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Heft 210, Dezember 2004  

 


Klaus Wenda: Ein Virituose des Mehrzügers
Godehard Murkisch: Winfried E. Kuhn † 3.9.2004
Hemmo Axt: Dr. Laszlo Lindner 23.12.1916 – 21.8.2004
Günther Weeth: Zum Gedenken an Josef Haas
(28.1.1922 – November 2003)
Entscheid im Entscheid im 190. TT der Schwalbe / W. Dittmann 70
Stephan Eisert: Intermezzo
Aktuelle Meldungen
Gerald Irsigler, Klaus Funk: Schachparaden als Rekordthema
Klaus Förster: Zu "Belegverführungen für freie Satzspiele" (Erik Zielke)
Günter Büsing: FIDE-Album-Querschnitt )Album (II)
Konstruktions-Preisausschreiben (194. TT der Schwalbe)
Urdrucke
Lösungen aus heft 207, Juni 2004
Bemerkungen und Berichtigungen
Löserliste
Turnierberichte

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Ein Virituose des Mehrzügers


zum Gedenken an Alois Johandl (30.6.1931 – 9.7.2004)
vom Klaus Wenda, Wien


Der logische Mehrzüger hat in Österreich Tradition. Aufbauend auf den von Josef Halumbirek entwickelten Theorien, waren es zunächst Stefan Schneider und Hans Lepuschütz, die bis ca. 1980 die neudeutsche Schule entscheidend mitgeprägt haben. Ab den 1950er Jahren erstrahlte ein neuer Fixstem neben diesem Dreigestirn: Alois Johandl.

Er fand rasch zu seinem eigenständigen, unverwechselbaren Stil, mit welchem er in den Arenen der Problernturniere einen Erfolg an den anderen reihte. Prägnanz und logische Fundierung der Idee, überraschender Verlauf des Spiels und optimale Ökonomie des Materialeinsatzes waren die signifikanten Elemente seiner meisterlichen Kompositionen, die ihm schon bald im Jahr 1972 den Internationalen Meistertitel der FIDE einbrachten. Daneben verlor er aber nie den Kontakt zum breiten Löserpublikum und komponierte auch für jene Problernfreunde, die unbeschwert von theoretischen Überlegungen im Schachproblem primär ein intellektuelles Rätsel suchten. In hunderten Schachspalten auf allen 5 Kontinenten tauchte der Autor Alois Johandl auf, um mit lockeren, eleganten Stellungen voller Witz und Esprit den Lesern Unterhaltung zu bieten und Werbung für das Schachproblem zu machen. In dieser Bandbreite vom komplizierten Meisterwerk, dessen voller Inhalt sich nur ausgesuchten Experten eröffnet, bis zum (– für die Breitenwirkung des Problemschachs unverzichtbaren –) Tageszeitungsrätsel ist das aus rund 600 opera bestehende Problemschaffen des Verstorbenen nach meiner Einschätzung einzigartig.

Meine Bekanntschaft mit Alois Johandl geht ungefähr auf das Jahr 1960 zurück. Seit damals trafen wir uns 1-2 mal im Monat im Rahmen der Wiener Problemrunde. Nach einer berufsbedingten schöpferischen Pause im Dezennium 1978-1988 intensivierte Alois seine kompositorischen Aktivitäten erst wieder, als ihm der berufliche Ruhestand dafür genügend Zeit und Muße bot. Das Studium der FIDEAlben und mehrerer Schwalbe-Jahrgänge brachte ihn trotz 10-jähriger Absenz schnell wieder auf die Höhe seiner Zeit, wofür 10 Aufgaben im FIDE-Album 1989-1991 ein eindrucksvolles Zeugnis geben.

