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Heft 266, April 2014

 


Hans Gruber: Wolfgang Dittmann (* 14. Juni 1933 - † 5. Februar 2014) 413
Aktuelle Meldungen 414
Eberhard Schulze: Das Kassenwort des Kassenwarts zum Jahresanfang 2014 417
Ausschreibung Arnold Beine 60 Jubiläumsturnier 418
Entscheid im Informalturnier 2011-2012, Abteilung Mehrzüger 420
Hartmut Laue: Dies# fiel mir auf (4) 424
Entscheid im Informalturnier 2011-2012, Abteilung Studien 425
Eberhard Schulze: Viertes Treffen der Baden-Württembergischen Problemschachfreunde 429
Herbert Kromath: Dreizüger-Revue (8) 430
Jochen Schröder: Unechte echte Fesselungen imt take&make-Schach 431
Andreas Thoma: Zweizügige Procas 434
Peter Hoffmann: Doppelrochade à la Knöppel im Feldräumungstask 437
Bernd Schwarzkopf: Tempoverlustspiele 438
Urdrucke 440
Lösungen der Urdrucke aus Heft 263, Oktober 2013 449
Bemerkungen und Berichtigungen 469
Turnierberichte 469

 

Wolfgang Dittmann (* 14. Juni 1933 - † 5. Februar 2014)

von Hans Gruber, Bobingen

Die Schwalbe trauert um ihren früheren 1. Vorsitzenden Wolfgang Dittmann, der im Alter von 80 Jahren nach längerem Krankenhausaufenthalt in Berlin starb.

Wolfgang Dittmann war in vielen Bereichen der Schachkomposition tätig, zunächst - vom Partieschach kommend - als Studienkomponist, später aber insbesondere als Retrokomponist von Weltklasseformat. Seine unbestrittene Domäne war der Verteidigungsrückzüger, sowohl orthodox als auch in den letzten Jahren unter Verwendung der Anticirce-Bedingung, die besondere Dynamik in die Rücknahme von Schlagfällen bringt. Dass er aber in allen Sätteln der Retrokomposition nicht nur zuhause, sondern ein Könner ersten Ranges war, lässt sich aus seinem Buch Der Blick zurück. Eine Einführung in die Retroanalyse mit einer Auswahl eigener Aufgaben (Editions feenschach - phénix, Aachen 2006) leicht erschließen. Dieses Buch macht zugleich deutlich, wo Wolfgang Dittmanns allergrößte Expertenschaft zu finden war: In der Sprache, die sich in Wort und Text durch ungemeine Feinheit, Überlegtheit und Klarheit auszeichnete. Das, was ihn zu seiner beruflichen Tätigkeit als Professor für Ältere deutsche Sprache und Literatur an der Freien Universität Berlin prädestinierte, kam ihm auch im Schach zugute. Die Transparenz der Denk- und Sprechprozesse von Wolfgang Dittmann war besonders dann beeindruckend, wenn in diesen Prozessen komplexe und komplizierte Sachverhalte zum Ausdruck kamen und entsprechende Herausforderungen zu bewältigen waren. Es ist kein Wunder, dass das Retro zu seinem schachlichen Lieblingsgenre wurde.

Die Schwalbe konnte und durfte von diesen Fähigkeiten Wolfgang Dittmanns in unerhörtem Umfang profitieren - in einer schwierigen Situation erklärte er sich bereit, als 1. Vorsitzender zu fungieren (1982-1988). Seine Amtszeit war für die Schwalbe eine Goldene Ära - er stand für einen bis dahin nicht bekannten Führungsstil, der auf seiner sachlichen Kompetenz und seiner souveränen, menschlichen Umgangsweise beruhte. Beides zusammen sicherte ihm große Autorität, die er niemals autoritär erkämpfen oder erhalten musste, sondern die ihm bereitwillig zugestanden wurde. Unter seinem Vorsitz änderte die Schwalbe rasch ihre - wie man heute sagen würde - Corporate Identity und wurde zum Sammelbecken engagierter Mitarbeiter, die die Vereinigung in vielerlei Hinsicht voran brachten. Zu dem von Wolfgang Dittmann mit Energie aufgebauten Außenbild gehörte auch die Darstellung der Schwalbe und ihrer Geschichte beim Deutschen Schachbund in einem großen Vortrag 1984. Von den Ergebnissen des in diesem Vortrag vermittelten hervorragenden Bildes der Schwalbe beim Deutschen Schachbund profitiert die Vereinigung noch heute. Die Identität der Schwalbe hielt Wolfgang Dittmann schließlich in dem 1988 erschienen Buch Der Flug der Schwalbe fest. (An einer 2., erweiterten Auflage arbeiteten wir gemeinsam, sie wird hoffentlich in naher Zukunft erscheinen können.)

