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Heft 267, Juni 2014

 


Herbert Kromath: Dreizüger-Revue (9) 473
Aktuelle Meldungen 473
Rupert Munz: Die Gut-Schlecht-Vertauschung 476
Entscheid im Informalturnier 2012, Abteilung Retro 486
Entscheid im Informalturnier 2010, Abteilung Märchenschach 490
Ergebnis des 213. Thematurniers der Schwalbe 496
Urdrucke 500
Lösungen der Urdrucke aus Heft 264, Dezember 2013 510
Bemerkungen und Berichtigungen 530
Web-Site Besprechung 531

 

Die Gut-Schlecht-Vertauschung

von Rupert Munz, Tübingen

Die problemschachliche Idee der Gut-Schlecht-Vertauschung ist ein weitgehend unbekanntes Thema, was sich bei der Vorbereitung dieses Aufsatzes 1) zeigte. Bis heute ist die Gut-Schlecht-Vertauschung in einer sehr überschaubaren Anzahl von Aufgaben bearbeitet worden, so dass es möglich ist, im Rahmen dieses Aufsatzes (vermutlich) alle existierenden Themendarstellungen wiederzugeben 2). Ziel ist es, Ihnen als Leser das Thema klar umrissen vorzustellen, die wesentlichen Aspekte bei der Realisierung aufzuzeigen und einen Ausblick auf die mögliche Weiterentwicklung der Idee zu geben.

Themavorstellung und wesentliche Aspekte

Die Gut-Schlecht-Vertauschung (GSV) gehört in den Bereich der direkten Mattaufgaben und dort zu den logischen Mehrzügern:
a) Der Lösungsablauf kann planlogisch gegliedert und durch Probespiele begründet werden.
b) Für die Darstellung der Idee sind mindestens vier Züge erforderlich, worauf später in einem eigenen Abschnitt nochmals eingegangen wird.

Die GSV kann zunächst als "reziproker Bewertungswechsel von gut und schlecht bei zwei Paraden" umschrieben werden (vgl. Hans + Peter + Rehm = Schach, Edition feenschach-phénix 1994, S.354). Im Zentrum des Geschehens steht ein weißer Angriffszug, der von zwei schwarzen Paraden beantwortet werden kann. Dieser Angriffszug soll im Folgenden als "Zentralzug" der GSV bezeichnet werden. Mit den beiden Paraden reagiert Schwarz auf Schachzwang oder Drohzwang des Zentralzugs.

Die Realisierung der GSV erfordert dann die Verwendung des Pendelmechanismus im Sinne Stefan Schneiders (zum Pendeln vgl. Herbert Grasemann, Schach ohne Partner für Könner, München 1982, S.107f.), mit dessen Hilfe die für den Bewertungswechsel erforderliche Systemverlagerung vollzogen wird.

Bei der GSV kann zwischen einer Grundform und einer Sonderform 3) unterschieden werden. Die Grundform ist dadurch gekennzeichnet, dass vor und nach dem Systemwechsel durch den Zentralzug identische Wirkungsmittel zum Einsatz kommen, also identischer Drohzwang oder identischer Schachzwang besteht. Bei der Sonderform wird als Wirkungsmittel nach dem Zentralzug auch der Systemwechselmechanismus mit einbezogen, wobei für das Vorliegen einer GSV auch hier eine Identität der Wirkungsmittel unter Einbeziehung des Systemwechsels gegeben sein muss. Dies stelle ich am Beispiel der Nr. 12 konkreter dar.

Weiterhin ist noch die Unterscheidung möglich, ob der Zentralzug Teil des Hauptplangeschehens ist (= Hauptplantyp) wie in Nr. 1, 2, 3, oder ob der Zentralzug Teil des Vorplangeschehens ist (= Vorplantyp) wie in Nr. 8, 9, 10. Diese einleitenden Bemerkungen und Festlegungen sollen zunächst genügen. Denn besser lässt sich das Thema anhand von Beispielaufgaben veranschaulichen.

1) Dieter Kutzborski

Deutsche Schachblätter
1977/78

5. Preis (V.)

wKa8, wLe1e8, wSe3e6, sKh5, sLa1, sSb7c3, sBf6g6h6

#7 (5+7)

Die Nr. 1 von Dieter Kutzborski ist höchstwahrscheinlich die Erstdarstellung der GSV-Grundform als Hauptplantyp (vgl. dazu auch den Artikel "Alles schon mal dagewesen?" von Hans Peter Rehm in: Die Schwalbe 1993, Sonderheft 141A, S.14 4)). Und sie ist bis heute auch die überzeugendste Fassung der Idee, denn die Präzision des thematischen Ablaufs und die Ästhetik der formalen Gestaltung bringen den verblüffenden Grundgedanken der GSV auf unvergessliche Weise zum Ausdruck: Auf einen weißen Angriffszug wählt Schwarz, vom Ende her betrachtet, den schlechteren von zwei möglichen Verteidigungszügen. Dies geschieht, indem Weiß durch eine vorübergehende Systemverlagerung den besseren Verteidigungszug ausschaltet. Insofern ist die GSV auch eine Weiterentwicklung der Beugungsidee (vgl. Herbert Grasemann, Schach ohne Partner für Könner, München 1982, S. 99f.).
Nr. 1: 1.Lc6? Sd5! (nicht 1.- Se4?) 2.L:d5 g5!; 1.Sf4+! Kg5 2.Sh3+ Kh5 3.Lc6! Se4 (nicht 3.- Sd5? 4.L:d5 g5 5.Lf7#) 4.Sf4+ Kg5 5.Se6+ Kh5 6.L:e4 g5 7.Sg7#

Auch die folgenden Aufgaben, Nr. 2 von Hans Peter Rehm und Bernhard Schauer und Nr. 3 von Hans Peter Rehm, arbeiten diesen Kerngedanken eindrucksvoll heraus.

