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Heft 226, August 2007  

 


Werner Keym: En-Passant-Schlüsselzug in der Miniatur
Entscheid im Informalturnier 2005, Abteilung Mehrzüger
Entscheid im Informalturnier 2004, Abteilung Zweizüger
Nachtrag zum Preisbericht 192. Thematurnier
30 Jahre Problemshach in der ROCHADE EUROPA,
Ausschreibung 203. Thematurnier
Wieland Bruch: Die Rettung einer klassischen Zepler-Studie
Werner Keym: Vallado-Task (Zwischenbilanz), Keym-Task (Erstdarstellung),
neuer Task, Ausschreibung 204. TT (direktes # mit AUW, Rochade und e.p)
Urdrucke
Lösungen aus Heft 222, Dezember 2006
Bemerkungen und Berichtigungen
Buchbesprechungen
Turnierberichte

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Die Rettung einer klassischen Zepler-Studie
von Wieland Bruch, Frankfurt (Oder)
  A) Erich Zepler
Turnier der Ostrauer Morgen-zeitung 1928
1. Preis (Originalfassung)
Remis (5+8)
Diagramm A) zeigt die Urfassung einer der eindrucksvollsten Interpretationen der Kombination Kling in Studienform. Mit diesem Meisterwerk gewann der damalige Berliner Dr. Erich Zepler (1898-1980) das von GM Richard Reti gerichtete Turnier der Mährisch-Ostrauer Morgenzeitung vor namhafter internationaler Konkurrenz (u.a. L.I. Kubbel, Cheron, Prokes, Lazard). Noch im Jahre 1928 wurde dieser Preisträger in der russischen Zeitschrift Shakmatny Listok (Nr. 17 / 1928) nachgedruckt. Die Hauptvariante der Autorlösung lautet:
1.g6! h:g6 2.f6 d4 3.Th1!! Tf5+ (3.- Td5 4.f7 Tf5+ S.Kg1 Kb7 6.f8D T:f8 - patt) 4.Kg1 T:f6 - patt. Wie Ado Kraemer berichtete, bemerkte der Preisrichter R. Reti damals ihm gegenüber: "Als ich den dritten Lösungszug sah, glaubte ich zuerst, es läge ein Schreibfehler vor!" Wenige Monate später wurde jedoch in Shakmatny Listok (Nr. 4/1929) über zwei Widerlegungen informiert, die von deutschen und schweizerischen Lösern gefunden wurden:
I) 1.g6 h:g6 2.f6 d4 3.Th1 Th5! 4.f7 Th8 5.Te1 Kc7! 6.Te8 Th5! 7.f8D Tf5+ und Schwarz gewinnt. Auch nach 7.Tc8+ Kd7! 8.Td8+ Ke6! ist Weiß chancenlos.

II) 1.g6 d4! 2.Te8+ Kb7 3.g:h7 T:f5+ 4.Ke2 Th5 5.h8D T:h8 6.T:h8 a3 und Schwarz gewinnt. Diese Variante ignoriert allerdings die von Zepler angegebene Fortsetzung 2.g7! T:f5+ 3.Kg1 Tg5+ 4.Kh1! T:g7 5.Te8+ Kc7 6.Tc8+ usw. mit Dauerschach oder Patt. Besser als das schwache 3.g:h7? wäre 3.g7! T:f5+ 4.Kg1 Tg5+ 5.Kh1 T:g7 6.Tb8+ Kc7 7.Tc8+ mit Übergang in diese von Zepler geplante Variante.

Dass Zepler tatsächlich nur die Widerlegung I) akzeptierte, belegt seine Korrekturfassung (Diagramm B), die in dieser Form in die Literatur eingegangen ist. Mit einem einzigen genialen Handgriff ist die Widerlegung I) 3.- Th5! entkräftet:

