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Heft 259, Februar 2013  

 


Volker Gülke: Editorial 1
Aktuelle Meldungen 2
Eberhard Schulze: Kassenwort des Kassenwarts 5
Hans Gruber: Dreizüger-Revue (1) 6
Erik Zierke: Wie läßt sich das Berlin-Thema attraktiv darstellen? 7
Hartmut Laue: Dies# fiel mir auf (1) 18
Entscheid im Geburtstagsturnier Gerhard Josten–75 19
Eberhard Schulze: Zweites Treffen der Baden-Württembergischen Problemschachfreunde 22
Entscheid im Informalturnier 2010, Abteilung Selbstmatts (2- und 3-Züger) 23
Urdrucke 25
Lösungen der Urdrucke aus Heft 256, August 2012 33
Bemerkungen und Berichtigungen 51
Web-Site Besprechungen 52
Turnierberichte 53

 

Dreizüger-Revue (1)

von Hans Gruber, Regensburg

Hereinspaziert!

In der neuen Serie "Dreizüger-Revue" möchte ich Ihnen pro Heft Anregung geben, sich mit dem Dreizüger zu beschäftigen. Sie dürfen das kommentieren, kritisieren, ergänzen - oder womöglich einfach genießen. Oder natürlich selbst einen Revue-Artikel (bitte möglichst nur ein Diagramm) verfassen!

Wir beginnen die Dreizüger-Revue mit einem Beitrag eines nach langem Abtauchen bei der Schwalbe-Tagung in Traunstein 2012 aus Kroatien angereisten ausgesprochenen Dreizüger-Spezialisten, Herbert Kromath.

Herbert Kromath

1200 Die Schwalbe

II-III/1963

wKd7, wDa8, wLg3, wSc6d6, sKd5, sTf1, sLc1g2, sSh3h6, sBb4c4c5e5e6f6g5

#3 (5+13)

Zu seinem Problem schreibt Herbert Kromath:

"Werner Speckmann hat meinen Dreizüger in seinem Buch Das logische Schachproblem veröffentlicht, mit einer sehr ausführlichen, gut verständlichen Beschreibung. Meine folgende Aufschlüsselung ist dafür gedacht, alle Blöcke zum Nachzählen leichter sichtbar zu machen. Angeführt werden nur die Blockfelder, auf denen Spiel stattfindet: f4, g5, c1 (f1, h3).
1.Da6? [2.D:c4#] (1.- Tc1? Block) Tf4! (1.- Lf1? Block)
1.De8? [2.D:e6#] (1.- Sg5? Block) Sf4! (1.- Lh3? Block) 1.Lf4! [2.S:e5+,S:b4++ Ke4 3.Sb5#]
1.- S:f4 2.Da6! 3.D:c4# (2.- Tf4? Block; 2.- Tc1? Block) (2.- Lf1? Block)
1.- T:f4 2.De8! 3.D:e6# (2.- Sf4? Block; 2.- Sg5? Block) (2.- Lh3? Block)
1.- g:f4 (2.De8? Antiblock Sg5!) 2.Da6 3.D:c4# (2.- Tf4? Block; 2.- Tc1? Block) (2.- Lf1? Block)
1.- L:f4 (2.Da6? Antiblock Tc1!) 2.De8 3.D:e6# (2.- Sf4? Block; 2.- Sg5? Block) (2.- Lh3? Block)
1.- e:f4 2.Da6 3.D:c4# (hier bleiben alle Verteidigungsfelder blockiert, aber die Öffnung der e-Linie verhindert auch 2.De8)
Ist diese Aufgabe ein Rekord?"

Wer weiß eine Antwort?

Werner Speckmann verweist a. a. O. auf das die wechselseitige Blockung von schwarzem Turm und schwarzem Springer sowie die Dualvermeidungen durch Entblockung, die auch bereits in den Probespielen zu finden ist, wenn Weiß den Verteidiger schlägt: 1.Da6? Tf4! 2.L:f4 Lf1! bzw. 1.De8? Sf4! 2.L:f4 Lh3!

