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Heft 207, Juni 2004  

 


Karl-Heinz Siehndel: Zum Verständnis des
modernen Zweizügers
Gerhard Maleika: Besondere Paraden
gegen mehrere Drohnungen
Peter Hoffmann: En passant dritten Grades
Stephan Eisert: Zum Hamburger
Entscheid im 6. Förderungsturnier der Schwalbe 2003/2004
Entscheid im Informalturnier 2002, Abteilung Zweizüger
Aktuelle Meldungen
Klaus Wenda: Helmut Zajic 70 Jahre
Axel Steinbrink: Deutsche Problemlösungs-
Meisterschaft 2004 in Gera

Lothar Finzer: Noch ein Umdeutungs-Fund
Wolfgang Dittmann: Lösungsstrategien im VRZ mit
Anticirce-Bedingung (Nachtrag)
Urdrucke
Lösungen aus Heft 204, Dezember 2003
Bemerkungen und Berichtigungen
Buchbesprechungen
Turnierberichte


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Entscheid im Informalturnier 2002 der Schwalbe
Abteilung: Zweizüger Preisrichter: Wiktor Melnitschenko, UA-Kotowsk

Mit Freude willigte ich ein, die Zweizüger des Jahrgangs 2002 der Schwalbe zu richtern. Und dann bereitete es mir großes Vergnügen, sie zu beurteilen. Viele interessante Zweizüger mit unterschiedlichen Ideen – von traditionellen (orthodoxen) #2 bis hin zu modernen – wurden veröffentlicht.
Für den 1. Preis habe ich den Zweizüger Nr. 11665 des Moskauers Wiktor Tschepishny vorgesehen.
Dies ist das originellste Problem des Turniers – meisterhaft konstruiert. In der Verführung 1.Da1? gibt es drei Drohungen [2.Tf4/Dd4/Sg3#], die nur durch den Zug 1.– b2! widerlegt werden. Droht Weiß dagegen nur eines dieser Matts, verteidigt sich Schwarz durch je zwei Züge, die einen Zyklus bilden. In der tatsächlichen Lösung gibt es wieder nur eine (neue) Drohung, und auf die Verteidigungszüge, die zuvor die zyklischen Verteidigungszüge waren, folgen die Drohmatts – jedesmal nur eines der drei (Anti-Duale). Ein raffiniertes Problem! 1.Da1? [2.Tf4/Dd4/Sg3] (1.– b2!); 1.d4? [2.Tf4] (1.– Sh5/Se6!); 1.Da7? [2.Dd4] (1.– Se6/Sf5!); 1.Lf4? [2.Sg3] (1.– Sf5/Sh5!); 1.Dh8! [2.Dh4] 1.– Sh5 2.Dd4 (2.Sg3??/Tf4??), 1.– Se6 2.Sg3 (2.Tf4??/Dd4??), 1.– Sf5 2.Tf4 (2.Dd4??/Sg3??).

1. Preis: 11665
Wiktor Tschepishny

2. Preis: 11470
Marjan Kovacevic
Zivko Janevski

3. Preis: 11422
Wassyl Djatschuk


#2 (12+6)

#2 (8+11)