2) Hans Peter Rehm
Bernhard Schauer

Die Schwalbe 1979

1. Preis

wKh2, wTf5g4, wLe8, wBa5b2g3, sKb4, sLd8g8, sSh7, sBa2b3c4f3

#9 (7+8)

Nr. 2: 1.Tg7? Lf7! (nicht 1.- Le7?) 2.T:f7 c3!; 1.Tb5+! Ka4 2.Te5+ Kb4 3.Tg7! Le7 (nicht 3.- Lf7? 4.T:f7 c3 5.Tf4#) 4.Tb5+ Ka4 5.Tf5+ Kb4 6.T:e7 c3 7.Te4+ Lc4 8.Tb5+ Ka4 9.T:c4#

3) Hans Peter Rehm

Rochade 1980

3. Preis

wKf3, wTe5, wSa2e3, wBb4c2f4, sKd4, sTh6, sLh8, sSa6f6, sBh3

#6 (7+6)

Nr. 3: 1.Ke2? Sd5! (nicht 1.- Se4?) 2.T:d5 Ke4!; 1.Sf5+! Kc4 2.Sd6+ Kd4 3.Ke2! Se4 (nicht 3.- Sd5? 4.Te4#) 4.Sf5+ Kc4 5.Se3+ Kd4 6.Td5#

Mehrere Aspekte sind bei der Darstellung der GSV beachtenswert:

Der erste Aspekt betrifft die Prägnanz des Zentralzugs, d.h. das klare Hervortreten der Wahl zwischen einer guten und einer schlechten Verteidigung. Der Einsatz von (einzügiger) Kurzmattdrohung oder von Schachzwang als Wirkungsmittel des Zentralzugs kann die Erkennbarkeit dieser Wahlsituation verbessern. Aus ästhetischer Sicht steigert auch eine weitgehende formale Analogie der beiden alternativen Verteidigungsmöglichkeiten die Überzeugungskraft der GSV-Idee. Die analoge Gestaltung zeigt sich in Nr. 1 in der Verstellung der Diagonale c6-f3, in Nr. 2 in der Verstellung der Linie g7-b7 und in Nr. 3 in der Deckung des Feldes c3 durch den schwarzen Springer von d5 bzw. von e4 aus.

Der zweite Aspekt betrifft den konstruktionstechnischen Trick, der verhindert, dass der gute Verteidigungszug im Probespiel durch die nachgeordnete Systemverlagerung entwertet werden kann. In Nr. 1 zeigt das erweiterte Probespiel 1.Lc6 Sd5 2.Sf4+ S:f4 (nicht 2.- Kg5 3.Sh3+ Kh5 4.L:d5), dass der gute Verteidigungszug im Probespiel gleichzeitig den Pendelmechanismus ausschaltet. In Nr. 2 mit dem erweiterten Probespiel 1.Tg7 Lf7 2.Tb5+ Ka4 3.Te5+ L:e8 und in Nr. 3 mit dem erweiterten Probespiel 1.Ke2 Sd5 2.Sf5+ Kc4 3.Sd6+ T:d6 kann jeweils die Systemverlagerung mittels Pendelmechanismus nicht mehr vollständig durchgeführt werden.

Bei mehrzügigen Systemverlagerungen mittels Pendelmechanismus kommt immer auch ein dritter Aspekt hinzu. Er betrifft die Überlegung, ob nicht bereits eine nur teilweise Ausführung des Pendelmechanismus zum Erfolg führt. In Nr. 1 lautet hierzu das Probespiel 1.Sf4+ Kg5 2.Lc6, das jedoch durch 2.- K:f4/f5/h5 mehrfach widerlegt werden kann (nicht 2.- Sd5/Se4 3.Sh3+/Se6+ Kh5 4.L:d5/L:e4). In Nr. 2 droht nach 1.Tb5+ Ka4 2.Tg7 kein Turmschach mehr, so dass sich Schwarz durch 2.- Sf6 mit Angriff auf den Batteriehinterstein erfolgreich verteidigt. In Nr. 3 zeigt das Probespiel 1.Sf5+ Kc4 2.Ke2 Sd5 3.Sd6+ T:d6, dass die Systemverlagerung zuerst vollständig erfolgen muss, bevor der reziproke Bewertungswechsel von gut und schlecht bezüglich der Themaparaden eintritt. Leider verteidigt aber auch der Zug 2.- Sg4 unthematisch. Eine leicht veränderte Ausgangsstellung wäre daher thematisch noch klarer: wKf3 → f1; sTh6 → g6; sBh3 → g4.

Ideengeschichtliche Wurzeln

Die Vorstellung der GSV-Grundform als Vorplantyp möchte ich verbinden mit der Darstellung der ideengeschichtlichen Wurzeln der GSV. Es wird sich zeigen, dass die GSV als Weiterentwicklung des bekannten Konzepts "Vorübergehende Systemverlagerung zur Durchsetzung einer Angriffsabsicht" gesehen werden kann. Die GSV ist in diesem Sinne auch Teil der Erfolgsgeschichte des Pendelmechanismus im Bereich der Mehrzüger 5).

4) Stefan Schneider

Schach 1954

2. Preis (V.)

wKb3, wLc6, wSc4f5, wBb5d2, sKc5, sTh1, sLg1, sBa7c7e4h3

#7 (6+7)

Das vorgenannte Konzept geht zurück auf das viel zitierte Stammproblem Nr. 4 6) von Stefan Schneider (vgl. Friedrich Chlubna, Klaus Wenda, Problempalette II - Schachprobleme und Studien österreichischer Autoren aus den Jahren 1946-1990, Wien 1991, S. 74f). Der Zug wBd3 hat in der Grundstellung keine (zwingende) Drohung, so dass Schwarz bis auf "schwache" Züge (wie sBh2 und natürlich sB:d3) und "katastrophale" Züge (wie sBe3 und sLh2) jeden anderen Zug als ausreichende Verteidigung spielen kann. Erst durch den vorübergehenden Systemwechsel ergibt sich nach dem Zug wBd3 eine (zwingende) Drohung, die Schwarz durch den Zug sB:d3 abwehren muss, was Weiß nach Systemrückverlagerung als Block nutzen kann. Die Systemverlagerung führt also zum Drohwechsel bzw. zum Drohzuwachs.
Nr. 4: 1.Sg7? Kd4 2.Se6+ Kd3!; 1.d3?? ist ohne (zwingende) Drohung; 1.Se5! Kb6 2.Ka4 Kc5 3.d3! e:d3 4.Kb3 Kb6 5.Sc4+ Kc5 6.Sg7! Kd4 7.Se6# (2.- a6? 3.Sd7+ Ka7 4.Se7 a:b5+ 5.K:b5 und 6.Sc8#)

Mit Nr. 5 bis Nr. 7 sind in chronologischer Reihenfolge weitere Aufgaben dieses Typs zitiert, die gleichzeitig eine Affinität zur GSV aufweisen.

