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Heft 275, Oktober 2015

 


Godehard Murkisch: Herbert Ahues † 237
Hubert Gockel: Gedanken an Herbert Ahues 238
Herbert Ahues: Perfect Twomovers 239
Aktuelle Meldungen 242
Entscheid im Informalturnier 2013, Abteilung Hilfsmatts in 2 bis 3 Zügen 245
Entscheid im Informalturnier 2012, Abteilung Märchenschach 249
58. Weltkongress für Schachkomposition (WCCC) in Ostróda (Polen), 1. - 8. August 2015 252
Ausschreibung Hermann Albrecht 100 Jahre Gedenkturnier der Schwalbe 254
Bernd Gräfrath: Zweifarbige Zeitverschwendung 255
Günther Weeth: Anticirce im Retrospiel 257
Hartmut Laue: Kuckuckseier 263
Torsten Linß: Zum derzeitigen Wert von Kompositionstiteln 264
Urdrucke 265
Lösungen der Urdrucke aus Heft 272, April 2015 275
Bemerkungen und Berichtigungen 295
Schwalbe-Tagung in Aalen, 18. - 20. September 2015 295

 

Zweifarbige Zeitverschwendung
Vortrag beim Schwalbe-Treffen in Aalen, 18. September 2015

von Bernd Gräfrath, Mülheim

Beweispartien unterscheiden sich von sonstigen Retros durch den besonderen Zeitdruck: Die Diagrammstellung muß nicht nur aufgelöst werden, sondern dieses Ziel muß in einer vorgegebenen Zügezahl (in eindeutiger Zugfolge) erreicht werden (die normalerweise die kürzestmögliche sein soll). Umso paradoxer ist es, wenn in Beweispartien Tempospiele gezeigt werden: Trotz des Zeitdrucks sind Wartezüge nötig. Das erklärt sich dadurch, daß eine Seite ein Manöver der anderen Seite quasi abwarten muß, bevor es auflösend weitergehen kann.

Solche Tempospiele sind auch aus Hilfsmatts vertraut: Obwohl die beiden Seiten kooperieren, können trotzdem Wartezüge erforderlich sein. Hier zeigt sich eine gewisse Verwandtschaft der Beweispartien mit dem Hilfsspiel; und charakteristischerweise werden Beweispartien statt "proofgames" manchmal auch "helpgames" genannt. Im Folgenden soll zunächst anhand von drei Hilfsmatts das gemeinte Tempospiel illustriert werden, und zwar jeweils in verschiedenen thematischen Ausprägungen. Der Schwerpunkt liegt danach bei orthodoxen Beweispartien mit gehäuftem Tempospiel. Die größte Herausforderung besteht dabei darin, auf beiden Seiten mehr als einen Tempozug darzustellen: Die Cook-Gefahr ist dabei immens; und umso interessanter ist die Motivation für die Wartezüge.

ZZ1
László Lindner
Tivadar Kardos

Magyar Sakkvilág 1948

1. Preis Varady-
Gedenkturnier

wKa6, wLa1, wSc7, wBb5g5h5,
   sKg7, sDh1, sTg8, sSe5, sBa7b6b2d7d6h6

(6+10)

In ZZ1 1) muß zunächst Weiß Zeit verschwenden, damit Schwarz das Feld f8 blockieren kann. Erst danach kann Weiß g5-g6 spielen; und daher braucht danach auch Schwarz einen Wartezug. Lösung: 1.Sg6 Sa8 2.Sf8 g6 3.D:a8 L:b2#. Es ist erstaunlich, daß es für die Dame tatsächlich nur einen einzigen neutralen Wartezug gibt; und besonders schön dabei ist, daß dieser Zug die weiße Figur schlägt, die zuvor einen Wartezug gemacht hat.