#2 (13+11)
2. Preis: Nr. 11470 von Marjan Kovacevic & Thorsten Zirkwitz
Ein sehr inhaltsreicher Zweizüger. In jeder der drei Phasen gibt es vier Varianten mit Mattwechseln und Ruchlis in Idealform. Eine wunderbare Komposition! Satz: 1.– c:d2/T:g2/c5/e5 2.Tc5/D:d6/Da8/ Dg8; 1.Df6? [Dd4] c:d2/T:g2/c5/e5 2.Sf4(Sb4?)/D:f3/Sb4(Sf4?)/Df7 (1.– Tg4!); 1.Db6! [2.Dd4] c:d2/T:g2,Tg4/c5/e5 2.D:c6/Sb4/(Sf4?)/Db7/Sf4(Sb4?).
3. Preis: Nr. 11422 von Wassyl Djatschuk
Ein origineller Dombrovskis mit wGrimshaw und Goethart und in den Verführungen einem Zyklus aus Droh- und Mattzügen. Eine gute Leistung dieses talentierten jungen ukrainischen Komponisten, die Milan Vukcevichs Stück mit ähnlicher Idee, das wenige Monate später in StrateGems publiziert wurde, übertrifft. 1.Tc3? [2.Sd3 A] (1 .– Ke5! a); 1.Lc3? [2.Sd5 B] (1.– Kc5! b); 1.Sc3! [2.Se4] Ke5 a/ Kc5 b 2.Sd3 A/Sd5 B Kc7 2.Sd5.
4. Preis: Nr. 11367 von Michael Keller & Thorsten Zirkwitz
Die Autoren schreiben "Kombination von Dombrovskis und zyklischem Pseudo-le Grand". Ja, formal sind diese Themen da, aber nicht in reiner Form! Einige der Matts stehen bereits in der Ausgangsstellung parat. Dennoch ist die Konzeption interessant, obwohl die Konstruktion schwer ist. 1.L:b7? [2.S:c6 A] c:d5/T:e4 x 2.D:d5 B/Sd7 C (1.– Sd4!); 1.d:c6? [2.D:d5 B] b:c6/L:e4 y 2.S:c6 A/Sd7 C (1.– Lc2!); 1.Te1! [2.Sd7 C] T:e4 x/L:e4 y 2.Sg4/Sd3 b6/c:d5 2.S:c6 A/D:d5 B.
4. Preis: 11367
Michael Keller
Thorsten Zirkwitz
5. Preis: 11529
Volker Zipf

#2 (11+12)

#2 (8+9)
5. Preis: Nr. 11592 von Volker Zipf
Rudenko-Thema mit Dombrovskis-Effekt, in einer leichten Stellung klar dargestellt. Einige weitere Effekte reichern diese Komposition an. Satz: 1.– d6, d5/Sd4 2.Tc6 A/Lb4 B; 1.K:d7? [2.Tc6 A] Sd4 2.Lb4 B (1.– T:a6!); 1.Td6? [2.Lb4 B] Sb5 a/Tb5 b 2.Sb7 C (Tc8?)/Tc8 D (Sb7?) (1.– Ta4!); 1.Tb4! [2.Sb7 C]/Tc8 D] Sb5 a/Tb5 b 2.Tc4 E/Sa4 F.


Henkersmahl am Galgenberg
Deutsche Problemlösungs-Meisterschaft 2004 in Gera
Bericht von Axel Steinbrink, Duisburg

Die diesjährige 11 . Internationale und gleichzeitig 28. nationale Deutsche Meisterschaft im Lösen von Schachproblemen fand vom 16. bis zum 18. April im thüringischen Gera statt. Thomas Walther, ein häufiger Gast bei diesen Meisterschaften, hatte mit seinem Organisationsteam die Löser in das Hotel "Am Galgenberg" eingeladen, das seinen Namen von der ehemaligen Richtstätte der Stadt Gera an der gleichen Stelle hat. Das in Bezug auf Schach erfahrene Hotel bot eine angenehme Atmosphäre für das Turnier. Das Rahmenprogramm begann am Samstag mit einem Empfang im Rathaus durch Oberbürgermeister Rauch sowie einer Stadtrundfahrt mit einer historischen Straßenbahn, wobei die schönen Seiten, aber auch die Probleme der Stadt zu sehen waren.
Während am Nachmittag der Schachanhang die Geraer Höhler (eine Kombination von Höhlen und Kellern, die große Teile der Innenstadt durchziehen) besichtigten, traten zum Turnier nach einigen krankheitsbedingten Absagen 25 Löser an, davon 11 aus dem Ausland. Kurzfristig hatte sich noch Einzelweltmeister Andrej Seliwanow aus Russland angemeldet.
Die Zweizügerrunde brachte gleich ein Novum: eine der Aufgaben war ein Drilling, so dass insgesamt fünf Probleme zu lösen waren, was in 20 Minuten nur wenige schafften. Da eine weitere Aufgabe mit exzellenten Verführungen aufwartete (auf die auch Michael Pfannkuche und Boris Tummes herein fielen), gab es am Schluss nur zwei Löser mit voller Punktzahl: Mitfavorit und Gewinner der britischen Lösenneisterschaft Dolf Wissmann (NL) sowie überraschend Lubomir Sirán aus der Slowakei. Die beiden folgenden Runden brachten bei den Spitzenlösern nur einige Punkteinbußen durch fehlende Varianten. Am Ende des ersten Tages führte Wissmann mit 43 Punkten vor Vorjahressieger Michal Dragoun (Prag) und Arno Zude (je 41); knapp dahinter dann Siran (39), Pfannkuche (38) sowie in Lauerstellung Tummes und Seliwanow (je 37). Der Tag klang aus mit einem kurzfristig durch das Hotel organisierten "Henkersmahl", das neben einem üppigen Abendessen mit thüringischen Spezialitäten den Auftritt einer Theatergruppe bot, wobei die Schauspieler die Gäste mit in das Spiel einbezogen.
Am Sonntag bot die Hilfsmattrunde neben einem knifftigen h#2 von Dieter Müller und einem "normalen" h#3 die schwierigste Hilfsmattaufgabe, die je bei einer Deutschen Lösemeisterschaft gestellt wurde. Der Original h#5 von Helmut Zajic und Heinrich Bernleitner wurde schließlich nur von Boris Tummes gelöst, was besonders erstaunlich war, da gerade ihm am Vorabend von den Gauklern übel mitgespielt wurde. (Vielleicht sollte er vor solchen Turnieren regelmäßig einen halben Liter Bier "auf ex" trinken.) Mit diesem klaren Rundensieg übernahm Boris die Führung knapp vor Zude und Wissmann. Michal Dragoun (immerhin ein Hilfsmattspezialist) und Michael Pfannkuche mussten hier bereits ihre Titelträume begraben, während Marek Kolak und Claus Czeremin in das Verfolgerfeld aufrückten.