5) Hans Peter Rehm

Dt. Schachblätter 1965

3. Preis (V.)

wKf3, wLc4, wSe4f5, wBa5b3g4g6h5, sKe5, sTa1, sLd2, sSb1, sBa3b2b7c3g7

#19 (9+9)

Nr. 5: 1.a6? (2.a:b7 und 2.a7) Le3! 2.a:b7 La7 (nicht 1.- b:a6? 2.Se7); 1.Sc5! Kf6 2.Sd7+ Kg5 3.Sf8 Kf6 4.Ke4 Kg5 5.Le2 Kf6 6.Kd5 Kg5 7.Se6+ Kf6 8.Sc5 Kg5 9.a6! b:a6 (nicht 9.- Le3? 10.Se4+ Kf4 11.Sh4 und 12.Sg2#) 10.Se6+ Kf6 11.Sf8 Kg5 12.Ke4 Kf6 13.Lc4 Kg5 14.Kf3 Kf6 15.Sd7+ Kg5 16.Sc5 Kf6 17.Se4+ Ke5 18.Se7 bel. 19.Sc6#

6) Stephan Eisert
Hans Peter Rehm

Die Schwalbe 1967

1.-2. Preis (V.)

wKf6, wTc3, wLb1, wSe3, wBa5b4d2f4g2g4h3, sKd4, sLa6g3, sSh1h8, sBb3b6c6c7g5

#9 (11+10)

Nr. 6: 1.a:b6? (2.Sf5+ Kd5 3.Tc5#) Lf2! 2.b7 L:e3 3.b8D L:d2 4.D:h8? ohne Schach (nicht 1.- c:b6? 2.b5!); 1.Ke6! Lc8+ 2.Ke7 La6 3.a:b6! c:b6 (3.- Lf2 4.b7 L:e3 5.b8D) 4.Ke6 (nicht 4.b5? Sg6+ 5.L:g6 c:b5 6.Sf5+ Ke4 7.Te3+ Kd5) 4.- Lc8+ 5.Kf6 La6 6.b5! c:b5 7.Ke6 Lc8+ 8.T:c8 und 9.Sf5#; (2.- Sg6+ 3.L:g6 La6 4.Sf5+ Kd5 5.Lf7+ Ke4 6.Te3+ K:f4 7.Sg7)

7) Gerd Rinder

Halumbirek Mem.-Turnier
1972

3. Preis

wKf2, wLb1b4, wSb6e3, wBb5c5f4f6g3, sKd4, sTb8, sLb2e6, sBa6b7f7g4

#10 (10+8)

Nr. 7: 1.b:a6? (2.Sc2+ Kd3,Ke4 3.Sa3+ Kd4 4.Sb5#) 1.- b:a6! (nicht 1.- Ld7? 2.Sc2+ Kd3.Ke4 3.Sa1+); 1.Lh7! Lb3 2.Sf5+ Kd3,Ke4 3.Se7+ Kd4 4.b:a6! (5.Sf5+ Kd3,Ke4 6.Sd6+ Kd4 7.Sb5#) La4 (nicht 4.- b:a6? 5.Sc6#) 5.Sf5+ Kd3,Ke4 6.Se3+ Kd4 7.Lb1 Ld7 8.Sc2+ Kd3.Ke4 9.Sa1+ Kd4 10.Sb3#

8) Stefan Schneider

Dt. Schachblätter 1978

3. Preis

wKb2, wLa6f4, wSc7, wBa3b4c6d6f3g2h7, sKd4, sDf8, sTc8h6, sLb8d1, sBd5e7f5h2

#12 (11+10)

Erst die Nr. 8 von Stefan Schneider, die etwa zur gleichen Zeit wie Nr. 1 entstanden ist, stellt wohl erstmals die GSV-Grundform als Vorplantyp in der Weise dar, dass die oben vorgestellten Aspekte der GSV deutlich zu erkennen sind. Dabei interpretiere ich den Zug wSe6+ als einzügigen Hauptplan und den Vorplanzug wBh8D+ als Zentralzug der GSV: Durch den Schach bietenden Zentralzug wird Schwarz offensichtlich vor die Wahl zwischen D:h8 und T:h8 gestellt (erster Aspekt). Das Probespiel 1.h8D+ D:h8 2.Sb5+ Kc4+,Kd3+ zeigt, dass die nachgeordnete Systemverlagerung wegen des Schachs der schwarzen Dame nicht funktioniert (zweiter Aspekt). Dieses Schach durch die schwarze Dame ist auch der Grund, warum die Systemverlagerung vollständig durchgeführt werden muss, wie das Probespiel 1.Sb5+ Kc4,Kd3 2.Sc3+ Kd4 3.Lf1 La4 4.Se2+ Kc4,Kd3 5.h8D D:h8+ zeigt (dritter Aspekt).
Nr. 8: 1.Se6+? T:e6!; 1.h8D+? D:h8! (nicht 1.- T:h8?) 2.Sb5+ Kc4+,Kd3+!; 1.Sb5+! Kc4,Kd3 2.Sc3+ Kd4 3.Lf1 La4 4.Se2+ Kc4,Kd3 5.Sg3+ Kd4 6.h8D+! T:h8 (nicht 6.- D:h8 7.S:f5#) 7.Se2+ Kc4,Kd3 8.Sc3+ Kd4 9.La6 Ld1 10.Sb5+ Kc4,Kd3 11.Sc7+ Kd4 12.Se6#

Bei Nr. 8 tritt der verblüffende Grundgedanke der GSV allerdings nicht so plastisch hervor wie in Nr. 1. Dies liegt vermutlich an dem Gegensatz zwischen dem unspektakulären Hauptplanzug einerseits und der Brett umspannenden Systemverlagerung andererseits. Der komplizierte, mehrstufige Pendelmechanismus hinterlässt den dominierenden Eindruck, dem die einzügige Mattführung keine taktischen oder ästhetischen Akzente entgegenzusetzen vermag.

9) Rupert Munz

Schach-Aktiv 2001

2. Ehr. Erwähnung

wKf1, wDa1, wTa8c8, wLf3, wSd5, wBc4e6, sKb7, sDh2, sTd3, sLb1d4, sSf8, sBa2

#12 (8+7)

Welche interessanten Möglichkeiten zur Darstellung von Echospielen in der GSV-Grundform als Vorplantyp stecken, zeigen die folgenden beiden Beispiele: In der Nr. 9 tritt nach dem Zentralzug wDb2+ als Vorplan (Wirkungsmittel Schachzwang) im Hauptplan ein mehrzügiger Angriff mit Turmopfer und Mustermatt auf, der nach dem zwischenzeitlichen Systemwechsel im virtuellen Bereich in analoger Weise vorhanden ist.
Nr. 9: 1.Tc7+? D:c7! (nicht 1.- K:a8? 2.Sb6+); 1.Db2+? L:b2! (nicht 2.- D:b2?); 1.Se3+! Kb6 2.Tc6+ Kb7 3.Tc-a6+ Kc7 4.Sd5+ Kb7 5.Db2+! D:b2 (nicht 5.- L:b2? 6.Tb6+ K:a8 7.Sc7+ Ka7 8.Tb7#) 6.Se3+ Kc7 7.Tc6+ Kb7 8.Tc-c8+ Kb6 9.Sd5+ Kb7 10.Tc7+ K:a8 11.Sb6+ Kb8 12.Tb7#

10) Uwe Karbowiak
Rupert Munz

Problem-Forum 2012

1. Preis

wKa1, wTb3g7, wLc2, wSc4, sKa8, sDh4, sTe4, sLh7, sSb1f2, sBa3c3c6f3f4f6

#11 (5+12)