Als Wolfgang Dittmann wegen familiärer und beruflicher Gründe 1988 aus dem Vorstand der Schwalbe ausschied, war "das Haus gerichtet". Die intensive Gestaltung der Vereinigung prägte die Schwalbe aber auch danach noch - und prägt sie noch heute. Dafür sind wir Wolfgang Dittmann dankbar.

Seiner Familie - der ich mehrfach in Berlin begegnen konnte - gilt mein Beileid und das aller Schwalbe-Mitglieder.

Hans Gruber, 1. Vorsitzender der Schwalbe

Dies# fiel mir auf (4)

von Hartmut Laue, Kronshagen

Während der direkte Zweizüger seit langem davon lebt, daß sich das Geschehen in ihm auf mehrere Phasen verteilt, darf man im einphasigen Selbstmatt-Zweizüger durchaus auch heute noch Originelles und Tiefgründiges erwarten: Ist doch das strategische Potential infolge der Natur der Selbstmatt-Bedingung erheblich reichhaltiger, das der Begründungen für Hieb und Stich deutlich vielschichtiger als im Direktmatt. So ist eine Fesselung im Selbstmatt eben nicht generell als etwas für die Partei des Gefesselten Hinderliches anzusehen, obwohl es das natürlich auch sein kann; das Gleiche gilt im umgekehrten Sinne für eine Entfesselung. Eine schöne Illustration dazu bietet die nachstehende Aufgabe:

Emanuel Navon

Liga na Makedonski
Problemisti 2007

1. Platz

wKc6, wDc1, wLg8, wSe4g6, wBa2b7c3c7e2, sKc4, sDh3, sTa5d8, sLh1, sSe3f7, sBa4a6a7c5

s#2 (10+11)

Nach 1.Da3! droht 2.D:c5+ T:c5#. Zwar verteidigt jede Entfesselung des wSe4 dagegen, jedoch kann Weiß gerade solche als schädigend gedachte Befreiung nutzen, wie die Variante 1.- Sg2 2.Sd6+ T:d6# zeigt. Darin wird eine erste Motivinversion erkennbar. Das Wirkungsfeld, bei dem es Schwarz bei seiner Verteidigung ging, heißt allerdings c5; das Feld, auf das sich der wS in der Nutzung bewegt, dagegen d6. Daher ist der S-Zug, auf dem es Schwarz bei seiner Parade ankam, ein anderer als der, mit dem Weiß die Parade nutzt; wir sprechen daher von Motivinversion im weiteren Sinne.
 