Platz Name / Ort 2# 3# e.g. h# n# s# Pkte. Zeit

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Tummes, Boris / Moers
Zude, Arno / Darmstadt
Wissmann, Dolf / NL-Leeuwarden
Seliwanow, Andrej / RUS-Moskau
Dragoun, Michal / CZ-Prag
Kolcak, Marek / SK-Bratislava
Czeremin, Claus / Hamburg
Pfannkuche, Michael / Münster
Sirán, Lubomir / SK-Bratislava
Vanka, Miroslav / CZ-Rostoky
Delander, Adolf / Berlin
Piliczewski, Bogusz / PL-Gdansk
Krolikowski, Ryszard / PL-Warschau
Mihálco, Oto / SK-Kosice
Schäfer, Ronald / Aalen
Sabol, Frantisek / CZ-Praha
Rein, Andreas / Wiesloch
Walther, Thomas / Gera
Thoma, Andreas / Groß Rönnau
Sieberg, Rolf / Wetter
Seeck, Klaus / Husum
Speer, Dominik / Münster
Gluszko, Krysztof / PL-Warschau
Müller, Winus / Hamburg
Sauer, Bernd / Münster
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Die nicht allzu schwierigen Mehrzüger brachten an der Spitze keine Veränderungen, nur einige Verfolger fielen weiter zurück, zu denen auch Lubomir Siran gehörte. Die abschließende Selbstmattrunde, die die Entscheidung bringen musste, hatte dann für viele Teilnehmer den Charakter eines Henkersmahls. Wie sich herausstellen sollte, standen die drei nach dem h#5 schwersten Aufgaben des Turniers auf dem Programm. Am Ende hatte fast die Hälfte der Löser eine Nullrunde zu verzeichnen. Einigermaßen ungeschoren kam nur das Spitzentrio davon, das sich damit weit vom Verfolgerfeld absetzen konnte.
Als einziger konnte wiederum Boris Tummes alles lösen, der damit am zweiten Tag einen 100%-Score aufwies, nach schwächerem Beginn einen verdienten Sieg und damit seinen dritten Meistertitel gewann. Zweiter wurde Arno Zude vor Dolf Wissmann. Dahinter folgte dann mit großem Abstand Einzelweltmeister Andrej Seliwanow vor Michal Dragoun und Marek Kolcak. Von den deutschen Teilnehmern landete nach einer klaren Steigerung Claus Czeremin noch vor Michael Pfannkuche, der als überlegener NL-Open-Sieger nach Gera gekommen war und mit seinem Ergebnis sicher nicht zufrieden sein konnte.
Turnierleiter Axel Steinbrink verband die Siegerehrung mit einem Dank an die Ausrichter und an den Hotelchef für ein gelungenes Turnier, verbunden mit der Hoffnung, viele der Teilnehmer entweder beim Problemtreffen in Griechenland Anfang September oder spätestens bei der nächsten Deutschen Lösermeisterschaft 2005 in Forchheim bei Nürnberg (15. - 17.4. 2005) wieder zu sehen.

