Heft 298, August 2019 voriges Heft

Kalenderblatt

Pierre Biscay

Le Temps 1934

1. Preis

wKh8, wSb3g3, wBa6a7c6g6, sKa8, sTe3, sLc2, sBa3b5e7h7

Gewinn (7+7)

Vor einem halben Jahrhundert verstarb Pierre Biscay (14.9.1905-30.7.1969), einer der vielseitigsten Akteure im französischen Schach des letzten Jahrhunderts. Seinen ersten großen Auftritt hatte er bei den französischen Problemlösungs-Meisterschaften 1927 und 1928, die er beide gewann. In jener Zeit erschienen auch seine ersten Kompositionen. Daneben beschäftigte er sich auch mit dem Partieschach und gehörte zu den stärksten französischen Fernschach-Spielern. 1932, im Alter von nur 27 Jahren, wurde er Präsident des französischen Schachverbands, eine Funktion, die er bis 1954 innehatte. 1935 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der französischen Problemistenvereinigung, deren Ehrenpräsident er später wurde. Als Komponist konzentrierte Biscay sich auf Zwei- und Mehrzüger mit strategischen Themen, und er hatte ein besonderes Faible für perikritische Manöver. Seine möglicherweise einzige Studie zeichnet sich durch markante problemhafte Merkmale aus: Nach 1.g7 kann Schwarz die drohende Umwandlung nur durch T:g3 oder L:b3 parieren. Weiß kann dann nicht mit 2.c7 fortsetzen, da nach Lf5 bzw. Tc3 beide weißen Bauern aufgehalten werden und Schwarz gewinnt. Zum Ziel führen zwei römische Lenkungen: 1.- T:g3 2.Sd4 kontrolliert f5 und lenkt den schwarzen Läufer nach d1: 2.- Ld1 3.c7 Lg4 4.g8D+ und Weiß gewinnt, oder 1.- L:b3 2.Se4 T:e4 3.c7 Tc4 4.g8D+ mit Gewinn. Reziproke Grimshaws nach zwei römischen Lenkungen.

Josef Moraveć

Časopis Česk. Šach. 1916

1. Preis

wKd7, wDb3, wTc2e2, wLf6, wSc3h2, wBd3, sKf4, sLc5, sSa2, sBb5c6f5g3g4

#3 (8+8)

Der tschechische Komponist Josef Moraveć (20.3.1882-29.8.1969) stammte aus einfachen Verhältnissen und konnte den Lehrerberuf ergreifen. Neben dem Schach fand er weitere Interessen, wobei ihn besonders die Musik fesselte. Als Mitglied eines Prager Chors trat er u. a. in Berlin und Paris auf. Moraveć komponierte sowohl Probleme als auch Studien, jeweils in ganz persönlichem Stil. Seine böhmischen Probleme sind insofern untypisch für die Schule als sie die konstruktive Leichtigkeit fehlen lassen und oft steinreiche Stellungen zeigen; so auch hier, wo ihm bei vollem Brett eine außerordentliche Anhäufung von Modellmatts gelingt: 1.Te3 [2.De6] g:h2 2.Tf2+ K:e3 3.Sd1# MM; 1.- Le7 2.Se2+ K:e3 3.Ld4# MM; 1.- Sc1 2.K:c6 K:e3 3.Sd5# MM; 1.- S:c3 2.D:c3 K:e3 3.Dd2# MM. Vier verschiedene Modellmatts, alle auf dem gleichen Feld. In deutlichem Gegensatz dazu stehen seine Studien, die meist leicht und elegant daherkommen.

Josef Moraveć

České slovo 1938

wKd7, wBd5, sKh4, sSb1

Gewinn (2+2)

In dem Viersteiner darf Weiß seinen König erst ziehen, wenn sich der schwarze Springer erklärt hat, also 1.d6! Sd2 2.Kc7! (Nach 2.Ke7? Sc4 3.d7 Se5 fehlt dem Weißen das entscheidende Schachgebot) Se4 3.d7 Sc5 4.d8D+ mit Gewinn. Oder 1.- Sc3 2.Kc6! oder schließlich 1.- Sa3 2.Kc6! Die differenzierte eindeutige Antwort des weißen Königs auf die Springerzüge hat seinerzeit Jindvřich Fritz veranlasst, hier von einer König/Springer-Opposition zu sprechen.

Zum 50. Todestag des Studienspezialisten Paul Heuäcker am 10. Juli erscheint an anderer Stelle dieses Hefts ein Gedenkartikel.

Otto Fuß

Deut. Schachbund 1892

1. Preis

wKa1, wDg2, wSb7c8, wBa3e2f2h3h4, sKe5, sSf1, sBa6b4d5f6h6

#4 (9+7)

