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Heft 211, Februar 2005 voriges Heft nächstes Heft

Kalenderblatt

Über die Lebensschicksale des Problernkomponisten Cywinsky ist nur weniges bekannt. Mit diesen Worten begann W. Frh. von Holzhausen in der Festschrift zum XXV. Stiftungsfest 1911 des Akademischen Schachklubs München seine Studie über August Alexander Johann von Cywinski de Puchala. Die dort abgedruckten – übrigens von Johannes Kohtz gesammelten – 24 Probleme aus dem Zeitraum 1855 –1865 stellen vermutlich das Gesamtwerk des österreichischen Offiziers dar, der nach dieser kurzen Schaffensperiode zunächst einmal der Vergessenheit anheimfiel, bis Kohtz und Kockelkom 1903 in ihrem revolutionären Werk Das Indische Problem wieder auf ihn als wichtigen Vorläufer der (später so genannten) neudeutschen Schule hinwiesen. Sehen wir heute ein gelungenes Problem als Kunstwerk an, so war damals eine solche Sichtweise noch völlig unüblich; es ging einfach nur um den Rätselcharakter. In welch moderne Gestalt Cywinsky seine "Rätsel" verpackte, mögen die hier ausgewählten drei Beispiele demonstrieren. Dass sich einige seiner Aufgaben als nebenlösig erwiesen, hat ihn nicht weiter gekümmert oder dazu bewogen, diese Stücke zu korrigieren; erst Holzhausen versuchte sich daran, und bei manchen dauerte es sehr lange, bis eine korrekte Fassung gelang. Dies trifft insbesondere auf A zu, ein Problem mit gestaffelten Vorplänen aus einer Zeit, als es diesen Begriff noch gar nicht gab: Der Hauptplan 1.Th3 nebst 2.Td3+ L:d3 3.e3# scheitert an 1.– Le2! Nach 1.Th1!? La4? 2.Th3 käme Weiß zum Ziel, aber wieder verteidigt 1.– Le2. Daher zunächst der Vorplan 1.Th8! [2.Td8] Ld7! (2.– Le8 3.Th3) und dann 2.Th1, wonach Schwarz nur noch die schlechte Parade La4 hat und der Hauptplan zum Zug kommt. B ist eine berühmte Aufgabe, für deren Besprechung in Das indische Problem eine ganze Seite gewidmet wurde. Der Versuch 1.Dc3? scheitert an der Flucht des sT auf der 4. Reihe. 1.Le4? c:b3! 2.D:b3 T:e4 bringt nichts, da der sLa8 das Matt durch Dd5 verhindert. Daher muss der sL zunächst kritisch über das Feld e4 gelenkt werden: 1.Sf3 L:f3 (1.– D:f3 2.Sd7+ 3.D:f3) und jetzt 2.Le4! Le4 3.Dc3 b:c3 4.b4# oder 2.– c:b3 3.D:b3. In C zeigt Cywinsky schließlich Selbstbehinderung der sTT: Nach 1.La4 muss Schwarz sowohl Tf6 als auch Ld7 im Auge behalten und daher 1.– Tf8 spielen. Es folgt 2.Lb3 [3.Le6] Te7 3.Ta6, und jetzt ist Schwarz im Zugzwang, denn sowohl Tff7 als auch Tee8 führen zu einer schädlichen Verstellung, die W mit der Rückkehr 4.Ld1! nebst 5.Lg4# oder 5.Tf6# nutzt. Man mag kaum glauben, dass so etwas vor fast anderthalb Jahrhunderten parallel zur Altdeutschen Schule komponiert wurde. Cywinsky starb vor 100 Jahren am Neujahrstag (16.7.1829 – 1.1.1905).