ZZ2
György Páros

Version: Zdravko Maslar
2004 1959

wKc1, wBb2b4e2,
   sKd5, sBa3b5c3c2e7

(4+6)

In ZZ2 2) wird das Thema des zweifarbigen Tempospiels sogar für beide Farben jeweils doppelt gesetzt. Ich zeige das ursprünglich von György Páros stammende Problem in der Version von Zdravko Maslar, die dem Problem eine besonders elegante Kindergarten-Form gibt: Es werden nur Könige und Bauern verwendet. Lösung: 1.Kc4 e3 2.Kb3 e4 3.Ka4 K:c2 4.e6 K:c3 5.e5 b3#.

ZZ3
Zoltán Laborczi

The Problemist Supplement
2005

wKf5, wLe7, wBb3,
   sKc6, sTd6, sSc7, sBd5

(3+4)

ZZ3 (PDB: P1087242) gibt dem Thema des zweifarbigen Tempospiels eine neue Wendung: Der weiße und der schwarze Wartezug geschehen direkt hintereinander, und es wird sogar zusätzlich noch ein Inder gezeigt (in Miniaturform!). Allerdings ist die Darstellung unmittelbar aufeinander folgender Wartezüge mit Kosten verbunden: Der schwarze Wartezug ist nicht ganz zweckrein 3), denn der Zug Td6-d8 (statt sofort Td6-d7) dient auch dazu, die Diagonale für den weißen Läufer zu räumen. Lösung: 1.- Lf8 2.Td8 La3 3.Td7 b4 4.Kd6 b5#.

ZZ4
Peter Wong

The Problemist 1995

2. Preis

wKa1, wDd1, wTe6g1, wLc1d5, wSb1e2, wBb2b3c2d2f2f3g2,
   sKb8, sTd8, sLf8, sBa4c7c6d7e7g7

Beweispartie in
21,5 Zügen (15+9)

ZZ4 (PDB: P0005883) hält meines Wissens den aktuellen Rekord bezüglich der maximalen Zahl von verzögernden Wartezügen in einer orthodoxen Beweispartie; nämlich fünf! (Von Beweispartien mit Switchback-Manövern sehe ich hier ab. 4))
Die folgende Lösung enthält vier schwarze und einen weißen Tempozug: 1.h3! Sc6 2.h4 Se5 3.h5 Sg6 4.h:g6 f6! 5.g:h7 f5 6.h:g8=L Th3 7.Ld5 Tb3 8.a:b3 f4 9.Ta6 f3 10.Te6 a6! 11.e:f3 a5 12.Lb5 a4 13.Lc6 b:c6 14.Ke2 Lb7! 15.Kd3 La6+ 16.Kc3 Le2 17.S:e2 Db8 18.Tg1 Db4+ 19.K:b4 0-0-0 20.Ka3 Kb7! 21.Ka2 Kb8 22.Ka1. Wenn eine Seite mehr als einen Wartezug hat, besteht die große Gefahr von "oscillation duals"5): Kann statt des thematischen Tempospiels nicht ein einfacher Switchback geschehen? Aber wenn Schwarz hier z. B. Abwartezüge mit dem Sg8 durchführt, dann wird das weiße Spiel gestört: 4.- Sh6? 5.g:h7 Sg8 6.h:g8=L f5 7.Ld5 Th3, und Weiß hat keinen passenden 8. Zug.

ZZ5
Peter Wong

Die Schwalbe 1995

3. Preis

wKe1, wDe2, wTa1a7, wLg7, wSb1g1, wBa2a3c2d2d3f2g2g4,
   sKe8, sDd8, sTa8g8, sSe5f6, sBa5b6c6d7e6f7h7

Beweispartie in
15,0 Zügen (15+13)