Otto Fuß (8.12.1861-12.7.1944) war ein bedeutender und vielseitiger Schachenthusiast, der als Organisator und Problemist hervorstach. Er war jahrzehntelang Vorsitzender des Hannoverschen Schachklubs und seit der Gründung 1924 bis 1941 Präsident des Niedersächsischen Schachverbands. (Übrigens war mit Hermann Lücke ein weiterer Problemist Präsident des NSV (1957-58), und seit 2007 amtiert mit M. Langer ein gegenüber dem Problemschach zumindest positiv eingestellter Präsident, der auch zeitweise Schwalbe-Mitglied war). Fuß organisierte u. a. die hannoverschen Kongresse 1902 und 1926 und sorgte dafür, dass in deren Rahmen auch Problemturniere durchgeführt wurden. Zusammen mit Ferdinand Möller brachte er 1909 und 1939 zwei Bände mit 150 bzw. 200 ausgewählten Schachaufgaben heraus. Dem Geleitwort des jüngeren Bandes ist zu entnehmen, dass es Fuß und Möller waren, die im Problemturnier des Deutschen Schachbunds 1910 in Hamburg erstmals ein Problem der Neudeutschen Schule ausgezeichnet haben. Ihrer Verbundenheit mit der neuen Schule stellten sie jedoch ihre Sorge gegenüber, dass die anderen Problemschulen darüber ganz vergessen werden könnten. Was er in der Böhmischen leisten konnte, zeigt Fuß in der Beispielaufgabe: 1.Dg7 [2.Scd6 nebst 3.De7+ und 4.D:f6# MM] 1.- d4 2.Dc7+ Ke4/Ke6 3.Sc5+ Kd5 4.Sb6# MM oder 3.- Kf5 4.Se7# MM; 2.- Kd5/Kf5 3.Se7+ Ke6 4.Sd8# MM; 1.- Kd4 2.D:f6+ Kc4 3. Sb6+ Kb5 4.a4# MM.

Der viel zu früh verstorbene Vukota Nikoletić (18.8.1944-11.8.2001) aus dem Kosovo war ein sehr produktiver Selbstmattkomponist, der auch regelmäßig in der Schwalbe publizierte. Er pflegte insbesondere den Bereich von 3-5 Zügen. Jetzt wäre er 75 Jahre alt geworden.

Anton Oehrlein (1.11.1906-21.8.1944) gehört zu den "vergessenen deutschen Zweizüger-Komponisten", denen Hermann Albrecht im März 1980 in einem so betitelten Artikel im Problemist seine Referenz erwies. Oehrlein war ein Komponist, der seine Probleme in Organen des Arbeiterschachs veröffentlichte. Ebenso wie andere fränkische Problemisten, die dort auch publizierten, kam er aber nicht aus einem proletarischen Umfeld, sondern sie nutzten wohl einfach die regional verfügbaren Publikationsmöglichkeiten.

Caetano Belliboni (10.8.1919-5.2.1991) wurde vor 100 Jahren in Italien geboren, lebte später aber in Brasilien, wo er einige Broschüren für Problem-Anfänger veröffentlichte. Er vertrat Brasilien in den späteren 1980er Jahren als Delegierter bei der PCCC.

Robert C. (Bob) McWilliam (12.7.1919-12.2.1997) war Buchsammler und über viele Jahre der "Bücheronkel" unserer britischen Schwestergesellschaft. Als Komponist befasste er sich hauptsächlich mit Zweizügern. In einer Schiffs with Everything betitelten Broschüre setzte er sich intensiv mit dem Schiffmann-Thema, dem er besonders zugetan war, auseinander. Er übernahm 1980 den Buchversand von Guy Chandler, der kurz danach, über 90jährig, starb, und übergab dieses Amt 1996 an Tony Lewis - und auch der sollte bis an sein Lebensende diesem Dienst an der Problemistengemeinschaft treu bleiben. Als Komponist konzentrierte McWilliam sich auf Zweizüger, in den 1950er und 1960er Jahren organisierte er eine Reihe von Förderturnieren, was damals noch ein erfolgversprechender Weg war, junge Problemisten zu rekrutieren.

Paul Weyl

Skakbladet 1911

1. Preis

wKg1, wDb4, wLa1e2, wSc5, wBe6g4h7, sKd4, sTb2, sLh1, sSc4, sBa2a3d5e3e5e7g2g5

#5 (8+12)

Paul Weyl (3.7.1894-10.8.1974) war der Sohn des großen Problemsammlers Oskar Korschelt. Von ihm erlernte er auch das Schachspiel und durch ihn wurde er ins Problemschach eingeführt. Seine ersten Kompositionen erschienen um 1910, erste Erfolge stellten sich schon bald danach ein (s. Diagr.: 1.h8=D? patt. 1.h8=S? e4 2.Sf7 ist auch patt, daher 1.h8=T e4 2.Ta8! Ke5 3.Db8+ Sd6 4.Dh8+ Kf4 5.Dh2#; 3.- Kf6 4.Dh8+ Kg6 5.Tg8# oder 3.- Kd4 4.Sa4 nebst 5.Dh8#). Der Rückgriff auf die väterliche Sammlung ermöglichte ihm, schachhistorische Recherchen anzustellen, aus denen mehrere Artikel hervorgingen, u. a. im Deutschen Wochenschach 1920 eine umfangreiche Arbeit über Heinrich Eichstätt (1823-1905), dessen Kompositionstätigkeit zu Lovedays Zeiten begann und bis in die Anfangszeiten der neudeutschen Schule reichte.

Viktor Holst

Husrennen 1886

wKc4, wDa4, wTc1, wLc5, wSh3, sKe2, sLh7, sSg8, sBa2a7c2d3g2g3

#3 (5+9)

Viktor Holst (16.8.1844-25.3.1924), der Erfinder der nach ihm benannten Unterverwandlung, erblickte vor 175 Jahren das Licht der Welt. Im Diagramm ist die erste Darstellung der Holst-Umwandlung zu sehen: 1.Kc3? mit der Absicht, 2.Sg1# folgen zu lassen, scheitert an 1.- a1D+. Daher provoziert Weiß im Vorplan eine Unterverwandlung, die die Durchführung des Hauptplans ermöglicht: 1.Kb3 [2.Sg1+ Kd2 3.Df4#] a1S+ 2.Kc3 nebst 3.Sg1#.

(GüBü)


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