In der Nr. 10 mit dem Zentralzug wL:e4 als Vorplan (Wirkungsmittel Drohzwang) gilt das gleiche für eine antikritische weiße Turmführung im Hauptplan, die nach dem zwischenzeitlichen Systemwechsel im virtuellen Bereich durch den anderen weißen Turm erfolgen würde.
Nr. 10: 1.Tb-b7? T:c4!; 1.L:e4? S:e4! (nicht 1.- L:e4?) 2.Tb-b7 Df2!; 1.Sb6+! Kb8 2.Sd5+ Ka8 3.Sc7+ Ka7 4.Se6+ Ka8 (4.- Ka6? 5.Sc5+) 5.L:e4! L:e4 (nicht 5.- S:e4? 6.Tg-b7) 6.Sc7+ Ka7 7.Sd5+ Ka8 8.Sb6+ Kb8 9.Sc4+ Ka8 (9.- Kc8 10.Sd6+)10.Tb-b7 bel.11.Sb6#

Bei der GSV als Vorplantyp kommt ein vierter Aspekt hinzu: Ein hoher Grad der Analogie zwischen den weißen Angriffs- und den schwarzen Verteidigungsmotiven vor und nach der Systemverlagerung wirkt sich positiv auf die Klarheit der Themendarstellung aus. Dieser vierte Aspekt weist auf die nochmals vergrößerten Gestaltungsmöglichkeiten hin, die der Vorplantyp der GSV besitzt.

In Nr. 9 sind die Gestaltungsmöglichkeiten in gewisser Weise noch nicht voll genutzt: Das erweiterte Probespiel 1.Db2+ L:b2 2.Se3+ Td5 (zweiter Aspekt) zeigt, dass die nachgeordnete Systemverlagerung sehr direkt durch den schwarzen Turm unterbunden wird, wobei Schwarz mit dem Störmanöver des Turms auch noch bis maximal zum 5. Zug warten könnte (vgl. 2.- Kb6 3.Tc6+ Kb7 4.Tc-a6+ Kc7 5.Sd5+ T:d5). Dies ist zwar nicht zu beanstanden, weil das weitere Probespiel 1.Se3+ Kb6 2.Tc6+ Kb7 3.Db2+ L:b2 4.Tc-a6+ Td5 (dritter Aspekt) nachweist, dass der Bewertungswechsel von gut und schlecht erst nach der vollständigen Systemverlagerung eintritt. Dennoch bleibt ein nicht ganz klarer Eindruck. Verbesserungspotenzial besteht darin, die Widerlegungen der thematischen Fehlversuche einerseits subtiler und andererseits präziser zu gestalten 7).

Wie das aussehen könnte, zeigt Nr. 10 8). Das weiße Hauptplanmanöver Tb-b7 und Sb6 ist nach der Systemverlagerung in dem analogen Manöver Tg-b7 und Sc7 als Echomotiv wiederzuerkennen, und beide Manöver scheitern einheitlich am Schlagen des Springers durch den schwarzen Turm (vierter Aspekt). Der Zentralzug L:e4 stellt die einzügige Mattdrohung L:c6 auf, die nur entweder von Sf2 oder von Lh7 durch Schlagen auf e4 pariert werden kann. Es ist offensichtlich, dass Schwarz zwischen diesen beiden Figuren wählen muss (erster Aspekt). Die schwarzen Verteidigungseffekte in Form des vorsorglichen Entblockens eines Feldes für die schwarze Dame beim Schlagen des Le4 sind ebenfalls analog gestaltet (wieder erster Aspekt). Die Anforderungen an die prägnante Themendarstellung sind somit berücksichtigt.

Das erweiterte Probespiel mit der Zugfolge 1.L:e4 S:e4 2.Sb6+ Kb8 3.Sd5+ Ka8 4.Sc7+ Ka7 5.Se6+ Ka6 (nicht 5.- Ka8 6.Tg-b7) 6.Sc5+ S:c5 weist nach, dass die nachgeordnete Systemverlagerung nur deswegen nicht gelingt, weil für eine eigentliche Nebenvariante des Pendelmechanismus kurz vor Schluss plötzlich keine Mattführung mehr möglich ist (zweiter Aspekt). Im Vergleich mit der vorigen Aufgabe ist die Widerlegung des erweiterten Probespiels sowohl subtiler als auch präziser gestaltet.

Nun bleibt noch die Frage zu beantworten, warum die Systemverlagerung vollständig erfolgen muss (dritter Aspekt). Die Begründungen liefern die weiteren thematischen Fehlversuche im Lösungsverlauf mit den Zügen 3.L:e4? S:e4 bzw. 4.L:e4? S:e4 (nicht 4.- Dg5,Dh6 5.L:c6): Der Bewertungswechsel von gut zu schlecht bezüglich der Parade S:e4 tritt also erst nach vollständiger Systemverlagerung ein. Ein Ansatzpunkt für Kritik könnte hier allenfalls nach 1.Sb6+ Kb8 in dem thematischen Fehlversuch 2.L:e4? gesehen werden, denn dieser Zug scheitert nicht nur thematisch an 2.- S:e4, sondern auch unthematisch an 2.- Sd2. Dagegen würde helfen, einen schwarzen Bauern auf d2 und einen schwarzen Turm auf d1 zu ergänzen. Zugunsten einer offeneren Stellung wurde auf dieses Zusatzmaterial verzichtet.

Fragen zur Abgrenzung

Schon die Aufgaben Nr. 5 bis 7 haben gezeigt, dass eine exakte Abgrenzung der GSV Schwierigkeiten bereitet. Am Beispiel der Nr. 11 soll dies noch konkreter untersucht werden.

11) Uwe Karbowiak
Rupert Munz

Schach 2006

3. Preis

wKh1, wTe2, wLf7, wSa5d2, wBd4e3e5f2h2, sKd5, sLa3c4, sSa8b2, sBa6e6f3g5

#11 (10+9)

Der Zug des weißen Läufers nach h5 könnte als Zentralzug der GSV betrachtet werden, auf den Schwarz mit den zwei Paraden L:e2 oder g4 reagieren kann. Im Probespiel 1.Lh5? ist 1.- g4 die gute Parade und 1.- L:e2 die schlechte. Nach der Verlagerung des weißen Springers von a5 nach d8 ist die umgekehrte Situation gegeben: 4.- g4 ist jetzt die schlechte Parade und 4.- L:e2 die gute.
Nr. 11: 1.Lg6? Ld3 2.Se4 L:e4 3.Le8 f:e2+ 4.Kg1 e1D#; 1.Lh5? g4! (nicht 1.- L:e2?) 2.L:g4 L:e2 3.Lf5?; 1.Sc6??; 1.Le8! Lb5 2.Sc6 Ld3 3.Sd8 Lb5 4.Lh5 L:e2 (nicht 4.- g4? 5.L:g4 L:e2 6.L:e6#) 5.Le8 Lb5 6.Sc6 Ld3 7.Sa5 Lb5 8.Lg6! Ld3 9.Se4 L:e4 10.Le8 Ld3 11.Lc6#