Dies# fiel mir auf (1)

von Hartmut Laue, Kronshagen

Manchmal flattert mir ein Magazin oder ein Preisbericht ins Haus, bei dessen Lesen der Blick an einem Selbstmatt hängen bleibt. Es ruft Gespräche mit anderen Freunden des Selbstmatt wach, es fordert zu genauer Beschäftigung heraus - diesmal auch zum Griff zur Tastatur (früher hätte man gesagt: "zur Feder"), hoffentlich nicht nur zur Langeweile der Schwalben. Auf einem hohen Platz eines aktuellen Turniers landete folgende Aufgabe:

Eugeniusz Iwanow

11. Solving Grand Prix
Warschau 2012

1.-2. Preis e.a.

wKa6, wDa4, wTc8d1, wLb7e7, wSd2e2, wBa7c3d6, sKc5, sTf3g4,
sLc7f1, sSe1, sBc4g2

s#3 (11+8 )

Wie das Satzspiel 1.- L:e2 2.Sb3+ c:b3+ 3.Db5+ L:b5# zeigt, steht nur die Masse des wSe2 dieser zweizügigen Selbstmatt-Abwicklung entgegen, die man daher durch beliebigen Wegzug 1.Se~? (z.B. 1.Sg1?) zum Drohspiel erheben kann. Schließt Schwarz nun die zu seinem Nachteil geöffnete Wirkungslinie des sLf1 mit 1.- Td3, so folgt dennoch 2.Sb3+ c:b3, da zwar dem sL der Weg nach b5 versperrt ist, aber gerade wegen der Sperrung der Läuferlinie Weiß auch nicht im Schach steht und deswegen Zeit hat zu 3.d7+! mit Doppelschachmatt durch 3.- Td6#. Dagegen ist der andere mögliche Sperrzug, 1.- Sd3!, als Parade erfolgreich.
Der fortgesetzte Angriff 1.Sf4(!)? stellt nun als Verbesserung des beliebigen S-Startzuges gegen 1.- Sd3 die Antwort 2.Sb3+ c:b3 bereit, wieder ausnutzend, daß die auf das Wirkungsfeld b5 gemünzte absichtliche Verstellung des sLf1 zugleich unfreiwillig den Zug 2.- c:b3 nicht mehr Schach bieten läßt und dadurch Weiß die Möglichkeit zu 3.Db4+! gibt, mit Doppelschachmatt durch 3.- S:b4#. Weiß hat - in dieser Variante erfolgreich - im 1. Zug den sTg4 verstellt und ihm dadurch die Wirkung auf das Feld b4 genommen. Die Masse des wS, ehemals störend auf e2, wird nunmehr zum Nutzen des Weißen auf f4 eingesetzt. Doch ausgerechnet diese Verstellung der Linie des sTg4 ist es nun, die Schwarz zu einer wirksamen Parade befähigt: 1.- T:c3! Dieser Zug, der in der Ausgangsstellung mit sofortigem 2.Da3+ beantwortet würde, macht keine Schwierigkeiten, solange die nach Wegzug des Se2 fehlende Deckung des Feldes d4 mittels 2.Se4+ T:e4 durch den wTd1 wiederhergestellt werden kann und dann 3.Da3+ erfolgreich ist. Ausgerechnet nach 1.Sf4? aber kann der sTg4 nicht auf e4 schlagen, so daß es Weiß nicht gelingt, sich zur Deckung von d4 des störenden Sd2 zu entledigen: Die im Hinblick auf das Wirkungsfeld b4 absichtliche Verstellung des sTg4 nimmt diesem ungewollt auch die Wirkung auf das Feld e4 und kann deswegen von Schwarz zu einer erfolgreichen Parade ausgenutzt werden.