  B) Erich Zepler
Turnier der Ostrauer Morgen-zeitung 1928
1. Preis (V)
Remis (5+8)
1.g6! h:g6 2.f6 d4 3.Th1!! Tf5+ (3.- Td5 4.f7 Tf5+ 5.Kg1 Kb7 6.f8D T:f8 - patt) 4.Kgl T:f6 - patt.
Durch die Versetzung des sK nach a8 würde Weiß nun nach 3.- Th5? 4.f7 Th8 5.Te1 Kb7 (5.- Ka7 6.Te8 Th5 7.Ta8+ Kb6 8.Tb8+ usw. =) 6.Te8 Th5 7.Tb8+!! Kc7 8.f8D Tf5+ 9.D:f5 g:f5 10.T:b4 sogar gewinnen. Der entscheidende Unterschied besteht also darin, dass mit sKa8 nicht sofort 5.- Kc7 möglich ist und das schwächere 5.- Kb7 das T-Schach auf der b-Linie mit Gewinn der sBB b4+a4 erlaubt. Für die Variante 1.- d4 bleibt es laut Zepler bei der Fortsetzung 2.g7! T:f5+ 3.Kg1 Tg5+ 4.Kh1! T:g7 5.Te8+ Ka7 (anstatt 5.- Kc7 in der Urfassung) 6.Ta8+ usw. – Hier bricht Zepler die Variante ab – wohl im sicheren Gefühl, ewiges Schach oder Patt (8.- K:a8?) zu erreichen.

Andre Cheron wird in seinen Analysen etwas deutlicher: Zunächst zieht er nach 1.g6 d4 2.g7 T:f5+ 3.Kg1 Tg5+ 4.Kh1 T:g7 5.Te8+ als stärkste Antwort 5.- Kb7 vor, um darauf mit 6.Tb8+ Kc7 7.Tc8+! (nicht 7.Tb7+? Kd6! und gewinnt) 7.- Kd6 8.T:c6+ fortzusetzen und an dieser Stelle ebenfalls Remis durch ewiges Schach oder Patt zu verkünden, was nach dem Schlag des sBc6 auch zutrifft. Erstaunlicherweise hat Cheron jedoch den offensichtlich stärkeren Zug 7.- Kd7! übersehen, nach dem der wichtige Bc6 erhalten bleibt.

Der holländische Buchautor Tim Krabbe hat im Jahre 1977 offenbar erstmalig auf die mit 7.- Kd7! beginnende Gewinnvariante hingewiesen, die so auch in der HvdH-DBIII (Nr. 55.649) vermerkt ist. Damit kommen wir der bitteren Wahrheit einen bedeutenden Schritt näher:
1.g6 d4! 2.g7 T:f5+ 3.Kg1 Tg5+ 4.Kh1 T:g7 5.Te8+ Kb7 6.Tb8+ Kc7 7.Tc8+ Kd7! 8.Tc7+ Ke8 9.Tc8+ Kf7 10.Tc7+ Kg6! 11.T:c6+ Kg5 12.Tc5+ Kg4! und Schwarz gewinnt. Auch das stimmt, aber wieder nur auf die Endstellung bezogen!
Denn 9.- Kf7? wäre wegen der Blockade des Tg7 ein schwerer Fehler, den Weiß in aller Ruhe mit dem stillen 10.T:c6!! nutzen kann. Ohne den schützenden Bc6 kann Schwarz nun weder den ständigen Schachgeboten entkommen, noch in diesem Moment das Patt aufheben (10.- Tg1 +?? 11.K:g1 +-).

Nach langwierigen Analysen wurde mir klar, dass Schwarz mit äußerst präzisem Spiel trotzdem gewinnt, wenn er es nicht zuläßt, dass Weiß den Bc6 schlägt. Die optimale Zugfolge lautet also nach meiner Überzeugung wie folgt:

III) 1.g6 d4! 2.g7 T:f5+ 3.Kg1 Tg5+ 4.Kh1! T:g7 5.Te8+ Kb7! 6.Tb8+ Kc7! 7.Tc8+ Kd7! 8.Tc7+ (8.Td8+ Ke7 9.Te8+ Kf7 10.Te7+ [10.Tf8+? Kg6!] 10.- Kg6 11.Te6+ Kh5 12.Th6+ Kg5 usw. wie in der Hauptvariante) 8.- Ke8! (oder Kd8!) 9.Tc8+ Ke7!! 10.Te8+ (10.T:c6? Tf7!-+) 10.- Kf6 (oder 10.- Kf7) 11.Te6+ Kg5 12.Te5+ Kh6 13.Th5+ Kg6 14.Th6+ Kg5 15.Th5+ Kf6! 16.Tf5+ (16.Th6+? Tg6! 17.T:h7 Tg1+! -+) 16.- Ke7! 17.Te5+ Kd7! 18.Td5+ Kc7! und Schwarz gewinnt, da der sBc6 dem sK Schutz vor weiteren Schachs bietet.
Ich überzeugte mich noch davon, dass auch die Zugumstellung 2.Te8+? auf die gleiche Weise verliert: 1.g6 d4 2.Te8+? Kb7! 3.Tb8+ (3.g:h7? T:f5+ -+ wie in der Urfassung) 3.- Kc7! 4.g7 T:f5+ S.Kg1 (5.Ke2? Tg5 usw. -+) 5.- Tg5+ 6.Kh1 T:g7 7.Tc8+ Kd7! usw. mit Übergang in die Variante 2.g7.