Bei Betrachtung der vorgestellten Aspekte der GSV zeigt sich Folgendes: Eine formale Analogie der Paraden ist nicht gegeben, wodurch die Erkennbarkeit einer Wahlsituation erschwert wird (erster Aspekt). Das Probespiel zur nachgeordneten Systemverlagerung (zweiter Aspekt) lautet 1.Lh5 g4 2.Le8 Lb5 3.Sc6 Ld3 4.Sd8 Lb5 und ist im Grunde nicht sinnvoll, denn die erforderliche Fortsetzung mit 5.L:g4?? ist unmöglich, da der weiße Läufer wegen seiner Einbindung in den Systemverlagerungsmechanismus von h5 weggezogen ist. Die Überlegungen bezüglich einer nur teilweise durchgeführten Systemverlagerung (dritter Aspekt) wirken ebenfalls wegen der Einbindung des weißen Läufers in den Systemverlagerungsmechanismus sehr theoretisch, wie die Zugfolge 1.Le8 Lb5 2.Sc6 Ld3 3.Lh5? zeigt. Der vierte Aspekt ist nicht zu erkennen. Die vorgestellten Aspekte der GSV sind im Wesentlichen nicht vorhanden.

Besser passt auf diese Aufgabe die Interpretation als verlängerter Vierzüger, bei dem die Massebeseitigungslenkung 4.Lh5 L:e2 durch die vorübergehende Verlagerung des weißen Springers vorbereitet werden muss. Denn im Probespiel kompensiert Schwarz den nachteiligen Massebeseitigungseffekt durch die vorgeschaltete Lenkung des weißen Läufers auf die Diagonale e6-h3 (Idee in der Verteidigung). Für diese Interpretation spricht, dass nach 1.Lh5 die schwarze Parade L:e2 nur dann schlecht ist, wenn sie nicht durch 1.- g4! 2.L:g4 L:e2 vorbereitet wurde.

Persönlich neige ich zur Sichtweise, dass eine Aufgabe das Thema der GSV nur dann verwirklicht, wenn die vorgestellten Aspekte jeweils beachtet wurden. Insbesondere der erste Aspekt, die klare Erkennbarkeit der Wahlsituation, stellt für mich ein wesentliches Merkmal der GSV-Idee dar. Eine Aufgabe kann also das Beugungsthema mittels einer Systemverlagerung (wie die Nr. 11) verwirklichen, ohne dabei die hier vorgestellte spezielle Beugungsmethode der GSV zu verwenden. Das ist aber in keiner Weise ein Werturteil über die jeweilige Schachaufgabe im Sinne einer "besseren" oder "schlechteren" Beugung.

Ein zweites wesentliches Merkmal der GSV-Idee ist für mich die Identität von Drohzwang bzw. Schachzwang vor und nach dem Systemwechsel. Entstehen nach dem Systemwechsel beim Ausführen des Zentralzugs zum Beispiel geänderte Drohungen (Drohwechsel) oder zusätzliche Drohungen (Drohzuwachs), so liegt keine GSV-Darstellung vor. Die Nr. 4 z. B. ist bereits wegen des Drohwechsels bzw. des Drohzuwachses keine GSV-Aufgabe. Auf den Aspekt des identischen Drohzwangs ist im nachfolgenden Abschnitt noch mal speziell einzugehen.

Die Sonderform der GSV

12) Rupert Munz

Dt. Schachblätter 1987

wKg8, wTa6c7, wSd5, wBa4c5, sKb8, sLa2h6, sSd3f7

#7 (6+5)

In der Nr. 12 löst der Zentralzug wBc6 mehrere Drohungen aus: Es besteht nicht nur die unmittelbare Dreifachdrohung 2.Tb7+,Ta8+,Tc8+, sondern es droht zusätzlich auch die Zugfolge 2.Tb6+ Ka8 3.Tc8+ Ka7 4.Tb7+,Ta8+,Ta6+. Neu ist, dass die Züge der Systemverlagerung in den Drohkomplex einbezogen werden. Dies kennzeichnet die Sonderform der GSV 9). Wird der Zentralzug nach der vorhergehenden Systemverlagerung gespielt, so besteht wieder mit 4.Tb7+,Ta8+,Ta6+ eine unmittelbare Dreifachdrohung und mit der Zugfolge 4.Tc7+ Ka8 5.Ta6+ Kc8 6.Tb7+,Ta8+,Tc8+ eine weitere Dreifachdrohung nach Systemrückverlagerung. Damit ist vor und nach der Systemverlagerung derselbe Drohkomplex gegeben, jedoch mit jeweils unterschiedlich langen Abspielen. In diesem erweiterten Sinn ist auch bei der Sonderform die Identität des Drohzwangs gegeben.
Nr. 12: 1.c6? (2.Tb7+,Ta8+,Tc8+; 2.Tb6+ Ka8 3.Tc8+ Ka7 4.Tb7+,Ta8+,Ta6+) Sd6! 2.Tc8+ S:c8 3.Sc7+?? (nicht 1.- Sc5? 2.Tc8+); 1.Tb6+! Ka8 2.Tc8+ Ka7 3.c6! Sc5 (nicht 3.- Sd6? 4.Ta6+ K:a6 5.Ta8#) 4.Tc7+ Ka8 5.Ta6+ Kb8 6.Tc8+ K:c8 7.Ta8#; 5.- S:a6 6.Sb6+ Kb8 7.Tb7#

Die zugehörigen thematischen Paraden wirken dabei selektiv gegen die kürzere bzw. die längere Drohung. Der Bewertungswechsel von gut und schlecht vollzieht sich hier in Bezug auf die Dauer des schwarzen Widerstands. Es wird die Teilparade gegen die kürzere Drohung mit der Teilparade gegen die längere Drohung vertauscht. Durch einen konstruktionstechnischen Trick muss dafür gesorgt werden, dass in der Ausgangstellung nach der Teilparade gegen die kürzere Drohung nicht gleich der nachgeordnete Systemwechsel mit Durchsetzung der längeren Drohung folgen kann. Die Teilparade muss durch diesen konstruktionstechnischen Trick zur Vollparade aufgewertet werden. In der Nr. 12 zeigt das erweiterte Probespiel 1.c6 Sd6 2.Tb6+ Ka8 3.Tc8+ S:c8, dass der nachgeordnete Systemwechsel (vgl. zweiter Aspekt) wegen der Fesselung des Sd5 (4.Sc7+??) nicht durchführbar ist. In der Lösung dagegen entsteht bei der Systemrückverlagerung als Nebenvariante eine effektvolle Opferkombination mit Mustermatt (5.Ta6+ S:a6 6.Sb6+ Kb8 7.Tb7#).