Ab 1990 wurden auch unsere persönlichen Kontakte häufiger und vertieften sich zu einer über das Problemschach hinausgehenden Freundschaft. Im Jahr 1999 begannen die Vorarbeiten zu dem von Fritz Chlubna herausgegebenen Buch Dreiklang, welche uns viele interessante gemeinsame Stunden zur Sichtung und Wertung unserer Aufgaben bescherten. Im August 2001, kurz nach seinem 70. Geburtstag, konnte Alois ein druckfrisches Exemplar dieses Buches, welches u.a. 158 seiner von ihm selbst ausgewählten und kommentierten Aufgaben enthielt, mit Freude in Empfang nehmen.

In den vergangenen 2 Jahren gelang es mir, die Aufmerksamkeit meines Freundes auch auf logische Selbst- und Reflexmatts, sowie Mehrzüger mit Märchenfiguren auszudehnen und wir nahmen einige Gemeinschaftsarbeiten in Angriff. In den letzten Monaten klagte er des öfteren über Herzbeschwerden, glaubte aber, sie durch medikainentöse Behandlung unter Kontrolle zu haben. Noch am 5.7.2004 telefonierten wir miteinander. Alois hatte einen zweiwöchigen Urlaub in Kärnten vor sich, er war guter Dinge und voller Konstruktionsideen und wir planten für August ein Treffen in meinem Sommerdomizil zum Gedankenaustausch.

Das Schicksal ließ es nicht mehr dazu kommen. Am 9.7.2004 verstarb Alois in seinem Urlaubsort an einem plötzlichen Herzinfarkt. Unser aller Mitgefühl gilt seiner Familie, insbesonders seiner Witwe Hedwig, die ihm mehr als 4 Jahrzehnte eine liebe- und verständnisvolle Wegbegleiterin war.

Die Welt des Problemschachs hat einen ihrer Großen verloren. Eine Stimme des Dreiklangs ist unwiederbringlich verstummt, aber ihr Nachhall wird weiterklingen in den unvergänglichen Kompositionen, welche dem Namen Alois Johandl bei allen Freunden des Schachproblems noch in Jahrzehnten Präsenz verleihen werden.

In Erinnerung an den Verstorbenen habe ich die folgenden sechs Probleme ausgewählt. Der einleitende 6-Züger zeigt seine Meisterschaft auch in der kleinen, löserfreundlichen Form; das Selbstmatt, welches von mir konstruktiv erweitert wurde, ist ein Beispiel für seinen Erfindungsreichtum auch in dieser Aufgabenart, die vier anschließenden Mehrzüger zählten zu den persönlichen Favoriten des Autors aus der Schaffensperiode 2001-2003.

Die Nr. 12459 des heutigen Urdruckteils aus dem Nachlaß Alois Johandls schließlich ist ein glänzendes Beispiel seiner bis zuletzt ungebrochenen Schaffenskraft.

A Alois Johandl
Neue Osnabrücker Zeitung
1994
B Alois Johandl
und Klaus Wenda
StrateGems 2003 (v)
C Alois Johandl
Problem-Forum 2001
1. Preis
#6 (3+8) s#13 (11+4) #7 (6+12)

Lösungen: A: 1.Sf4? h1D+!; 1.Tg2! h1S 2.Tg8+ Kf7 3.Tg7+ Kf8 4.Sf4 Td8 5.Sg6+ Ke8 6.T:e7#. Holst-Umwandlung. – B: 1.Tg8! h2 2.f8D g5 3.Dd6 g4 4.S6c7+ Ka7, b8 5.Sa8+ K:a8 6.L:b7+ Ka7 7.La8+ K:a8 8.Da1+ Ta2 9.Da3+ T:a3 10.Dh1+ Tf3 11.Le5! g3 12.Tf8 g2 13.Sg7+ T:f8#. Perilenkung des sTg2. – C: 1.Ld4! c2 2.Lf2+ L:f2 3.Sd2 Th3 4.Sf5+ Kh5 5.g4+ f:g4 e. p. 6.Sg7+ Kh4 7.Sf3#. Liniensperre, L-Sperropfer, T-Block, ep Liniensperre, K-Pendel.