Buchbesprechungen
Heft 207, Juni 2004

Harrie Grondijs "No Rook Unturned – A Tour Around TheSaavedra Study" (Rijswijk 2004, 361 S., geb., im Selbstverlag des Autors.) Die erste, sehr kleine Auflage ist bereits vergriffen; Interessenten wenden sich bitte direkt an den Autor, der bei ausreichender Nachfrage eine weitere Auflage beabsichtigt und auch Preisauskünfte geben kann: H. Grondijs, Van Vredenburchweg 36-B, NL-2282 SJ Rijswijk oder e-mail: grondijs@wanadoo.nl – 1996 gab der Autor eine kleine Broschüre unter dem Titel "Study Story" heraus, in dem anhand eines sich über einen längeren Zeitraum erstreckenden Briefwechsels zwischen John Selman, J. H. M. Marwitz und Th. V. L. Kok die Entstehungsgeschichte einer Studie dokumentiert wurde (Rezension in Heft 160). Grondijs griff dabei auf den von ihm betreuten schachlichen Nachlass Selmans zurück. Der ungleich umfangreichere jetzt vorgelegte Band ist auch wieder eine "Study Story" – so ist auch ein umfangreiches dokumentarisches Kapitel überschrieben – und greift wiederum auf Quellen aus dem "Selman Archiv" zurück.

Die Saavedra-Studie machte vor gut einem Jahrhundert Furore und hat bis heute einen Bekanntheitsgrad, an den höchstens noch die berühmte Réti-Bauern-Remisstudie – ebenfalls ein prägnanter Viersteiner – herankommt, und ist durch Eingang in Endspiel-Lehrbücher auch vielen Partiespielem vertraut (s. Diagramm: 1.c7 Td6+ 2.Kb5 Td5+ 3.Kb4 Td4+ 4.Kb3 Td3+ 5.Kc2! (oder 4.Kc3 Td1 5.Kc2!) Td4! 6.c8T!! (6.c8D? Tc4+ 7.D:c4 – dies war Barbiers Pattidee, die durch Saavedras T-UW spektakulär widerlegt wurde) Ta4 7.Kb3 und gewinnt). Zur elementaren Einfachheit der Stellung und dem eindrucksvollen Gewinnweg gesellen sich noch das Geheimnis des in der Schachwelt sonst ganz unbekannten Autornamens Saavedra und eine unklare Entstehungsgeschichte, die diesen Viersteiner mit einem geheimnisvollen Mythos umgaben.
Der holländische Studienspezialist John Selman (1910-1978) hat seit 1938 intensiv recherchiert, um dem damals schon über 40-jährigen Geheimnis auf die Spur zu kommen, und es gelang ihm nach mühsamen und zeitaufwendigen Nachforschungen in mehr als zwei Jahren so viel Material zusammenzutragen, dass er daraus ein Buch machen wollte. Zeitumstände haben dieses Unternehmen zum Scheitern gebracht; es konnte nur eine Kurzfassung der wichtigsten Ergebnisse in einem 1940 in der Tijdschrift v.d. KNSB erschienenen Artikel erscheinen.
Georges Emile Barbier
Pater Fernando Saavedra
Weekly Citizen (Glasgow)
18.V.1895

#2 (8+9)