Die Fesselung des wSd5 nach dem Zug sSd6 ist auch der Grund, warum ein vollständiger Systemwechsel erforderlich ist (vgl. dritter Aspekt), denn erst in der Stellung mit schwarzem König auf a7 vollzieht sich der reziproke Bewertungswechsel von gut und schlecht (vgl. das erweiterte Probespiel 1.Tb6+ Ka8 2.c6 Sd6).

In Nr. 4 leidet der Eindruck der GSV spürbar unter den (schemabedingten) Mehrfachdrohungen des Zentralzugs. Dies unterstreicht nochmals meine Aussage über die Bedeutung der Prägnanz des Zentralzugs für eine überzeugende Darstellung der GSV (vgl. erster Aspekt).

Die vierzügige Fassung der GSV

Die theoretisch kürzeste Fassung der GSV benötigt vier weiße Züge: Systemverlagerung - Zentralzug - Systemrückverlagerung - Mattzug, jeweils ein Zug. Wie die GSV in dieser hoch verdichteten Form wirkt, veranschaulichen die folgenden vier Aufgaben aus dem Jahr 2012. Eine gewisse Sonderrolle spielt dabei die Nr. 14, die wegen ihrer drei vollzügigen Mustermattvarianten auch als Mattbilderaufgabe angesehen werden kann.

Bei der vierzügigen Darstellung der GSV sind nur der erste Aspekt (Prägnanz des Zentralzugs) und der zweite Aspekt (Verhinderung der nachgeordneten Systemverlagerung) relevant. Die vorgestellten Beispiele dürften zeigen, dass bei Beachtung besonders des ersten Aspekts der Beugungscharakter der GSV, d.h. die Wahl der schwächeren Parade durch Schwarz, auch im Vierzüger herausgearbeitet werden kann.

13) Stephan Dietrich
Rupert Munz

Die Schwalbe 2012

wKa1, wDd1, wTa8, wLc1, wSe4, wBa3a5f7, sKa4, sTb3f3, sLg6, sSe6, sBc4

#4 (8+6)

Nr. 13: 1.f8D? (2.Db4#) S:f8! 2.Dd7+ S:d7! (nicht 1.- T:f8 2.Sc3#); 1.Dd7+ Tb5 2.f8D! (3.Db4#) T:f8 (nicht 2.- S:f8 3.Sc5#) 3.Dd1+ Tb3 4.Sc3#

14) Rupert Munz

Schach 2012

wKe2, wDf1, wLc5, wSa5, wBd7, sKb8, sTa8h8, sLg1, sSf2, sBa2a6e5

#4 (5+8)

Nr. 14: 1.Dg2? (2.Db7#) Se4! 2.Ld6+ S:d6 (nicht 1.- e4? 2.Dg3#; auf 1.- Ta7? folgt 2.Ld6+ Tc7 3.Db7#); 1.Ld6+! Ka7 2.Dg2! (3.Db7#) e4 3.Lc5+ Kb8 4.Dg3#; 2.- Se4 3.D:g1+ Sf2/Sc5 4.D:S#; 2.- Kb6 3.Db7+ K:a5 4.Db4#; 2.- Ta-b8,Th-b8 3.Lc5+ Tb6 4.Db7#

15) Rupert Munz

Schach-Aktiv 2012

wKh8, wDf3, wLe1, wSd7, sKg5, sTb6c7, sLa7c2, sSc8, sBd3e2g6g7

#4 (4+10)

Nr. 15: 1.Se5? (2.Ld2+ Kh4 3.Dg4#) Tb4! 2.Ld2+ Le3 (nicht 1.- Tc4? 2.Sf7#); 1.Ld2+! Kh4 2.Se5 (3.Dg4#) Tc4 (nicht 2.- Tb4? 3.S:g6#) 3.Le1+ Kg5 4.Sf7# (Satz: 1.- Kh6 2.Dh3+ Kg5 3.Ld2#)

Es ist aber offensichtlich, dass die Darstellungsmittel wegen der begrenzten Zügezahl stark eingeschränkt sind. Weiß muss sehr forciert vorgehen, also häufig Schach bieten bzw. kurz drohen, so dass es leicht passieren kann, dass der dargestellte Inhalt allzu banal erscheint 10)

Weiterentwicklungsmöglichkeiten der Idee

Wie eine Weiterentwicklung der GSV möglich ist, möchte ich anhand der Nr. 17 vorstellen. Die GSV dient hier selbst als Basis für eine darauf aufbauende Bearbeitung des Nowotny-Themas. Es wird also ein eigenständiges Thema dargestellt auf Basis der GSV-Matrix, die ihrerseits auf dem Pendelmechanismus aufbaut. In dieser Aufgabe wird sozusagen eine dritte thematische Schicht aufgetragen.

16) Rupert Munz

Schach in
Schleswig-Holstein 2012

wKe1, wDc1, wTe5, wLf6, sKa1, sTd6f5, sLb1f8, sSf1, sBd5e4

#4 (4+8)

Nr. 16: 1.T:d5+? Td:f6! 2.Da3+ L:a3 (nicht 1.- Tf:f6? 2.Ta5#); 1.Da3+! La2 2.T:d5+ Tf:f6 (nicht 2.- Td:f6? 3.Td1#) 3.Dc1+ Lb1 4.Ta5#

17) Uwe Karbowiak
Rupert Munz

Schach-Aktiv 2012

3. Preis

wKd8, wTg8, wLf5, wSe7g5, wBf4, sKh6, sTe1f6, sLb1, sSe8, sBa2c7d6h5

#7 (6+9)

Die Nr. 17 gehört wie die Nr. 12 zur Sonderform der GSV. Die Besetzung des Nowotny-Schnittpunkts durch den Zug Le4 ist der Zentralzug der GSV. Es entstehen zwei Drohungen, eine kürzere in zwei Zügen und eine längere in vier Zügen, die die Systemverlagerung einschließt. In der Ausgangsstellung schaltet nach 1.Le4 die Verteidigung gegen die kürzere Drohung 1.- L:e4 auch die längere Drohung aus, denn der sL kontrolliert jetzt das Feld h7, so dass die nachgeordnete Systemverlagerung nicht mehr möglich ist (2.Th8+ Kg7 3.Th7+ L:h7). Führt Weiß zuerst die Systemverlagerung durch, sind nach der Besetzung des Nowotny-Schnittpunkts kurze und lange Drohung reziprok vertauscht. Schwarz muss sich gegen die kürzere Drohung durch Schlag mit dem Turm verteidigen, die längere Drohung einschließlich der Systemrückverlagerung führt zum Matt.
Nr. 17: 1.Le4? (droht 2.Tg6+ und 2.Th8+ Kg7 3.Th7+ Kf8 4.Tf7+) L:e4! 2.Th8+ Kg7 3.Th7+ L:h7!; 1.Th8+! Kg7 2.Th7+ Kf8 3.Le4! T:e4 (3.- L:e4? 4.Tf7+ T:f7 5.Se6#) 4.Th8+ Kg7 5.Tg8+ Kh6 6.Tg6+ T:g6 7.Sf5#

Diese Bearbeitung des Nowotny-Themas, die von den Verfassern mit einem Augenzwinkern "einbeiniger Nowotny" genannt wurde, kann wie folgt beschrieben werden: Nach der Besetzung eines Nowotny-Schnittpunkts entstehen zwei ungleich lange Drohungen, wobei Schwarz sich gegen die kürzere Drohung durch Schlag auf dem Nowotny-Schnittpunkt wehrt und Weiß mit der längeren Drohung Matt setzt. ("Der Nowotny steht nur auf einem Bein.") In einem thematischen Probespiel scheitert die Besetzung des Nowotny-Schnittpunkts mit reziproker Vertauschung der kurzen und der langen Drohung.