Um es kurz zu machen: Auch die Version B) schien mit der Widerlegung III) nachhaltig zerstört. Zwar existiert in der HvdH-DBIII als dritte Version eine verkürzte Fassung (Nr. 55.648), die auf jeden Fall korrekt sein dürfte, aber die Amputation des ersten Zugpaares (1.g6 h:g6; Beginn nun mit 1.f6!) bedeutet nicht nur den Ausschluss der starken Alternative 1.gö6 d4!, sondern auch den Verzicht auf die logische Form, die Zepler als bekennender 'Neudeutscher' gewiss bewusst angestrebt hat: So scheitert in den Versionen A) und B) der Hauptplan 1.f6? zunächst noch an 1.- d4! -+. Der zweckreine Vorplan 1.g6! g:h6 erzwingt also die Beseitigung des hinderlichen wBg5, um danach mit der Kling'schen Selbsteinsperrung erfolgreich auf Patt spielen zu können.

Beim Versuch, diese Studie zu retten, verfiel ich in meiner Verzweiflung nun auf einen Computerzug, den ich bis dahin wegen seiner fast lächerlichen Unbeholfenheit keines weiteren Blickes würdigte, der nun aber tatsächlich das letzte Wort in dieser Variante zu sein scheint:
1.g6d4 2.Te5!! – ein scheinbar überhastetes Turmopfer, dessen einziger Vorteil gegenüber 2.g7? und 2.Te8+? jedoch gerade darin besteht, dass Schwarz das Opfer jetzt sofort annehmen muss: 2.- T:e5 (2.- Tc2+? 3.Kf3 h:g6 4.f6! usw. =) 3.g7! T:f5+ (3.- Te8? 4.f6 +-) 4.Kg1 Tg5+ 5.Kh1! Kb7 (5.-T:g7 - patt; 5.- Tc5 6.g8D+ Ka7 7.Kg1!) 6.g8D Tc5 7.Kg1! (nicht jedoch 7.D:h7+? Kb6 8.D:h3 Tc1+ 9.Kg2 Tc2+ 10.Kf1 b3 11.Dd7 b2 12.D:d4+ Ka5 13.Da7+ Kb4 14.Dd4 Kb3 usw. -+) 7.- b3 (7.- Ka6 8.Db8 usw.) 8.Dg7+ Kb6 9.D:d4 usw. mit Remis.

Ich denke, dass diese unverhoffte und glückliche Wendung nun keineswegs als Makel empfunden werden sollte, zumal sie der inneren Logik von Zeplers genial erdachtem Grundschema zu gehorchen scheint.
Abschließend möchte ich mich sehr herzlich bei Harold van der Heijden für seine wertvollen Hinweise und tatkräftige Unterstützung bedanken.

Buchbesprechungen

Harrie Grondijs: Schaakvriend Jan Fischer (Rijswijk 2007, 352 Seiten, geb., 45,- EUR. Zu beziehen über den Autor oder bernd ellinghoven).
Wer war Jan Fischer? Das mögen sich die meisten Leser fragen – und wohl nur ausgewiesenen Endspiel-Spezialisten wird der Name ein Begriff sein. Der 1909 geborene Jan Fischer, der im Dezember 1939 kurz vor seinem 30. Geburtstag bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, hatte kaum Zeit, sich bei einem breiteren Publikum nachhaltig in der Erinnerung festzusetzen. Fischer stand schon als 16-Jähriger in Kontakt mit dem ebenfalls viel zu früh verstorbenen H. G. M. Weenink (1892-1931), dessen 1926 in der Christmas-Serie erschienenes Werk The Chess Problem dem Autor bis heute andauernde Beachtung einbrachte. Die Kontakte zwischen Weenink und Fischer konzentrierten sich auf Endspiele und Studien. Weenink, der in dieses damals unstrukturierte Gebiet eine Ordnung bringen wollte, um einen besseren Überblick über das Wesen der Studien zu erlangen, hatte den Plan, ein Buch mit dieser Zielsetzung zu schreiben, wie aus seinem Briefwechsel mit Fischer von 1928 hervorgeht. Nach seinem Tod lebte dieser Gedanke bei Fischer fort, der begann, alle erreichbare Studienliteratur zu sammeln. Mitte 1936 wurde er Studienredakteur der neugegründeten Wochenzeitschrift De Schaakwereld (das holländische Schach erlebte damals, nach Euwes Gewinn des Weltmeistertitels, einen gewaltigen Aufschwung und Popularitätszuwachs). Neben der Redaktionstätigkeit füllte Fischer, der beruflich als Militärarzt tätig war, seine knappe Freizeit mit der Arbeit an einer Inleiding tot de Endspielstudie aus. Dieses wohl in Fortführung der Weenink'schen Idee begonnene Werk blieb durch seinen plötzlichen Tod unvollendet; zwar setzten Selman und de Feijter die Arbeit daran fort, aber aufgrund der Kriegsumstände kam es nie zu einer Veröffentlichung. Was bleibt wichtig von Fischers Werk? Nur einige Probleme und Studien und dreieinhalb Jahre Redakteurstätigkeit sind das magere greifbare Resultat seines elanvoll angegangenen Schach-Lebens.

