Heft 288, Dezember 2017 voriges Heft nächstes Heft

Todesfall

Der amerikanische Komponist Robert (Bob) Lincoln, der sich seit Mitte der 1980er Jahre der Schachkomposition zuwandte, hatte sich zum wahrscheinlich profiliertesten Autor von Zweizüger-Miniaturen entwickelt; 1996 gab er sein Buch Fun with Chess Miniatures heraus, in dem er 540 Miniaturen, davon mehr als die Hälfte aus eigener Produktion, präsentierte, dem 2000 ein zweiter Band (More Fun with Chess Miniatures) ähnlichen Umfangs folgte. In letzter Zeit publizierte Lincoln auch viel in der Schwalbe. Wie wir erfuhren, ist er am 19. Oktober, zwei Monate vor seinem 80. Geburtstag, verstorben.

Kalenderblatt

In Heft 233 wurde auf den 100. Geburtstag von Gustav Joachim Sontag (18.10.1908-29.11.1992) hingewiesen. Jetzt ist an den 25. Todestag des Hamburger Märchen"-schach"-experten zu erinnern. Von ihm stammen u. a. das Duellantenschach und Rex multiplex-Probleme. - Der italienische Problemist Ernesto Defourny (2.11.1885-27.12.1967), der überwiegend Zweizüger gehobener Qualität veröffentlichte, war beruflich als Ingenieur bei Fiat tätig. Dort brachte er auch den größten Teil seiner Aufgaben unter, nämlich in den beiden Firmenzeitschriften Bianco e Rosso Fiat und Illustrato Fiat, in denen er viel beachtete Problemspalten betreute. Ein Jahr vor seinem Tod gab er 1966 ein Buch mit 100 ausgewählten Zweizügern heraus.

Zum 100. Geburtstag Herbert Grasemanns (21.12.1917-21.6.1983) erscheint an anderer Stelle dieses Hefts ein gesonderter Beitrag. Trotzdem darf diese aus der Problemwelt herausragende Persönlichkeit auch in dieser Rubrik nicht fehlen. 1948, kurz nach Beginn seiner schachlichen "Laufbahn", skizzierte er sich selbst im Telegrammstil wie folgt: Vom 10. Lebensjahr an drei aktiv gerittene Steckenpferdchen: Musik, Fußball und Schach. Idole: Beethoven, die Engländer und Kraemer/Zepler. Beethoven tritt etwas zurück, nachdem 1941 am Dnjepr der linke Arm abhanden gekommen ist. Fußball bleibt, Problem wird intensiviert. Nach einer einmaligen Jugendsünde (1935) gab es laufende Veröffentlichungen erst ab 1946. Seitdem 100 Aufgaben gebaut, 60 gedruckt. Ab Mai 1947 Problemleiter des Schach-Express. Motto: lebendig, allgemeinverständlich zu sein, und trotzdem Niveau halten. Vor allem aber werben!! Kompositionsrichtung: Bevorzugt werden 2-, 3-, Mehrzüger und Märchenschach. Für Fabeltiere vorerst wenig Meinung. Unverhehlte Liebe zur neudeutschen Richtung. Entschiedener Anhänger v. Holzhausens, wenngleich er in Vielem auf halbem Wege stehen geblieben ist. Erfolge und schachliche Arbeiten: Bei gelegentlicher Beteiligung an Turnieren bisher ein 1. Preis und 4 weitere Auszeichnungen. Informalturniere: ja. Ausgesprochene Thematurniere: nein, weil der Schaffende die Richtung seiner Gedanken selbst bestimmen soll. Eine ausführliche Vita haben W. Dittmann, A. Geister und D. Kutzborski ihrer 1985 unter dem Titel Logische Phantasien erschienenen Grasemann-Sammlung vorangestellt. Grasemanns persönliches Schicksal wurde geprägt durch die Eckdaten Kriegsversehrung (1941/43), Abbruch des Jura-Studiums kurz vor dem Examen (1948) und Preisträger in einem Kompositionsturnier. Letzteres brachte ihm, dem bis dahin unbekannten Komponisten, das Angebot, im Ostberliner Sportverlag mitzuarbeiten und die Problemspalte des neugegründeten Schach-Express (seit 1951 als SCHACH weitergeführt) zu übernehmen. Mangels anderer Perspektiven wagte er es, sein Berufsleben ganz auf Schach zu konzentrieren und aus den schmalen, daraus resultierenden Einkünften sein Leben zu fristen. Ab 1950 leitete er (bis 1962) zusätzlich noch den Problemteil der wieder eröffneten Deutschen Schachzeitung, und 1962 übernahm er den Problemteil der Deutschen Schachblätter, den er bis zum Ende seines Lebens leitete. Sein (West-) Berliner Wohnsitz erlaubte es ihm, bis 1961 sowohl für die Ost- als auch die West-Berliner Zeitschrift zu arbeiten und auch als Delegierter der DDR an einigen PCCC-Treffen jener Zeit teilzunehmen. Der Bau der Berliner Mauer beendete diesen für ihn wichtigen Zustand und zwang ihn, sich nach anderen Möglichkeiten zum Broterwerb umzusehen. Nach mehreren Zwischenstufen gelang es ihm schließlich, eine Stelle als Geschäftsführer einer Stiftung zu besetzen, die er bis zu seinem Ruhestand ausfüllte. Mit dem Eintritt ins Rentenalter nahm Grasemanns Tätigkeit als Autor zu; seine Schach ohne Partner-Bücher erreichten phantastische Auflagenhöhen, sein Reverend ist die glänzendste Einführung in die neudeutsche Problemschule, die Hans Peter Rehm und Stephan Eisert veranlasste, sie 2014 in einer zweisprachigen Version mit einigen Erweiterungen und Aktualisierungen neu herauszugeben.