D Alois Johandl
Freie Presse 2002
1. Preis
E Alois Johandl
Wl Sheltonoshko–60–JT 2002
3. Preis
Sp.-Preis: 8491
Gerd Wilts Norbert Geissler
#6 (10+10) #7 (6+9) #7 (7+9)

D: 1.b:c4? Td8; 1.Sf4! K:f4 2.Ld6+ c:d6 3.e3+ Ke5 4.b:c4 d5 5.c5 d4 6.c:d4#. S-Opfer für L-Opfer, Dresdner, Fesselungsmatt. – E: 1.Sd4? Le2!; 1.Tc4+ d:c4 2.Sd4 Lb7 3.c6 L:c6 4.Sf5+ Kg4+/Kh3 5.Sh4+ K:h4 6.Lc5 g2 7.Lf2#. Dresdner, Feldräumung, Linienräumung, Kreuzschach. – F: 1.e3 e:d3 2.Tdd4 K:e6 3.Td6+ Ke5 4.Tf5+ Ke4 5.Te6+ Tg:e6 6.Tf4+ Ke5 7.S:g4#, 5.– Te:e6 6.Tf4+ Ke5 7.Sf7#. Vorausblock auf e3, Beseitigung hinderlicher weißer Masse auf e6, zweimal T-Ablenkung.


Konstruktions-Preisausschreiben

Ausschreibung zum 194. Thematurnier der Schwalbe

Es wird hiermit ein Konstruktions-Wettbewerb zu acht Themen ausgeschrieben. Jeder kann teilnehmen, auch wenn er nicht für alle Themen eine Lösung einsendet. Die Themenstellungen versuchen, unterschiedlichen Interessen gerecht zu werden; sie bilden eine bunte Mischung aus Leichtem und Anspruchsvollerem, aus Vorwärts- und Rückwärtsspiel, aus orthodoxen und märchenschachlichen Elementen. Gemeinsam ist ihnen, dass man Ideen braucht, um an das Optimum heranzukommen. Hier sind die Aufgabenstellungen:

Thema I (W. Dittmann)
Konstruiere eine legale Stellung mit möglichst vielen Steinen, in der kein Stein einen anderen deckt oder angreift. Gewertet wird in erster Linie nach der möglichst großen Anzahl der verwendeten Steine, in zweiter Linie nach der möglichst großen Anzahl der verwendeten Bauern.

Thema II (W. Dittmann)
Anticirce: Konstruiere eine legale Stellung, in der nach Anticirce-Regeln der schwarze König (nicht im Schach) durch einen einzigen weißen Zug möglichst viele Schachgebote erhält. Gewertet wird in erster Linie nach der möglichst großen Anzahl der Schachgebote durch Weiß, in zweiter Linie nach der möglichst geringen Anzahl der verwendeten Steine.

Thema III (J. Haas)
Konstruiere eine legale Stellung mit 32 Steinen, in der auf jeder Linie, jeder Reihe und auf den beiden längsten Diagonalen je zwei weiße und zwei schwarze Steine stehen. Zur Erläuterung: Es sollen demnach in der Stellung auf 18 Strecken (auf den 8 Linien, den 8 Reihen und den 2 Diagonalen: a1-h8 und a8-h1) jeweils 2 weiße und 2 schwarze Steine (= 4 Steine) stehen. Das Rekordkriterium: Die Beweispartie für diese Stellung soll möglichst kurz sein; es kommt dabei nicht auf die Reihenfolge, sondern nur auf die Anzahl der Züge an. Gewertet wird nach der möglichst geringen Zügezahl der vom Einsender angegebenen Beweispartie.

Thema IV (W. Dittmann)
Erspiele von der Partieanfangsstellung aus in der geringsten Anzahl von weißen Serienzügen eine Stellung, in der Weiß (am Zug) die folgenden drei Partieschlüsse herbeiführen kann: Einzügiges Matt, einzügiges Patt, einzügiges Selbstmatt. Es zieht also nur Weiß; dabei kommt es nicht auf die Reihenfolge der Serienzüge, sondern nur auf ihre Anzahl an. Während der Serienzüge darf kein Schachgebot erfolgen. Gewertet wird nach der möglichst geringen Anzahl der erforderlichen Serienzüge, wobei die vom Einsender angegebene Serienzugfolge für die Wertung maßgebend ist.