Der Preisrichter Hans Peter Rehm kritisierte an dieser Aufgabe zum einen, dass nicht beide Drohungen mit einem reinen Matt enden und zum andern, dass der schwarze Springer auf e8 unbeschäftigt ist. Diese Hinweise führten zur Weiterentwicklung mit der nächsten Aufgabe, die hier als Urdruck vorgestellt wird.

18) Rupert Munz

Urdruck

wKb8, wTa4h7, wLh4, wSe7g5, sKf8, sTe1f6, sLb1, sSe8, sBb3d6f2f3f5h5

#7 (6+11)

In der Nr. 18 ist mit der Zugmöglichkeit 1.Th8+ Kg7 2.Tg8+ Kh6 3.Th8+ Kg7 4.Th7+ Kf8 eine Systemverlagerung vor und zurück durch Pendeln im Sinne von Stefan Schneider durchführbar, denn der Fluchtversuch 1.- K:e7 führt nach 2.Ta7+ Kd8/Sb7 zum kurzen Matt durch 3.Sf7 bzw. 3.T:b7. In der Grundstellung droht der Zentralzug 1.Te4 (ausschließlich) die Abspiele 2.Tf7+ T:f7 3.Se6# und 2.Th8+ Kg7 3.Tg8+ Kh6 4.Tg6+ T:g6 5.S:f5#. Der Verteidigungszug sT:e4 wehrt die kurze Drohung ab. Gleichzeitig verliert Weiß aber auch die Möglichkeit zur Systemverlagerung, denn jetzt ist die Flucht des schwarzen Königs über e7 erfolgreich (2.Th8+ K:e7!). Wird zuerst die Systemverlagerung 1.Th8+ Kg7 2.Tg8+ Kh6 durchgeführt, droht der Zentralzug 3.Te4 (ausschließlich) die Abspiele 4.Tg6+ T:g6 5.S:f5# und 4.Th8+ Kg7 5.Th7+ Kf8 6.Tf7+ T:f7 7.Se6#. Schwarz verteidigt sich mit 3.- L:e4 gegen die kürzere Drohung. Die Systemrückverlagerung ist jetzt problemlos möglich, da der weiße Läufer g5 deckt. Es folgt 4.Th8+ Kg7 5.Th7+ Kf8 6.Tf7+ K:f7 7.Se6 mit Matt. Die asymmetrische Aufstellung des weißen Läufers ist hier der konstruktionstechnische Trick, der die nachgeordnete Systemverlagerung verhindert (vgl. zweiter Aspekt). Wird die Systemverlagerung mit dem Zug 1.Th8+ Kg7 nur teilweise ausgeführt (vgl. dritter Aspekt), dann stellt der Zentralzug 2.Te4 die Besetzung eines Nowotny-Schnittpunktes im herkömmlichen Sinn dar, und es droht jeweils dreizügig 3.Tg8+ Kh6 4.Tg6+ T:g6 5.S:f5# und 3.Th7+ Kf8 4.Tf7+ T:f7 5.Se6#. Dieser Versuch scheitert ausschließlich an 3.- K:h8!.
Nr. 18: 1.Te4? (droht 2.Tf7+ T:f7 3.Se6# und 2.Th8+ Kg7 3.Tg8+ Kh6 4.Tg6+ T:g6 5.S:f5#) T:e4! 2.Th8+ K:e7!; 1.Th8+! Kg7 2.Tg8+ Kh6 3.Te4! L:e4 (3.- T:e4? 4.Tg6+ T:g6 5.S:f5#) 4.Th8+ Kg7 5.Th7+ Kf8 6.Tf7+ T:f7 7.Se6#; 1.- K:e7 2.Ta7+ Kd8/Sc7 3.Sf7#/T:c7#

19) Ralf Krätschmer

JT Mario G. Garcia 65
2013

2. Ehr. Erwähnung

wKa4, wTh7, wLd2e6, wSg3g8, wBb3b4c4c6d5f4f7, sKf8, sDb1, sTc1c8, sLb2, sSb8, sBa3c7d3e4g4

#8 (13+11)

In der Nr. 19 von Ralf Krätschmer entsteht erst nach der effektbetonten Einleitung 1.Se7 K:e7 2.Sf5+ Kf8 die Ausgangssituation für die Darstellung des "einbeinigen Nowotnys" auf Basis der Sonderform der GSV in gleicher Art wie in den beiden vorhergehenden Aufgaben. Zentralzug ist der Zug wLc3.
Nr. 19: 1.Se7! K:e7 2.Sf5+ Kf8 3.Sh4 (nicht 2.Lc3? L:c3!) 3.- Ke7 4.Sg6+ Kd6 5.Lc3! T:c3 (5.- L:c3 6.d5#) 6.Sh4 Ke7 7.Sf5+ Kh8 8.Th8#

20) Ralf Krätschmer

Urdruck

wKb1, wTe6g4, wLd3h2, wSe7, sKd1, sTa8c7, sLb7c1, sBa4d2f2f4

#9 (6+9)

Die Nr. 20 von Ralf Krätschmer, die wieder auf der Basis der Sonderform der GSV den "einbeinigen Nowotny" zeigt, geht einen Schritt weiter: Hier kann Schwarz den Nowotny-Schnittpunkt durch einen Opferzug wieder räumen. Durch eine Wiederholung der Systemverlagerung kann Weiß dann allerdings das Fehlen der Verteidigungskraft im Parallelsystem zum Mattsetzen ausnutzen. Ein sehr guter, weiterführender Gedanke! Ich danke dem Verfasser, dass er mir diese schöne Aufgabe als Urdruck in diesem Aufsatz überlassen hat.
Nr. 20: 1.Sc6? (droht 2.Lc2# und 2.Le2+ Ke1 3.Lf3+ Kf1 4.Lg2#) T:c6! 2.Le2+ Ke1 3.Lf3+ T:e6!; 1.Le2+! Ke1 2.Lf3+ Kf1 3.Sc6! (droht 4.Lg2# und 4.Le2+ Ke1 5.Ld3+ Kd1 6.Lc2#) L:c6 4.Le2+ Ke1 5.Ld3+ Le4! 6.T:e4+ Kd1 7.Le2+ Ke1 8.Lf3+ Kf1 9.Lg2#

Die Beispiele dieses Abschnitts zeigen, dass das Baumuster der GSV geeignet ist, selbst als Grundgerüst für spezifische Themenbearbeitungen verwendet zu werden. Dies muss nicht zwingend der "einbeinige Nowotny" als Thema sein. Hier sind sicher auch andere Themenkombinationen möglich.