Wenn man in einer orthodoxen Beweispartie für beide Farben mehr als einen Tempozug zeigen will, spielt man wirklich mit dem Feuer: Korrektheit ist so schwer zu erreichen, daß es (so weit ich weiß) nur ein einziges Beispiel für dieses Thema gibt, und zwar von dem Spezialisten Peter Wong. In ZZ5 6) (PDB: P0007373) gelingt ihm die Darstellung in einer erstaunlich kleinen Zügezahl: 1.h3 g5 2.Th2! g4 3.h:g4 a6! 4.Th6 a5 5.Ta6 e6 6.Ta7 La3 7.b:a3 b6 8.Lb2 La6 9.Lg7 Ld3 10.e:d3 Sf6 11.Le2 Tf8! 12.Lf3 Tg8 13.Lc6 S:c6 14.Df3! Se5 15.De2 c6. Die Gründe für das Scheitern der Verführungen sind fast noch interessanter als die Lösung selbst! Peter Wong gibt die folgenden scheiternden Zugfolgen an:7) 1.h3 g5 2.Sc3? g4 3.h:g4 a6! 4.Th6 a5 5.Ta6 e6 6.Ta7 La3 7.b:a3 b6 8.Lb2 La6 9.Sb1? Ld3 10.Lg7 Sf6 11.e:d3 Tf8! 12.Le2 Tg8 13.Lf3 ...??; 1.h3 g5 2.Sf3? g4 3.h:g4 Lg7? 4.Th6 a5 5.Ta6 b6 6.Ta7 La6 7.Sg1? Ld3 8.exd3 Lf8? 9.Le2 e6 10.Lf3 La3 11.Lc6 S:c6 12.b:a3 ...??

Nicolas Dupont hat die Herausforderung formuliert, mehr als fünf Tempoverlustzüge in einer orthodoxen Beweispartie zu zeigen.8) Es würde mich freuen, wenn das jemand darstellen könnte. Aber noch gespannter bin ich, ob es irgendwann gelingen wird, zwei Tempozüge der einen Seite mit drei Tempozügen der anderen zu kombinieren. Das wäre wirklich ein Riesenschritt!

Fußnoten:
1) Ich übernehme die Publikationsdaten aus der PDB (P0522976). In den folgenden zwei Büchern sind etwas andere Angaben zu finden: László Lindner, Mattbilder eines Lebens: Schachliche Selbstbiographie in drei Sätzen nicht nur für Könner. 66 Jahre Schachkomposition (Göttingen/Lüneburg: Kuhn/Murkisch-Serie, 1996), S. 264; Walter Fentze, Tivadar Kardos: 200 ausgewählte Schachprobleme (Nürnberg: Selbstverlag, 1983), S. 32.
2) Die ursprüngliche Version dieses Problems ist in der PDB zu finden (P0523080). Zdravko Maslars Version entnehme ich folgendem Buch: Thomas Brand, Chris Feather & Hans Gruber, György Páros: Ein Begründer des modernen Hilfsmatts (Aachen: Editions feenschach/phénix, 2004), S. 243, sie ist dort erst-veröffentlicht worden.
3) Thomas Brand empfiehlt für solche Fälle den folgenden Lackmustest: "Wenn ich den Zug auslassen kann, dann ist es ein echter Tempozug." Und diesen Lackmustest besteht der Umwegzug des schwarzen Turms nicht. Ich danke Thomas (der ja nicht nur ein Retro" , sondern auch ein Hilfsmatt-Experte ist) für hilfreichen Meinungsaustausch zum Thema Tempospiel. Sein vorbildlicher Arbeitseinsatz zeigt übrigens überhaupt keine Anzeichen von Zeitverschwendung!
4) Zur präzisen Definition des hier gemeinten Tempospiels siehe Nicolas Dupont, "A compilation of some fascinating open problems in the Proof Game genre", in: feenschach: zeitschrift für märchenschach 207 (Mai-Juni 2014), S. 509-529, hier: S. 524.
5) Vgl. dazu Peter Wong, Parallel Strategy: 156 Chess Compositions (Sydney: Selbstverlag, 2004), S. 40 ff, sowie auch meinen Aufsatz "Die Rochade in der Beweispartie als Mittel gegen Oszillationsduale", in: König & Turm 20 (September 2006), S. 71-72.
6) Ursprünglich erschien die Aufgabe in Die Schwalbe April 1995; die hier publizierte Neufassung erschien in Die Schwalbe, August 1996, S. 449.
7) Peter Wong, a. a. O., S. 46.
8) Nicolas Dupont, a. a. O., S. 524.


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