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Heft 256, August 2012  

 


Entscheid im Informalturnier 2009, Abteilung Hilfsmatts in mehr als 3 Zügen 541
Entscheid im Informalturnier 2010, Abteilung Zweizüger 543
Ausschreibung GT Rainer Ehlers 549
Aktuelle Meldungen 549
Bernd Gräfrath: Studien ohne Vorspiel 551
Silvio Baier: Das Ceriani-Frolkin-Thema und seine Variationen in orthodoxen Beweispartien 553
Thomas Thannheiser: Kurze (Homebase-) Schlagschach-Pronkins 558
Eckart Kummer: Von der Beweispartie zum Pat aidé super-complet 560
Urdrucke 562
Lösungen der Urdrucke aus Heft 253, Februar 2012 570
Turnierberichte 587
Bemerkungen und Berichtigungen 591

 

Studien ohne Vorspiel

von Bernd Gräfrath, Mülheim / Ruhr

I think you're running into a lot of trouble
if your idea of foreplay is,
"Brace yourself honey, here I come!"

(Phil McGraw)

In contrast to the assumptions
of many sex therapists and educators,
more attention should be given to improve
the quality and duration of intercourse
rather than foreplay.

(Stuart Brody/Peter Weiss)

Jürgen Fleck schreibt zu den generellen Bewertungskriterien für Studien: "Die Dramaturgie sollte so gewählt sein, dass sich die Spannung langsam steigert und aufbaut, um sich dann in der Krise, einer scheinbaren Ausweglosigkeit, zu entladen." [Harry Schaack, "Die Schönheit konstruieren: Interview mit Jürgen Fleck", Karl: Das kulturelle Schachmagazin 1/2003, S. 25-29, hier: S. 27.] Aber wie nötig sind die einleitenden Züge? Bei Problemen wird auf die Zeitökonomie Wert gelegt: Wenn ein Thema in einem Vierzüger dargestellt werden kann, dann soll man dafür keinen Fünfzüger verwenden. Gelten bei Studien andere ästhetische Werte? Oder kommt es bei ihnen neben den ästhetischen Werten verstärkt auf die Schwierigkeit der Lösungsfindung an? Schon A. J. Roycroft hat in seinem Klassiker Test Tube Chess diesbezüglich auf ein "Dilemma" des Studienkomponisten hingewiesen, wenn gleichzeitig "economy and neat disguise" angezielt werden sollen. Er rechtfertigt die Einleitung (auch bekannt als "Vorspiel") letztlich damit, dass sie eine passende Verpackung darstellt: Man würde ein Meisterwerk von Rembrandt ja auch nicht ohne Rahmen präsentieren. [A. J. Roycroft, Test Tube Chess: A Comprehensive Introduction to the Chess Endgame Study (London: Faber & Faber, 1972), S. 276 f.]

SV-1
Henri Rinck

Las Noticias 1926

wKa7, wLd3, wSe2, sKf1, sLc8, sBf5

Gewinn (3+3)

In Studie SV-1 (Rinck) dominiert der weiße König (gemeinsam mit dem weißen Springer) den schwarzen Läufer: Er verfolgt den Langschritter und fängt ihn schließlich am Königsflügel: 1.Kb8! Ld7 (1.- Le6 2.Sf4+) 2.Kc7 Le8 3.Kd8 Lf7 4.Ke7 Lg8 5.Kf8 Lh7 6.Kg7 und gewinnt. Jonathan Levitt und David Friedgood betonen in ihrem Kommentar zu dieser Studie die hervorragende Materialökonomie und vermissen kein Vorspiel:
"Unusually, the above endgame has no introductory sequence (sometimes known as 'foreplay'!). It just starts in the middle of the essential action (a floating domination across the board). More often composers try to hide the main idea in order to make it harder to see, and to increase the element of surprise, but this study is exceptional, and is almost perfect presented as it stands. A natural gem!" [Jonathan Levitt u. David Friedgood, Secrets of Spectacular Chess (London: Batsford, 1995), S. 23.]

Es scheint also zumindest in manchen Fällen zweckmäßig zu sein, direkt in das Hauptgeschehen einzusteigen. Amatzia Avni treibt dieses Vorgehen in seinem vergnüglichen Buch The Amazing Chess Adventures of Baron Munchausen auf die Spitze: Er präsentiert seinen Lesern des öfteren Studien, deren Einleitung beschnitten ist, so dass die Lösung direkt mit dem spektakulärsten Zug beginnt. [Amatzia Avni, The Amazin Chess Adventures of Baron Munchausen (Newton Highlands: Mongoose, 2011).]