Schwarz kann aber besser entfesseln, nämlich so, daß er zugleich diese weiße Nutzung unterbindet: Nach 1.- Sd5(!) würde nämlich 2.Sd6+? mit 2.- S:d6! widerlegt. Es handelt sich daher um eine fortgesetzte Verteidigung, genauer gesagt: eine Verteidigung 2. Grades; sie verteidigt über die Primärdrohung hinaus in einem (Atem-)Zuge auch gegen die für die nach verteidigender Entfesselung des wS ohne weitere Zutat bereitliegende Antwort. Jedoch erlaubt die Sekundärparade nun neuerdings 2.Se5+ S:e5#. Es lohnt sich, diese neue Selbstschädigung genauer zu betrachten: Das sekundäre Verteidigungsmotiv des Schwarzen besteht darin, (über den wSe4 hinaus auch) den sSf7 zu entfesseln, damit dieser nach d6 ziehen kann. Weiß aber gelangt daraufhin ausgerechnet durch die von Schwarz herbeigeführte Befreiung des sSf7 zum Ziel: Es liegt eine zweite, der Sekundärverteidigung zuzuordnende Motivinversion vor, hier nicht (wie oben, Aktivierung des wSe4) auf einen weißen, sondern auf einen schwarzen Stein bezogen (Aktivierung des sSf7). Auch hier stimmen Wirkungsfeld im Verteidigungssinne (d6) und Nutzungsfeld durch Weiß (e5) nicht überein, so daß man auch hier von Motivinversion im weiteren Sinne sprechen muß. Es ist pikant, wie die primär beobachtete Entfesselungsthematik um die Felder c5, d6 sich jetzt, nach der Sekundärverteidigung,unter Farbwechsel wiederholt, und zwar in auch optisch analoger Weise auf den Feldern d6, e5.

Wohl wäre dies bereits Genuß genug, doch der Autor serviert uns einen dritten Gang, für den in gewissem Sinne die Flamme noch höher gestellt wird: Schwarz kann nämlich auf eine weitere Weise den wSe4 sowie zugleich den sSf7 entfesseln, und zwar so, daß damit sogar beide eben gesehenen weißen Nutzungen (auf d6 bzw. e5) unterbunden werden: Nach 1.- Td5(!!) scheitert 2.Sd6+? wie eben an 2.- S:d6!; aber die Entfesselung des sSf7 läßt sich nun nicht durch 2.Se5+? ausnutzen, weil ein Td5 im Gegensatz zu einem Sd5 seitliche Kräfte hat: 2.- T:e5!, d. h. die fortgesetzte Verteidigung 1.- Td5 beugt nicht nur der Antwort 2.Sd6+ durch Entfesselung des sSf7 vor, sondern zugleich auch noch dem Versuch 2.Se5+ der Nutzung eben dieser Entfesselung. Nach der Verteidigung 1. Grades 1.- Sg2 und der Verteidigung 2. Grades 1.- Sd5 liegt daher mit 1.- Td5 eine Verteidigung 3. Grades vor. Es handelt sich um alles andere als parallele Varianten, sondern um eine echte Steigerung. Wie oberflächlich wäre es, hier einfach von "drei Entfesselungen des wS" zu sprechen! Es muß nicht jede Steigerung durch eine neue Zugwahl desselben Steines entstehen. Unverzichtbare Voraussetzung für den Charakter einer Steigerung ist es dagegen, daß die Verteidigungen dasselbe primäre Verteidigungsmotiv haben, hier die Ermöglichung des Zuges 2.S:c5. Darin unterscheidet sich der Zug 1.- Td5 in keiner Weise von den Springer-Verteidigungen; es spielt nicht etwa auch die Einwirkung des sTd5 auf das Feld c5 eine (Verteidigungs-)Rolle, denn nach 2.D:c5+? wäre 2.- Td:c5?? tatsächlich ein Mattzug. Wäre dies anders, so wäre der beschriebene Steigerungscharakter in seiner Reinheit beeinträchtigt, aber auch hier hält die Aufgabe jedem kritischen Blick stand. Und was geschieht nun nach 1.- Td5 ? Ganz einfach: 2.Sd2+ T:d2# - womit der Vorhang endgültig fällt. Noch einmal hat Weiß die von Schwarz gewollte Entfesselung des wS zu seinen Gunsten verwenden können: Zum dritten Mal liegt eine Motivinversion im weiteren Sinne vor, hier wieder bezogen auf das primäre Verteidigungsmotiv. Nur die letzte Variante übrigens zeigt das gute alte Dentist-Thema, bei dem ein weißer Stein (hier: Se4) entfesselt wird und die Entfesselung so nutzt, daß er den entfesselnden Stein (hier: Td5) mit Selbstmatt-Effekt aus der Batterielinie zwingt (hier: nach d2).


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