Weiß greift daher zu der Möglichkeit, mit dem gesteigerten fortgesetzten Angriff 1.Sd4! die Wirkung des sTg4 auf das Feld b4 so zu unterbinden, daß seine Wirkung auf das Feld e4 erhalten bleibt - obwohl dieser Zug wegen der Einwirkung auf das Mattfeld b5 sogar die Drohung außer Kraft zu setzen scheint. Tatsächlich muß es darin nunmehr 2.S4b3+! lauten, um diese schädliche Wirkung des Schlüssels aufzuheben. Nach 1.- T:c3 kann nun die Scharte des temporär ungedeckten Feldes d4 mit 2.Se4+ T:e4 ausgewetzt werden, nebst 3.Da3+ T:a3#. Aber noch ein weiteres Anti-Ziel-Element des Schlüssels ist zu vermerken: Auf d4 (statt f4) verstellt der wS nach 1.- Td3 den Weg des sT nach d6, macht also die im vorvorigen Absatz angegebene Variante zunichte (2.S(2)b3+ c:b3 3.d7+?? matt!) : Zum dritten Mal steht die Masse jenes wS auf einer schwarzen Linie dem Erfolg des Weißen entgegen. Dies aber kompensiert Weiß leicht durch die schon bekannte Modifikation 1.- Td3 2.S4b3+! (jetzt mit anderem Motiv als in der Drohung), da nach 2.- c:b3 der sLf1 schußbereit und die Linie d3-d6 wieder geöffnet ist; also: 3.d7+ Td6#.

Leicht kann man am Wesen dieser modernen Aufgabe vorbeigehen, wenn man sich damit begnügt, ein aus dem direkten Zweizüger stammendes Thema-Raster anzulegen. Dann sieht man eben eine Reihe von Linienverstellungen, eine "white correction" zweiten Grades und einen schwächlichen Fortsetzungswechsel (nach 1.- Td3), den man dann womöglich auch noch aus Versehen fälschlich "Mattwechsel" nennt. Alsbald wird man das mehrfache Auftreten ein und desselben weißen Zuges monieren und die Aufgabe schließlich in der Schublade der Mittelmäßigkeit deponieren, wo sich schon so viel andere Nahrung für die irrige Folklore befindet, ein interessantes Selbstmatt könne heutzutage nur ein Mehrzüger sein.

Es bedarf der Bereitschaft, sich von solchem Tunnelblick freizumachen und davon Abweichendes nicht gleich als unerheblich abzutun, wenn man dem Kern eines Selbstmatts wie dem hier diskutierten nahekommen will: Ganz entscheidend ist es zu erkennen, daß es im Selbstmatt nicht immer für eine Partei von Vorteil ist, gewisse Zugmöglichkeiten dazuzugewinnen bzw. von Nachteil, solche zu verlieren. So ist es für Schwarz sicher ein Nachteil, nach 1.Sf4? die (spätere) Zugmöglichkeit Tg4:b4 zu verlieren - dies wie im direkten Mattproblem; aber es erweist sich für Schwarz als Vorteil, dabei die Zugmöglichkeit Tg4:e4 verloren zu haben - und dies ist ein Effekt, der im direkten Mattproblem (außer bei der für dieses Genre eigentlich atypischen Pattkombination) gar nicht denkbar ist. Dagegen kombiniert 1.Sd4! den genannten Nachteil für Schwarz mit dem, weiterhin über die Zugmöglichkeit Tg4:e4 zu verfügen, sowie den neuerlichen Vorteil für Schwarz, die Zugmöglichkeit Td3-d6 verloren zu haben. Das "Glück" des Weißen ist es nur, daß er diesen letzteren als nicht ausreichend nachweisen (also kompensieren) kann. Die Analyse der vorliegenden Aufgabe in dieser Hinsicht beginnt schon mit der Feststellung, daß bereits der erste Zug das Phänomen der Erweiterung der schwarzen Möglichkeiten als Vorteil für Weiß enthält - den Schwarz prompt durch Eindämmung derselben (mittels Verstellung seines Lf1) zu beseitigen sucht! "Analyse" beschränkt sich hier aber nicht auf die Bedeutung einer Durchmusterung jedes einzelnen Zuges nach dieser Art, sondern - und da beginnt die wirkliche Würdigung der Aufgabe - meint das umfassende Studium des Ineinandergreifens solcher "direktmattypischen" und "selbstmattypischen" Effekte. Liest man die obige Lösungsbesprechung mit diesem Blick, so erkennt man, wie kunstvoll und vermöge der fortgesetzten Angriffe dramatisch gesteigert diese kombiniert werden: Man sieht kein artfremd gewordenes Direktmatt mehr vor sich, sondern ein hochklassiges Selbstmatt.


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