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Heft 241, Februar 2010 voriges Heft nächstes Heft

Neues 2010

Das Jahr 2010, für das wir unseren Lesern alles Gute wünschen, beginnt in der Schwalbe mit zwei personellen Veränderungen. Über acht Jahre hat Markus Hartwig die Website der Schwalbe betreut und alle zwei Monate dafür gesorgt, daß Leseproben aus dem aktuellen Heft, Informationen zu laufenden Turnieren, Links zu interessanten Problemschach-Seiten u. a. zur Verfügung standen. Vielen Dank an Markus für die geleistete Arbeit! Gerd Wilts hat mit dem Jahreswechsel die Betreuung der Homepage übernommen. Ein Blick auf http://www.dieschwalbe.de verrät, daß Gerd dabei nicht nur auf Bewährtes zurückgreift, sondern bereits eigene Ideen umgesetzt hat: Das Layout wurde neu gestaltet und ist dem Erscheinungsbild der Druckausgabe der Schwalbe angelehnt. Auf der Startseite finden sich Links zu aktuellen Meldungen, neu ist auch das Märchenschach-Lexikon, das ein schnelles Nachschlagen der Definitionen vieler Bedingungen und Steine ermöglicht. Die Rubrik "Ergänzungen zum Urdruckteil" beinhaltet die aktuellsten Hinweise zu z. B. Druckfehlern und wird derzeit um ein Archiv erweitert.
Im Augustheft 2005 wurde Eckart Kummer von Achim Schöneberg, seinem Vorgänger als Betreuer der Hilfsmatt-Abteilung, mit den Worten angekündigt: "... ab Oktober kommt frischer Wind in diese Spalte...". Diesen Vorschuß-Lorbeeren konnte EKu durchaus gerecht werden und hat mit seinen "Lösungsbesprechungen plus" eine neue und interessante Form kreiert. Vielen Dank, Eckart! Mit Silvio Baier hat sich ein kompetenter Nachfolger gefunden, der in dieser Ausgabe sein Debüt als Sachbearbeiter gibt.
Ebenfalls ein Debüt kann die seit 2007 in englischer Sprache erscheinende rumänische Zeitschrift Euxinus Pontus vermelden: Im Informalturnier 2010/11 wird zusätzlich zu den bereits bestehenden Rubriken 2#, 3#, n# (4-10 Züge), h#2, h#3-5, s# (2-5 Züge) eine Studien-Abteilung eingerichtet. Diese wird von Siegfried Hornecker geleitet. Herausgeber von Euxinus Pontus ist Stelian Lamba, der manchem Problemfreund von den jährlichen Treffen in Andernach bekannte George Teodoru fungiert als Honorary Editor.

Kalenderblatt

Georg Fuhlendorf (1910-4.11.1947) gehörte zu den ersten Märchenschach-Anhängern in Deutschland. Er betrieb Anfang der 1930er Jahre einige Forschung zur Frühgeschichte des Hilfsmatts und veröffentlichte dazu mehrere Beiträge, was im Buch Early Helpmates (Aachen 2000) von Ebert/Gruber detailliert nachzulesen ist.

Der am 12. Januar vor 100 Jahren geborene französische Problemist Godefroy Martin leitete ab 1946 eine umfangreiche Schachspalte in Parallèle 50, in der bis 1950 1700 Probleme erschienen. Eine Auswahl davon brachte er 1950 in Buchform unter dem Titel La Composition Contemporaine heraus.

Gustav Herbert Hultberg (27.1.1910-16.5.1995) war als Komponist und Publizist sehr produktiv. Er veröffentlichte ungefähr 2300 Probleme, publizierte zwischen 1941 und 1943 in Schackvärlden eine Artikelserie über logische und strategische Probleme und später eine Reihe von Büchern, die meist von Walter Jörgensen publiziert wurden. Die Problemzeitschrift springaren wurde von ihm gegründet und von 1947 bis 1961 auch redigiert.

Genrich Kasparjan

Kubell-MT 1946

1. Preis

wKe2, wTg5, wSh5, wBd3h6, sKc3, sTc6, sLc7, sBe7

Gewinn(5+4)