Was Harrie Grondijs' wunderschön aufgemachtes Buch, das übrigens von bernd ellinghoven gedruckt wurde, dem Leser bietet, ist neben einer Einführung in Fischers Leben und in die Zeitumstände gerade die Vermittlung dieses Elans. Er liefert Einsichten ins (nicht nur holländische) Schachleben der 1930er Jahre. Als Mittel dient ihm dazu der komplett wiedergegebene, fast vollständig erhaltene Briefwechsel zwischen Fischer und John Selman, ergänzt durch auf Fischer bezogenen Briefwechsel nach dessen Tod und anderes Material (u.a. den Preisbericht des 25 Jahre nach Fischers Tod durchgeführten Gedenkturniers), der den fast 250 Seiten umfassenden Hauptteil des Buches ausmacht. Grondijs hat mit diesem Buch wieder einen in sich geschlossenen Teil des in seinem Besitz befindlichen Selman-Nachlasses der Öffentlichkeit zugänglich gemacht (frühere daraus hervorgegangene Arbeiten waren Study Story (1996), SpringerZauber und zuletzt 2004 das umfangreiche Saavedra-Werk No Rook Unturned). Wieder ist das vorgelegte Werk keine bloße Dokumentation des vorhandenen Materials, sondern der durch zusätzliche Recherchen abgesicherte gelungene Versuch, die Atmoshpäre einzufangen, in der trotz wirtschaftlicher Krisen, internationaler Konflikte und des heraufziehenden Krieges einige niederländische Studienenthusiasten damals ihre virtuelle Schachwelt aufrechtzuerhalten versuchten.

Natürlich zielt dieses Buch mit weniger als 100 Diagrammen, also einem recht geringen rein schachlichen Inhalt, nicht auf einen breiten Leserkreis ab; entsprechend klein ist auch die Auflage. Wer sich aber für die Entwicklung der Studiengeschichte interessiert, der ist mit diesem Werk sicher sehr gut bedient. Es sollte noch gesagt werden, dass es auf niederländisch geschrieben ist, doch wer halbwegs sprachgewandt ist, wird genügend Ähnlichkeiten mit dem Deutschen und/oder Englischen entdecken, um auch ohne nähere Kenntnis den Inhalt im wesentlichen zu verstehen. (GüBü)

Hilmar Ebert, Hans-Peter Reich, Jörg Kuhlmann: Minimalkunst im Schach he-chess 5, Aachen 2006, 576 Seiten, geb. 39,95 EUR, erhältlich bei lilian.alquiros@t-online.de.
Um es kurz und bündig zu sagen: dieses wichtige, in jedem Sinne schön gestaltete Buch gehört in die Bibliothek von jedem seriösen Freund des Kunstschachs. Es enthält gut 1.000 orthodoxe und heterodoxe Probleme und Studien. Die langjährigen Vorarbeiten dazu stellten besonders hohe Anforderungen an das Sammlertrio. Hilmar Ebert schreibt in der Einleitung über die Entwicklung des Projektes: "... nach Sichtung von etwa 30.000 Stücken mutete ich meinen Mitautoren etwa 10.000 Stücke zu: zwecks akribischer Analyse Stein für Stein, Variante für Variante, mehrfacher Bewertungsdurchgänge der korrekt und vorgängerfrei befundenen Aufgaben!" Zu den Komponisten, die diesem kritischen Prozess standhielten und besonders zahlreich vertreten sind, gehören Fadil Abdurahmanovic, Hans Peter Rehm und (wie bei Guttmanns Sammlung Minimalprobleme 1962) der unvergessene Werner Speckmann. Die ausgewählten Werke sind aufgegliedert nach Gattung (Studien, Matt, Hilfsmatt, Märchen) und dann nach weißem Material. Viel Interessantes und Nützliches (eine 10 Seiten umfassende Bibliographie, Exkurse mit schwarzen Minimalen und Opferminimalen usw.) rundet das Ganze ab. Die Lösungen stehen den Diagrammen gegenüber und sind von kurzen, treffenden Kommentaren begleitet.