Die wichtigsten Erkenntnisse Selmans sind seit nunmehr fast 64 Jahren bekannt – ausgenommen eine erst vor einigen Jahren entdeckte Verbindung mit Irland, wo der damalige irische Meister die Priorität für die Saavedra-Lösung beanspruchte. Kann man aber heute noch ein ganzes Buch zu diesem Thema schreiben? Wer das Ergebnis in Händen hält, könnte fast sagen, dass es sogar mehrere lesenswerte Bücher geworden sind: Grondijs unterteilt sein Material in vier ganz verschiedenartige Abschnitte. Zunächst werden die Beteiligten – das sind alle 41 Personen, die in Selmans Schriftwechsel eine Rolle spielten: von Pater Saavedra über Lasker bis Miss England – ausführlich vorgestellt. Auf etwa 85 Seiten bringt Grondijs hier nicht nur biographische Details und Fotos fast aller aufgeführten Personen, sondern er vermittelt in einer äußerst unterhaltsam geschriebenen Weise ganz nebenher auch ein lebendiges Bild der Zeit in Großbritannien und Irland – man spürt etwas vom irisch-britischen Konflikt, begegnet Joyce'schen Figuren und erwartet fast den Nachweis, dass einer der Beteiligten Leopold Bloom persönlich gekannt haben muss. Der anschließende, etwa doppelt so umfangreiche Teil ist die "Study Story 2" und enthält den bisher unveröffentlichten Selman-Schriftwechsel, wiederum Dokumente ihrer Zeit: der Leser spürt z.B. Selmans große Enttäuschung, dass die britische Zensur 1940 nicht gestattete, ein nach langen Recherchen ausfindig gemachtes Foto Saavedras zu ihm nach Holland zu schicken. Im Anschluss daran analysiert Grondijs die einzelnen Elemente der Studie und gibt dazu jeweils Vorstufen an und erstellt dann einen Stammbaum mit etwa 40 Abkömmlingen, die bis in die jüngste Vergangenheit reichen – alles Kompositionen, deren Finale in die Lösung der Saavedra-Studie einmünden, bevor im letzten Teil die bisher zum Thema erschienenen Artikel nachgedruckt werden. Und wer am Ende glaubt, jetzt alles über den Fall zu wissen, beruhigt ein abgeschlossenes Kapitel Schachgeschichte in den Bücherschrank stellen zu können, der gerät dann auf den letzten drei Seiten unverhofft noch wieder ins Stolpern, wo der Autor wieder manches in Frage stellt, ein Szenario der Ungewissheit entwirft – womit er in erster Linie auf die Notwendigkeit weiterer Nachforschungen hinweisen will. Und wer sich schon nicht daran beteiligen kann, sollte sich doch wenigstens neugierig machen lassen durch die Lektüre dieses ungewöhnlichen Buchs – für den Rezensenten war sie jedenfalls ein großer Genuss. (GüBü)


Rainer Kuhn "Schach-Herold Dr Ernst Bachl" (Treuenhagen 2003, Kuhn/Murkisch-Serie Nr. 41, 240 S., geb. EUR 20,-, kart. EUR 14,-; zu bestellen bei Godehard Murkisch, Friedensstr. 22, 37083 Göttingen, e-mail: murchess@gmx.de) – Dem bereits vor 22 Jahren verstorbenen Wormser Ernst Bachl (1895-1982) gelang es mit großem pädagogischen Geschick, ganze Generationen von Nachwuchskräften ans Schachbrett zu locken und in allen Bereichen des Schachs Interesse zu erzeugen und Begeisterung wachzuhalten. Es ist ohne Frage angemessen, einem so aktiven Repräsentanten ein literarisches Denkmal zu setzen – bedauerlich ist nur, dass dies mit so großer zeitlicher Distanz erfolgt. Dies sieht auch der Autor, der im Vorwort bedauernd feststellt, dass ihn berufliche Beanspruchung jahrelang von einer Fertigstellung des Werks abgehalten hat.
Das Buch erhebt nicht den Anspruch, eine Biographie zu sein, sondern soll in erster Linie die 204 von Bachl komponierten Probleme – fast nur orthodoxe Zwei- und Dreizüger – als Sammlung veröffentlichen.
Hier eine Kostprobe (s. Dia): 1.De7? (1.De8?) Te:e7/Tf:e7 2.Sc4/Sf5, aber 1.– Le5!; 1.Df6? T:f6/L:f6 2.c4/Sf5#, aber 1.– Ta4!; Daher 1.Dg5! [2.Dg1#] 1.– Te:f4/Tf:f4 2.Sc4/Sf5#. Ausnutzung der durch die Nietveld-Paraden gefesselten sTT. "Ein famoses Stück!" urteilte seinerzeit der Preisrichter G. W. Jensch. Um aber doch ein umfassenderes Bild des "Schachdoktors" zu vermitteln, wurden einige Beiträge von oder über Bachl aufgenommen; insbesondere Nachdrucke von Geburtstags- und Gedenkartikeln sowie Beiträge, die Bachl für die "Mainzer Allgemeine Zeitung" verfasste, deren Schachspalte er jahrzehntelang redigierte. Dass in diesem Teil auch einige von Bachl gespielte oder kommentierte Partien enthalten sind, ist lobenswert, denn es gehört einfach zur Abrundung des Bildes dieses außergewöhnlichen Schachenthusiasten. (GüBü)
Ernst Bachl
Römming-JT des
Pfälzischen Schachbundes 1954
3. Preis

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