Die Studienwelt scheint sich weitgehend einig zu sein, den vor 100 Jahren geborenen Genrich Kasparjan (27.2.1910-27.12.1995) als Größten ihrer Zunft anzusehen. Mit 13 Jahren erlernte Kasparjan das Schachspiel von seinem älteren Bruder Rafael. Ab 1927 begann er, Probleme zu komponieren, doch ab 1930 wandte er sich neben dem praktischen Spiel ausschließlich der Studienkomposition zu. Während seines Studiums von 1926 bis 1931 in Tiflis entwickelte er sich zu einem sehr starken Spieler (im Semifinale der VII. sowjetischen Meisterschaft siegte er vor Botwinnik). Insgesamt erreichte er zwölfmal das Semifinale und viermal das Finale dieser Meisterschaft, daneben war er u. a. zehnmal Meister von Armenien. 1956 beendete er seine Wettkampftätigkeit und wandte sich dann nur noch den Studien zu, was sich auch in einem umfangreichen literarischen Werk dokumentiert (in John Roycrofts Buch The Complete Studies of Genrikh Kasparyan (1997) sind 19 Titel aufgeführt). 1972 gehörte Kasparjan neben Loschinski, Mansfield und Visserman zu den ersten vier Komponisten, denen die FIDE den Titel eines Kompositions-GM zuerkannte. Seine kristallklare Miniatur aus Magyar Sakkélet (1. Preis, 1969) war Beispielaufgabe für das 8. WCCT (siehe Heft 216, Seite 286), hier sei einen anderes Stück gezeigt, das Kasparjan zu seinen Lieblingsstudien zählte: Nach 1.h7? Te6+ nebst 2.- T:h6 hält S leicht remis, daher 1.Sg7! T:h6 2.Tc5+ Kd4 3.Tc4+ Ke5 4.T:c7 Kf6 5.Se8+ Kf7 6.Tc8 Jetzt hat W zwar seinen Springer gedeckt, steht aber troztdem sehr beengt. 6.- Te6+! 7.Kd1!! Tg6 (droht Tg8) 8.Sc7! (Nicht 8.Ta8? Tc6! 9.Ke2 Tc2+ 10.Ke3 Tc1 11.Ke4 Tc2 12.Kd5 Tc1 13.d4 Tc2 14.Sd6+ (das muss irgendwann kommen) e:d6 15.K:d6 Td2 16.d5 Td1 mit theoretischer Remisstellung.) 8.-Tc6 9.Kd2!! Jetzt sieht man, dass nach 7.Kd2? Weiß jetzt auf dem falschen Fuß erwischt wäre, aber jetzt gewinnt W nach 9.- Tc5 10.Tf8+!

Murray Marble

Numa Preti-MT
(La Stratégie) 1929

1. Preis

wKa6, wDa8, wTc3h3, wLa1g6, wSg7, sKd4, sDh1, sTe2f4, sSf2g5, sBa3b6d5e5

#2(5+4)

Der vor 125 Jahren geborene Murray Marble (17.2.1885-17.2.1919) komponierte ungefähr 300 Probleme und errang 1929 seinen größten Erfolg, als er sowohl in der 2#- und auch in der 3#-Abteilung im Numa-Preti-MT von La Stratégie jeweils den 1. Preis gewann; im Zweizüger (s. Diagramm) kann Schwarz nach 1.Le4! die Drohung 2.D:d5 durch Schlag des Le4 auf sieben verschiedene Arten parieren, und jedesmal gibt es danach ein anderes Matt. Marble, der schwer krank war, das Leben eines Invaliden führen musste und an seinem 34. Geburtstag verstarb, führte viele angehende Komponisten zur Schachkomposition und ermutigte sie zum Weitermachen.

H. M. Robbins

Southern Trade Gazette 1865

1. Preis

wKd7, wDe1, wTc7, wLa2f6, wSa6g2, wBf3, sKd5, sTb3c4, sLd4, sSd6h3, sBf7

#2(8+7)

Der amerikanische Komponist H. M. Robbins wurde vor 150 Jahren geboren. Er stand in Kontakt mit Shinkman, von dem er sich häufig die Inspiration für seine Kompositionen holte. Er gehört zu denjenigen, die sich schon früh mit Halbfesselungen beschäftigten (s. Diagramm): hier passiert 1.Dc3! mit dreifachem D-Opfer. Die thematischen Abspiele sind 1.- Tb(5) 2.D:d4 und 1.- Tc:c3 2.Sb4.

Jean de Villeneuve-Escaplon

Schweizerische Schachzeitung 1923

1. Preis

wKh3, wLf8, wSa7, wBh6, sKb8, sTh8, sLb2, sSd4

Remis(4+4)

Vor 150 Jahren wurde Comte Jean de Villeneuve-Esclapon (18.1.1860-Nov. 1943) geboren. Er war ein Nachkomme des französischen Admirals de Villeneuve, der in der Schlacht von Trafalgar Lord Nelson besiegte. Mit 40 Jahren wandte er sich dem Schach zu, bald danach auch der Komposition (insbesondere Studien) und redigierte für einige Jahre den L'échiquier francais. Er beteiligte sich auch an der Organisation mehrerer französischer Meisterschaften. Seine bekannste Studie ist das hier reproduzierte Werk: Nach 1.Lg7 Th7! (auf jeden anderen T-Zug gewinnt Weiß sogar noch nach 2.h7) 2.Kg4! mit der Absicht, nach g6 zu gelangen, ohne sich einem Schachgebot auszusetzen. 2.- K:a7 3.Kh5 Sf5 4.L:b2 T:h6+! 5.Kg5 Th2! (nach 5.- Th6 folgt 6.Le5! Se7 Ld4 mit Fesselung des sT) 6.Le5! Tf2 7.Lf4 Sd4! (wendet sich sowohl gegen Le3+ als uauch K:f5) 8.Le3 Tf5+ 9.Kg4 Td5 10.Kf4 Kb6! (verhindert Figurenverlust nach Ke4) 11.Ke4 Kc5 12.Kd3!! mit positioneller Remisstellung.