Die Entstehung der gut gewählten Bezeichnung Minimal wird gleich am Anfang unter die Lupe genommen. Josef Halumbirek scheint den Terminus geprägt zu haben, aber auch Ado Kraemer ist ein Kandidat. Wichtig ist, dass die Minimalform nach wie vor attraktive Möglichkeiten birgt. Wir freuen uns schließlich immer, wenn wir Davids Sieg über Goliath erleben! In Minimalen ist der Ausgang mit einem Gran Impertinenz gewürzt, wenn der weiße David nur einen Läufer oder nur einen Springer zur Verfügung hat und dem Feind ein Matt mittels Selbstblock(s) aufzuzwingen vermag. Auch eine schlaue Remisführung kann instruktiv und amüsant sein. Das wird alles in diesem sehr willkommenen Buch ausführlich dokumentiert. Alle Achtung vor den Minimalisten vieler Zeiten und Länder und vor den drei Experten, die selbstlos arbeitend eine schöne Landschaft für uns erkundet haben!
Zum Schluss einige unterhaltsame Minimale, die im Buch ihren verdienten Platz gefunden haben.

1 William Shinkman
American Chess Bulletin 1924
  2 Werner Speckmann
Die Schwalbe 1955
1. Preis
  3 Daniel Meinking
U.S. Problem Bulletin 1994
1. Lob
  4 Valeriu Onitiu
Die Schwalbe 1929
#5 (2+4) #6 (2+4) h#5 (2+4) #6
f2 = Grashüpfer
(2+3)


  5 Wladimir Bron
problem 1958/59
5. Preis
Remis (2+4)

1: 1.- g4 2.Lg5 g3 3.Lh6 4.Lg7(+) 5.L:S#; 1.L:g5? Sc3!; 1.La5! g4 2.Ld2 g3 3.Lh6 4.Lg7(+) 5.L:S#.
2: 1.Kd7! [2.Kc7,Kc8] d5 2.Kc6 (2.Kc8? Lf5+!, 2.Kc7? Lf4+! 3.Kc6 d4+ 4.Kb6 Lb7!) 2.- d4+ 3.Kb6 d3+ 4.Ka6 La7,Lf4 5.De8+ Lb8 6.D:e4#.
3: 1.Lb3 Kf3 2.La2+ Ke4 3.Tb3 Kd5 4.Tb7+ Kc6 5.Ta7 Td8#.
4: 1.g3 Gh4 2.g4 Gf4 3.g5 Gh6 4.g6 Gf6 5.g7 Gh8 6.g:h8=G#.
5: 1.Lc8+ Kg3 2.Le6 Sb4+ (2.- Se7+ 3.Kd6,Kd7) 3.Kc5 Sa6+ 4.Kd4 Lh7 5.Lc4 Sb4 6.Kc3 Sc6 7.Ld3=.
Übrigens – nehmen Sie diese inhaltsreiche Sammlung nicht mit in den Urlaub. Sie könnten die obligaten Wanderungen auslassen und die ganze Zeit schmökernd im Hotel hocken. (Colin Russ)