Thema V (W. Dittmann und W. Frangen)
Konstruiere eine legale Stellung mit unbekanntem Anzug (kein König im Schach), die nachweislich mindestens eine Umwandlungsfigur enthält. In diese Stellung soll ein weißer Bauer auf möglichst vielen Feldern so eingefügt werden können, dass jeweils eine legale Stellung ohne Umwandlungsfigur entsteht. Gewertet wird in erster Linie nach der möglichst großen Anzahl der Einfügungsfelder, in zweiter Linie nach der möglichst geringen Anzahl der verwendeten Steine.

Thema VI (W. Dittmann)
Konstruiere eine legale Stellung, in der nachweislich möglichst viele schwarze Bauern (als Bauern, nicht als Umwandlungsfiguren) von weißen Bauern geschlagen worden sind. Gewertet wird in erster Linie nach der möglichst großen Anzahl der von weißen Bauern geschlagenen schwarzen Bauern, in zweiter Linie nach der möglichst geringen Anzahl der verwendeten Steine.

Thema VII (J. Haas)
Konstruiere eine legale Stellung ohne Umwandlungsfiguren, in der der schwarze König im Schach steht. Weiß soll hier einen Zug zurücknehmen und einen anderen Zug ausführen, mit dem er Schwarz mattsetzt, wobei die einzige Lösung in der Rücknahme eines e. p.-Schlages und beim Mattzug in der Ausführung einer Rochade bestehen soll. Das Rekordkriterium: Die Stellung soll neben der Schlüsselzug-Rücknahme möglichst viele weitere legale letzte Züge von Weiß enthalten. Gewertet wird in erster Linie nach der möglichst großen Anzahl der möglichen letzten Züge von Weiß, in zweiter Linie nach der möglichst geringen Anzahl der verwendeten Steine.

Thema VIII (W. Dittmann)
Anticirce: Konstruiere mit dem Material der Partieanfangsstellung (keine zwei gleichfarbigen Läufer mit derselben Felderfarbe) eine Stellung, zu deren Erspielung aus der Partieanfangsstellung nach den Anticirce-Regeln möglichst viele Bauernzüge erforderlich sind. Gewertet wird in erster Linie nach der möglichst großen Anzahl der nachweislich geschehenen (weißen und schwarzen) Bauemzüge, in zweiter Linie nach der möglichst geringen Anzahl der verwendeten Steine.

Erläuterungen zu den Themen: I und II sind leichtere Aufgaben; man lasse sich von der Märchenbedingung in II nicht abschrecken. Für alle Themen ist es nützlich, auf den genauen Wortlaut der Formulierungen zu achten (Beispiel: Wo Umwandlungsfiguren nicht ausdrücklich ausgeschlossen sind, sind sie erlaubt). "Legal" ist eine Stellung, wenn sie partiemöglich, d.h. aus der Partieanfangsstellung erspielbar ist. Definition von Anticirce (Thema II und VIII): Ein schlagender Stein, auch ein K, wird auf seinem Partieanfangsfeld wieder geboren, wobei bei Bauern die Linie, bei Offizieren (außer D) die Farbe des Schlagfeldes das Wiedergeburtsfeld bestimmt; der geschlagene Stein verschwindet vom Brett. Ist das Ursprungsfeld nicht frei, darf nicht geschlagen werden.

Zum Wertungsmodus: Bei jedem Thema erhält jedes erzielte Optimum 3 Punkte, das zweitbeste Ergebnis 2 Punkte, das drittbeste 1 Punkt. Alle Rekordstellungen werden veröffentlicht. Es stehen Geldpreise im Gesamtwert von 100,- Euro und Buchpreise zur Verfügung.


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