Anton Trilling

Mitteldeutsche Zeitg. 1939

wKa1, wDd8, wTc1f5, wLb3b8, wSd5g4, wBc6d6e2e6, sKd4, sTd7h3, sLa6, sSa8g8, sBd3e4h7

#2 (12+9)

Anton A. C. Trilling (11.11.1892-16.2.1947) begann seine schachliche Tätigkeit als Mitarbeiter der Schachspalte des Essener Anzeigers, dessen Mitarbeiterkreis er 1924 zu einer Vereinigung von Problemfreunden zusammenfasste, die den Namen "Schwalbe" erhielt - so beschreibt der ideelle Gründervater der Schwalbe, Wilhelm Maßmann, Anfang 1947 im Nachruf auf Trilling die Entstehung unserer Vereinigung, deren erster Vorsitzender Trilling wurde. Er, der vor 125 Jahren geboren wurde, hatte sich im 1. Weltkrieg eine schwere Erkrankung zugezogen, die ihn zunehmend lähmte; seine intensive Beschäftigung mit dem Problemschach wurde ihm danach Trost und Lebensinhalt. Politisch stand er sehr weit links und war ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus, vertrat aber mit großer Konsequenz den Standpunkt, dass Problemschach nichts mit Politik zu tun habe und hat aus dieser Haltung heraus von 1933 bis 1943 fortdauernde Versuche, die Schwalbe in nationalsozialistische Organisationen einzugliedern, vereiteln können. Problemschachlich war Trilling bedeutend als Theoretiker. Sein Projekt, eine Terminologie der Neudeutschen Problemschule zu schreiben, ist zwar im Entwurf vollendet und sollte in einem Prager Verlag erscheinen, kam durch die Wirren des Kriegsendes aber nicht über einige Korrekturfahnen hinaus. Es ist (mir) unbekannt, ob das Manuskript noch erhalten ist. Peter Kniest, der später noch zum Retter der Zeitschrift werden sollte, schreibt in seinen Erinnerungen über häufige Besuche bei Trilling in den Vorkriegsjahren, der ihn immer wieder anregte, für dieses Projekt bizarre Variationen einzelner logischer Themen darzustellen. Obwohl er eher ein Mehrzüger-Komponist war, sei hier ein Zweizüger mit einem Springer-Verführungsrad gezeigt: Nach beliebigem Abzug des Sd5 droht 2.Td5#, aber sieben mal kann sich Schwarz verteidigen: 1.Sb6? Sc7!; 1.Sc7? Sb6!; 1.Se7? Sf6!; 1.Sf6? Se7!; 1.Sf4? e3!; 1.Se3? Th5!; 1.Sc3? Lc4!. Es löst nur 1.Sb4!