William Henry Russ oder, wie er sich später nannte, William Russ Henry (1835-3.1.1866) war ein amerikanischer Sammler, der im wesentlichen im Alleingang das nach seinem frühen Tod unter dem Titel American Chess Nuts erschienene enzyklopädische Mammutwerk zusammengetragen hat, das dann von Cook und Gilbert 1868 publiziert wurde, nachdem es Henry zu Lebzeiten nicht gelungen war, einen Verleger dafür zu gewinnen. Neben seiner Sammlertätigkeit leitete er zeitweise einige Schachspalten in Tageszeitungen, komponierte selbst aber nur sehr wenig. Vor 175 Jahren wurde Henry geboren.

Zum Schluss sei noch kurz an eine der dominierenden Personen des Schachlebens im 19. Jahrhundert erinnert: vor 200 Jahren wurde Howard Staunton (1810 22.6.1874) geboren. Sicher darf man ihn nicht als Problemisten charakterisieren, doch durch seine publizistische Tätigkeit hat er auch auf diesem Gebiet bahnbrechendes geleistet; erinnert sei dazu nur auf die mit großem Tamtam verbundene Veröffentlichung des "Indischen Problems".

Todesfälle

Überraschend und unerwartet erreichte uns die Meldung, dass Theodor Steudel am 10. November letzten Jahres nach einer Operation verstorben ist. Er wurde 81 Jahre alt (geb. 4.7.1928), mehr als 60 davon waren geprägt durch seine Leidenschaft fürs Problemschach. Karl Fabel, den er schon bald nach Ende des 2. Weltkriegs kennenlernte, prägte damals nicht nur seine schachliche Entwicklung, sondern auch seinen beruflichen Lebensweg, als er ihn 1968 - praktisch ohne eigenes Zutun - von Mainz nach München ins Deutsche Patentamt holte. Das Team Fabel/Steudel übernahm Anfang der 70er Jahre auch für kurze Zeit die Schriftleitung der Schwalbe; allerdings geriet diese "Arbeitsgemeinschaft", in der die praktische Arbeit mehr auf Steudels Seite lag und Fabel sich eher für allgemeine Ideen zuständig sah, recht schnell ins Ungleichgewicht und musste schon nach vier Heften wieder eingestellt werden. Steudel, seit 1966 Internationaler Preisrichter der FIDE und seit der 1990 erfolgten Einführung des Titels FIDE-Meister für Schachkomposition auch Träger desselben, widmete sich als Komponist in späteren Jahren verstärkt der "kleinen Form", deren umfangreiche Ergebnisse insbesondere in Erich Bartels Problemkiste publiziert wurden. Daneben hatte er wesentlichen Anteil am Aufblühen des Münchner Problemkreises seit den 80er Jahren, der darin gipfelte, dass er uns sein Wohnzimmer über sieben Jahre hinweg für die monatlichen mpk-Treffen zur Verfügung stellte. In den letzten Jahren kam er zwar nicht mehr regelmäßig zu den Treffen, komponierte aber mit unverminderter Intensität und in häufigem Kontakt mit Gleichgesinnten.

Gerade erst wurde Franz Benkö, unser Mitglied "aus grauer Vorzeit" (seit 1928, also Steudels Geburtsjahr), anlässlich seines bevorstehenden 100. Geburtstags zum Ehrenmitglied ernannt (siehe Heft 240, S. 300). Während des PCCC-Treffens in Rio de Janeiro schickte er mir eine E-mail mit einer Einladung, ihn im Anschluss an das Rio-Treffen in Buenos Aires zu besuchen, was aber nicht mit meinen Reiseplänen zu vereinbaren war. Jorge Kapros, der in der Nähe Benkös wohnt und ihn häufig sah, brachte dessen persönliche Grüße mit nach Brasilien und erzählte, dass er etwas schwach, aber immer noch schachlich aktiv sei. Ende Oktober spielte er noch eine Partie, über die in der spanischsprachigen ChessBase-Website ausführlich berichtet wurde, traten dort doch zwei Spieler von zusammen 200 Jahren aufeinander (http://chessbase.com/espanola/newsdetail2.asp?id=7943, von dort auch weiterführende Links zu Benkö). Ein Jahr zuvor spielte er mit 98 Jahren und einer ELO-Zahl von immer noch über 2000 in einem Open mit 90 Teilnehmern, davon gut ein Drittel FIDE-Titelträger, und holte respektable dreieinhalb Punkte aus 9 Runden. Jetzt informierte uns Jorge Kapros, dass Benkös Herz, das zeitlebens am Schach in allen seinen Facetten hing und der mindestens drei Weltmeister (Aljechin, Tal und Fischer) gekannt hat, am Nachmittag des 11. Januar 2010 zu schlagen aufgehört hat.


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