SV-2
Jan Timman

1984

wKg3, wTd3, wLb3, wBg2, sKh5, sTf6, sLa3, sBe2

Remis (4+4)

Man könnte den Verdacht haben, dass hier die Tatsache eine Rolle spielt, dass sowohl Levitt und Friedgood als auch Avni außerdem gute Partiespieler sind: Vielleicht haben Studienexperten andere Maßstäbe als Partiespieler entwickelt, nach denen sie Gelungenheit bewerten? Andererseits gibt es aber auch sehr gute Partiespieler, die als Studienkomponisten Wert auf ein Vorspiel legen. Jan Timman kommentiert seine Studie SV-2 selbstkritisch: "Ganz zufrieden bin ich mit dieser Studie nicht. Mich stört, daß die Pointe so abrupt aufs Brett kommt und von einem Vor- wie Nachspiel keine Rede sein kann." [Jan Timman, Ausgewählte Endspielstudien (Koblenz: Hans-Wilhelm Fink, 1995), S. 47.] Lösung: 1.Ld1 (stoppt den sBe2 durch Fesselung, weil 1.Te3? an 1.- Ld6 2.Kh3 Kg5 scheitert; z. B. 3.g3 Tf3 4.T:e2 T:g3+ 5.Kh2 Te3+ mit Gewinn) 1.- Tf3+! 2.Kh2!! e1=D 3.L:f3+ Kh4 4.T:a3 De5+ 5.Kh1 mit Remis.

Anhand der Studien SV-3 (Kliatskin), SV-4 (Selesniew) und SV-5 (Timman) kann illustriert werden, wie sich Timman eine wünschenswerte Ergänzung vorstellt. [Zum Folgenden siehe: Jan Timman, The Art of the Endgame: My Journeys in the Magical World of Endgame Studies (Alkmaar: New in Chess, 2011), S. 169 f.]

SV-3
Michail G. Kliatskin

Shakmaty 1924

wKa6, wTb8, wBa5c6, sKd6, sTa8, sSb6, sBa7

Gewinn (4+4)

Timman nennt SV-3 eine bloße "draft study". Weiß gewinnt durch 1.c7! K:c7 2.a:b6+ K:b8 3. b7 usw.

SV-4
Alexej S. Selesniew

64 1935

wKa6, wTc6, wBb6d4, sKb8, sTa8, sBa7d7d6

Gewinn (4+5)

In SV-4 wird diese Idee erweitert. Lösung: 1.Tc8+! K:c8 2.b7+ Kb8 3.d5 Kc7 4.b:a8=L! Kb8 5.Lb7 und gewinnt. Timman kommentiert: "It irritated me that Selesniev's study, however pointed, lacked fitting introductory play. I succeeded in making a study where White starts with a double rook sacrifice."

SV-5
Jan Timman

The Art of the Endgame
2011

wKa6, wTc1d5, wLf7, wBb6e4, sKb8, sDh6, sTa8, sBa7d7d6

Gewinn (6+6)

Lösung zu SV-5: 1.Tc8+! K:c8 2.b7+ Kb8 3.Tg5!! (3.Tb5? d5+) 3...D:g5 (3...d5+ 4.Tg6) 4.Ld5 D:d5 5.e:d5 usw.

Aber darf man wirklich ohne Bedenken zu opferndes Material hinzufügen? Man sollte zumindest anerkennen, dass auch bei Studien Aspekte der Materialökonomie nicht völlig außer Kraft gesetzt sind. Das heißt nicht, dass man die Sparsamkeit übertreiben soll; aber es muss deutlich werden, dass eine konkrete Investition sich lohnt und zunächst einmal zu den Kosten gerechnet werden muss. Das passende Bild ist wohl besser nicht das eines "Dilemmas" (Roycroft), sondern eher das eines Kompromisses. Entsprechend schreibt Martin Minski: "So muss man beim Komponieren oft einen gewissen Kompromiss eingehen. Um die Einleitung zu verlängern, benötigt man mehr Steine. [...] Für mich erfordert es schon ein hohes Maß an Fingerspitzengefühl, um die richtige Mischung [...] zu finden.

Als Faustregel verlange ich von einer Einleitung, dass durch den Mehraufwand eines Steines mindestens drei Halbzüge Vorbau entstehen, um ein zu 'holziges' Vorspiel zu vermeiden." [Martin Minski in: Wege zu Schachstudien, hrsg. v. Gerd Wilhelm Hörning, Gerhard Josten u. Martin Minski (Homburg: Neu-Jung, 2006), S. 50-60, hier: S. 54 f.]


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