Gilbert Dobbs

Good Companions 1915

wKh1, wDa1, wTe3h7, wLf7g1, wSc8g3, wBh2h4, sKf6, sDe5, sSd2, sBa2d6h3

#2 (10+6)

Gilbert Dobbs (6.12.1867-14.2.1941), der vor 150 Jahren geboren wurde, war ein äußerst produktiver amerikanischer Problemist, der zwischen 1900 und 1940 etwa 3300 Probleme komponierte und quantitativ nur von William Shinkman übertroffen wurde. Dobbs war ein universaler Komponist, der in allen Genres aktiv war, wenngleich sein Schwerpunkt wohl auf dem Gebiet der Zwei- und Dreizüger lag. Hier waren ihm eine ästhetische Stellung und ein versteckter Schlüssel besonders wichtig. Im Vorwort des 1942 in der legendären, von A. C. White herausgegebenen Overbrook-Serie erschienenen Dobbs-Buchs mit dem Titel A Chess Silhouette zitiert Otto Würzburg aus einem Brief Dobbs': dieser bedauert, dass er sich mangels verfügbarer Dokumentationen zu Beginn seiner Kompositionstätigkeit so gut wie keine Kenntnis verschaffen konnte über das, was andere Komponisten zuvor gemacht hatten (vgl. dazu auch Heft 286A, Seite vii). So lernte Dobbs beispielsweise die Ideale der böhmischen Schule erst durch Pospisils Česke Melodie kennen, das 1908 in A. C. Whites Christmas-Serie erschien. Es folgt ein Beispiel aus der frühen Good-Companions-Zeit: Auf jeden schwarzen Zug steht ein Matt bereit (1.- S~ 2.Tf3#, 1.- D:a1 2.Te6# - nach 1.- D~{} auch 2.D:D#, 1.- d5 2.D:e5#). Nach dem Schlüssel 1.Tc3! herrscht Zugzwang mit Mattwechseln nach 1.- d5 2.Tc6# und 1.- Dd4 2.L:d4#; ferner gibt es einen Switchback nach 1.- De3 2.T:e3#, während die neuen Züge 1.- Dd5+ oder De4+ zu einer Wiederholung des Satzmatts nach Zügen des schwarzen Springers führen.

John Augustus Miles

Poems and Chess
Problems 1882

wKb5, wDc4, wSd6f4, wBd2f6h2h6, sKe5, sBb6d7h7

#2 (8+4)

John Augustus Miles (4.12.1817-23.7.1891) wurde vor 200 Jahren geboren. Er begann um 1850, Probleme zu komponieren, also in den Anfangsjahren des modernen Schachproblems. Wie Miles selbst in seiner 1882 erschienenen Sammlung eigener Probleme und Gedichte schreibt, hatten ihn die Meisterwerke des großen Horatio Bolton angeregt, selber etwas zu komponieren. So etwas ist heute sicher nicht mehr attraktiv, aber der Miles' Buch entnommene Zweizüger atmet doch schon einen modernen Geist und zeigt neben einem stillen Schlüssel eine Sternflucht des schwarzen Königs. Nach 1.Dg8! droht nichts, also Zugzwang: 1.- K:d6 2.Db8#; 1.- K:f4 2.Dg3#; 1.- K:f6 2.Dg7#; 1.- Kd4 2.Dd5#.

(GüBü)


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