21) Rupert Munz

Urdruck

wKa2, wTf7g4, wSe3e4, wBg6, sKh5, sTf1h6, sLe1, sSd7, sBe2h3

#4 (6+7)

Mit der Nr. 21 wird zum Abschluss noch ein Beispiel gezeigt, wie die Kombination GSV-Sonderform plus "einbeiniger Nowotny" in einer vierzügigen Fassung aussehen kann.
Nr. 21: 1.Tf2? (droht 2.Sg3# und 2.Tg5+ Kh4 3.Sf5#) T:f2 2.Sg3# bzw. 1.- L:f2 2.Tg5+ Kh4 3.Sf5#, aber 1.- T:g6!; 1.Tg5+! Kh4 2.Tf2 (droht 3.Sf5# und 3.Tg4+ Kh5 4.Sg3#) 2.- T:f2 3.Tg4+ Kh5 4.Sg3#; Satz: 1.- T:g6 2.Th7+ Th6 3.Tg5+ Kh4 4.T:h6#

Resümee

Der vorliegende Aufsatz möchte Interesse für ein bisher wenig beachtetes Mehrzügerthema wecken. Die vorgestellten Aspekte sollen als Anleitung zur Aufgabenanalyse und als Hilfsmittel zur Themenabgrenzung dienen. Die Gut-Schlecht-Vertauschung bietet ein Baumuster, mit dem auch längere Mehrzüger (ab neun Züge) gut realisierbar sind und auf dem weiterführende Themen aufbauen können. In einer mittleren Länge (sechs bis acht Züge) wirkt die Gut-Schlecht-Vertauschung vermutlich am überzeugendsten. Die theoretisch kürzeste Form (vier Züge), die aufgrund der hohen Verdichtung ihre eigenen Reize hat, bietet noch die Herausforderung, eine Fassung zu finden, bei der Weiß (außer dem Mattzug) ohne Schachgebote auskommt. Wem gelingt die Erstdarstellung?

Fußnoten:
1) Dieser Aufsatz basiert auf meinem Vortrag anlässlich des ersten "Zweikönigstreffen der Problemschachfreunde Baden-Württembergs" am 12. Mai 2012 in Sindelfingen. Ganz wesentliche inhaltliche Erweiterungen in Bezug auf die historischen Wurzeln der Problemidee und auf die thematische Strukturierung ergaben sich aus vielen, wertvollen Hinweisen von Stephan Eisert, dem ich an dieser Stelle herzlich danken möchte. 2) Nicht wiedergegeben wird [Rupert Munz, Die Schwalbe 1984, Lob, #7], die als Vorstufe zu Nr. 12 anzusehen ist.
3) Stephan Eisert schlägt in Anlehnung an das Fleck-Thema die Bezeichnung "gebundene Form" und "freie Form" vor.
4 Hierzu ist ergänzend die Anmerkung von Dieter Kutzborski unter "Bemerkungen und Berichtigungen" in: Die Schwalbe 1995, Heft 153, S. 114 zu erwähnen.
5) Herbert Grasemann spricht sogar vom "Virus der Pendelitis", der die Problemisten reihenweise befallen habe (vgl. Schach ohne Partner für Könner, München 1982, S. 108).
6) Dieser Klassiker von Stefan Schneider wird in dem Buch Hans + Peter + Rehm = Schach, Edition feenschach-phénix 1994, S.77 ohne den sTh1 zitiert, der für die Korrektheit nicht erforderlich ist. Zum Abdruck mit oder ohne Turm schrieb mir Hans Peter Rehm zuletzt: "Das ist eine noch wenig diskutierte Frage, ob man solche kleinen Verbesserungen alter Stücke, wo der Autor nicht mehr lebt, bei der Wiedergabe machen sollte. Man kann ja auch aus Ehrfurcht dafür sein, immer das Original zu reproduzieren und die Verbesserungsmöglichkeit als Fußnote vermerken." Für Letzteres habe ich mich in diesem Fall entschieden.
7) Zu dieser Aufgabe schrieb mir der Problemredakteur Friedrich Chlubna, dass ihm das latent drohende Matt des weißen Königs nicht gefallen würde und dass er eine Fassung mit einem Platz ohne Schachgefahr für den weißen König bevorzugen würde. Da ich glaube, dass Friedrich Chlubna mit dieser Meinung nicht alleine ist, möchte ich hier kurz Folgendes anmerken: An der Tatsache, dass der Ablauf von Anfang bis Ende nur aus Schachzügen besteht, würde sich auch bei geschützter Position des weißen Königs nichts ändern. Dies würde aber auf jeden Fall eine deutlich höhere Steinzahl erfordern. Die Mattgefahr des weißen Königs weist nur darauf hin, dass Weiß durchgängig Schach bieten muss. Welche Schachzüge erforderlich sind und in welcher Reihenfolge diese gespielt werden müssen, ist aus meiner Sicht immer noch hinreichend problemhaft. Ich selbst mag diese Aufgabe wegen ihrer "radikalen Ehrlichkeit" sehr.
8) Die formalen Elemente der Nr. 10 haben Bezüge zu früheren Aufgaben: Der Hauptplan erinnert an einen bekannten Vierzüger von Manfred Zucker [FIDE-Album 1977-1979, Nr. 387]. Und der verwendete Pendelmechanismus ist teilweise schon in einem Zwölfzüger von Josif Kricheli zu sehen [FIDE-Album 1977-1979, Nr. 484], bei dem eine heute mögliche Computerprüfung bedauerlicherweise mehrfache Duale aufdeckt.
9) In gewisser Weise liegt auch in Nr. 7 der Fall vor, dass nach dem Zentralzug der Systemwechsel mit droht: Der Zug 1.L:e4 droht neben dem markanten Kurzmatt 2.L:c6 auch den Hauptplanzug Tb-b7 sowie zusammen mit der Systemverlagerung des wS nach e6 den analogen Zug Tg-b7. Angesichts der scharfen Drohung durch das einzügige Matt kann dieses Nebenspiel m. E. aber vernachlässigt werden.
10) Ein Löserkommentar zu Aufgabe Nr. 14 sei hier exemplarisch zitiert: "Der Schlüssel ist so schlecht, dass er schon wieder gut ist." (vgl. Schach 1/2013, S. 75)

 


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