A
August von Cywinski

Korrektur St. Eisert
III. Familien-Journal 1857
B
August von Cywinski

III. Familien-Journal 1858
C
August von Cywinski

III. Familien-Journal 1861
#5 (8+6) #4 (8+10) #5 (9+5)

D
Josef Juchli

Lösungsturnier Zürich
14.VI.1903
#3 (11+7)
Ebenfalls vor 100 Jahren, nur einen Tag nach Cywinsky, verstarb in seiner Geburtsstadt Zürich Josef Juchli (11.1.1847 – 2.1.1905), dessen Kompositionstätigkeit in zwei Schaffensperioden unterteilt werden kann: die Münchner Zeit, als er Freund und Schüler Bayersdorfs war, und die anschließende Schweizer Periode, während er er als Schweizer Meister und Lehrer galt. Juchli war ein zunächst erfolgreicher Kaufmann, den jedoch das geschäftliche Glück verließ und der nach wirtschaftlichen Rückschlägen 1889 in die Schweiz zurückging und in bescheidenen Verhältnissen lebte. Es existieren zwei Sammlungen der Kompositionen Juchlis, eine rarer als die andere: Die umfassendere ist 1908 in A.C. White's Christmas Series erschienen, die frühere enthält 28 in den Jahren von 1883 – 1893 komponierte Probleme und erschien 1896 in der ersten Festschrift des Münchner Akademischen Schachklubs zu dessen 10-jährigem Jubiläum, nachdem Juchli (darin übrigens "Juchly" geschrieben) München verlassen hatte, zuvor aber selbst seit 1892 diesem Klub angehörte und lange Zeit dessen "Maecenas" war. D zeigt eine Doppelsetzung der Brennpunkt-Idee: Nach 1.Se4! muss die sD stillhalten, um die Brennpunkte c5 und g5 im Auge zu behalten. Nach 1.– d:e4 2.Sf5! wiederholt sich das Spielchen, diesesmal geht es um die Felder g7 und d4; 2.– K:f5 3.Ld7#, und nach 1.– d:c4 2.Lc6 kommt schließlich wieder eines der S-Matts auf g5 oder c5.

E
G.B. Valle

Zitiert in "J. Juchli's Schachprobleme" (1908)
F
Johannes Albarda

108. TT Probleemblad 1962
Preis
#2 (11+10) #4
b) wBf2 --> e2
(10+10)
Giovanni Batista Valle (1.1.1843 – 14.1.1905) komponierte überwiegend Zwei- und Dreizüger. Von 1875 bis 1902 leitete er die Problemecke der italienischen Nuova Revista degli Scacchi, besonders erwähnenswert ist sein Buch L'arte di construire i problemi di scacchi (1891), das 1929 eine zweite Auflage erlebte. Sein Zweizüger E zeigt eine perfekte Zugzwangstellung, die Weiß aber nicht aufrechterhalten kann. Ist der Schlüssel 1.Td1! nun ein rein abwartender oder ein zurechtstellender Tempozug? fragten sich A.C. White und Max Henneberger im Juchli-Buch.

Zum Schluss einige runde Geburtstage: Vor 100 Jahren wurde der niederländische Problemkomponist Johannes Albarda (17.1.1905 – 9.10.1982) geboren. Sein Vierzüger-Zwilling F zeigt eindrucksvolle D-Züge – es lohnt sich, zu untersuchen, weshalb die Versetzung des wB die Rundläufe eindeutig macht. Erinnert sei auch an den ungarischen Komponisten Gyula Toth (6.1.1905 – 15.2.1975) sowie an den 125. Geburtstag des bis ins hohe Alter von über 100 Jahren noch aktiven Ernst Carl Schaaf (23.1.1880 – 13.5.1985).

Todesfälle

Todesfall - Kurz vor Redaktionsschluss erreichte uns die Meldung, dass Friedrich Chlubna am 6. Januar von seinem schweren Leiden erlöst wurde. Zwei Tage später, am 8.1., verstarb völlig überraschend auch Prof. Dr. Rolf Trautner, und schließlich erreichte uns noch die Nachricht vom Tod Alexander Ettingers am 14. Januar sowie von Drago Biscan Ende letzten Jahres. Nachrufe folgen in einem der nächsten Hefte.

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