakt zu Wilhelm Maßmann trat und eine Anstellung in dessen Kanzlei fand. Seine Aufgabe dort bestand darin, sich um die Miniaturensammlung zu kümmern, insbesondere neue Aufgaben zu erfassen. Daneben leitete von Dehn die Schachecke der Kieler Nachrichten, in der er auch Probleme veröffentlichte. Der junge Kieler Mathematikstudent Kay Soltsien (mittlerweile das "dienstälteste" deutsche Schwalbe-Mitglied) lernte als Löser dieser Schachecke von Dehn kennen, der ihm auch die Mitgliedschaft in einem Kieler Schachverein nahelegte. Neben der Vereinszugehörigkeit verband die beiden in gewisser Weise auch die Maßmann-Sammlung, die Soltsien Anfang der 1960er Jahre auf ein neues System umstellte (Karteikarten statt der ursprünglichen in Ordnern abgelegten Diagrammblätter). Dies erfolgte übrigens nicht erst nach von Dehns Tod (wie dem Wikipedia-Eintrag zu Maßmann zu entnehmen ist), denn damals war Soltsien längst nach München verzogen. Da es bei der Arbeit an der Sammlung keine zeitliche Überschneidung zwischen den beiden gab, muss von Dehn diese Tätigkeit spätestens 1960 beendet haben.

Max Dischler (17.9.1894-1982) erlernte 1912 als Primaner Schach und versuchte auch gleich, es anderen beizubringen. Sehr bald interessierte er sich für Probleme, und nach dem ersten Weltkrieg "ging er unter die Problemisten" (wie er es selbst einmal ausdrückte). Neben organisatorischer Tätigkeit in Schachvereinen leitete er auch einige Problemspalten, unter anderem im Offenburger Tageblatt und in der Sürag, nach dem 2. Weltkrieg im Badischen Tageblatt.

Wie für seine ebenfalls als Schachkomponisten bekannten Brüder Arwid (1889-1938) und Leonid (1891-1942) entwickelte sich auch für Jewgeni Kubbel (23.10.1894-1942) die politische Lage um 1940 herum zur persönlichen Katastrophe. Arwid fiel schon vor Kriegsausbruch dem stalinistischen Terror zum Opfer, Leonid und Jewgeni starben während der Blockade Leningrads. Jewgeni, der jüngste der drei, wurde vor 125 Jahren geboren. Als Problemkomponist schuf er über 150 Aufgaben, überwiegend Zweizüger.

Der erste offizielle Schachmeister der USA war Charles Henry Stanley (September 1819-6.10.1901), der vor 200 Jahren in England geboren wurde und schon als knapp 20jähriger in seinem Heimatland auffiel, konnte er doch den berühmten Howard Staunton in einem Match über sechs Partien knapp bezwingen (allerdings wurde ihm ein Bauer und ein Zug vorgegeben - die damals übliche Methode, vermeintliche Spielstärke-Unterschiede auszugleichen). Um 1842 verließ Stanley England und ging nach New York, wo er am britischen Konsulat tätig war und seinen vielfältigen Schachneigungen weiter nachgehen konnte: er gründete im März 1845 die erste amerikanische Schachspalte, die in der in New York herausgegebenen Wochenzeitung The Spirit of the Times erschien, in der er auch das erste in den USA erschienene Schachproblem publizierte. 1846 gab er das American Chess Magazine heraus, das nur einen Monat nach Napoleon Maraches The Chess Paladium and Mathematical Sphinx erschien. Beide waren die ersten amerikanischen Schachzeitschriften, die sich aber nicht lange halten konnten. 1855 organisierte Stanley das erste amerikanische Kompositionsturnier. Zwei Jahre später verlor er seinen 1845 errungenen Titel des amerikanischen Meisters gegen Morphy - trotz einer Vorgabe von einem Bauern und einem Zug konnte er dem Genie nichts entgegensetzen.

(GüBü)


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