Petko Petkov: The Art of Composing Selfmates (Library of StraeGems-Serie, Westlake Village 2007, 224 + XVI Seiten, hart., 35,- EUR).
Wenn einer der größten und erfindungsreichsten Selbstmatt-Komponisten, der in den letzten Jahrzehnten ganz entscheidend zur Fortentwicklung des Genres beigetragen hat, zur Feder greift und über seine Erfahrungen und Kompositionsweise schreibt, dann kann sich der Leser sicher auf eine höchst interessante und anregende Lektüre freuen. Der etwa 180 Seiten ausmachende Hauptteil des Buchs, in dem Petkov die Schwerpunkte seiner kompositorischen Arbeit ausführlich behandelt und thematische Fragen an mehr als 300 Problemen aus eigener und fremder Produktion diskutiert, sind dann auch der Höhepunkt dieses Werks. Gegliedert ist dieser Teil in die acht vom Autor bevorzugten Themengruppen: Aktiver weißer König; Bildung direkter weißer Batterien; Bildung von schwarzen Batterien; Weiße Batterie-Transformationen; Schwarze Batterie-Transformationen; Grimshaw und Nowotny; Bristol-Thema; Annihilation.
Im vorangehenden ersten Teil des Buchs erläutert Petkov seine streng systematisch strukturierte Arbeitsweise und er gibt eine Einführung ins Genre, so wie er es sieht. Dies ist sicher der schwächste Teil des Buchs. Die hier enthaltenen theoretischen Ausführungen erscheinen dem Rezensenten nicht überzeugend und teils sogar für höchst bedenklich. Das sei demonstriert anhand der Aufstellung der Anforderungen, die ein "Modernes Ideales Selbstmatt (MIS)" erfüllen soll. Wenn der Leser hier die Auflistung von Kriterien, die eine "MIS" zu erfüllen hat, erwartet, dann wird er nicht recht zufriedengestellt. Der ersten Forderung, ein Thema oder eine Idee zu demonstrieren, die in anderen Genres nicht darstellbar ist, oder, falls doch, zumindest eine selbstmattspezifische Ausprägung haben soll, kann man natürlich nur zustimmen. Schwierig wird es dann schon mit dem folgenden: Das zweite Kriterium enthält ein ganzes Bündel an Forderungen und verlangt a) den Inhalt in mindestens zwei thematischen Varianten darzustellen (außer bei logischen Selbstmatts), wobei b) der Schlüssel ein versteckter stiller Zug mit einer vollzügigen Drohung sein soll und c) die Lösung keine Duale enthalten darf – weder "Mattduale" noch „Duale in der Verteidigung"; d) das Schlagen schwarzer Figuren, e) nichtthematische Wiederholungen weißer Züge und f) nicht-thematische Wiederholungen von schwarzen Mattzügen sind unerwünscht. Dies ist nicht nur ein breiter Forderungskatalog, sondern hier wird der unglückliche Begriff der "Mattduale", mit denen bulgarische Preisrichter in letzter Zeit aufgefallen sind (vgl. Die Schwalbe Heft 221, Okt. 2006, S. 557-560), verwendet und durch den weiteren Begriff eines "Duals in der Verteidigung" ergänzt; den sieht Petkov, wenn Weiß nach verschiedenen! schwarzen Verteidigungszügen mit dem gleichen weißen Zug fortsetzt. Hier wird m. E. der Begriff „Dual" in einer völlig falschen Weise benutzt, denn in beiden Fällen ist das wesentliche Kriterium für einen Dual, nämlich dass die das Spielziel erzwingende weiße Partei aus einer Situation heraus durch zwei verschiedene weiße Züge, zum Ziel kommt, nicht erfüllt. Was Petkov hier anspricht und im nachfolgenden Kapitel weiter diskutiert, sind schlichtweg keine Duale sondern Varianten. Sie weichen ihrem Wesen nach auch so stark von Dualen ab, dass bei der Bezeichnung des jeweils zugrundeliegenden Sachverhalts auch nicht auf diesen Begriff zurückgegriffen werden sollte. Es handelt sich hier allenfalls um ein ästhetisches Kriterium, keinesfalls um ein problemtechisches, und das sollte auch begrifflich auseinandergehalten werden.

Die folgenden weiteren Kriterien sind vage und tragen nichts zur Definition des MIS bei: Drittens wird verlangt, dass die Komposition originell sein und weder vom Autor selbst noch von anderen vorweggenommen sein soll. Wer möchte da widersprechen – aber was, bitteschön, ist daran Selbstmattspezifisch? Viertens sollen Rekordprobleme oder Tasks vermieden werden, wenn die vorgenannten Kriterien nicht erfüllt sind, und als letztes "Kriterium" für ein MIS wird angegeben, dass es eine besondere Gruppe von modernen strategischen Selbstmatt-Mehrzügern (MSSN) gibt, die mindestens drei Varianten oder eine vollzügige Drohung und zwei Varianten aufweisen. Dies ist nur die Definition einer Untergruppe, aber: Kommt ein MSSN mit drei Varianten dann auch ohne vollzügige Drohung aus, obwohl schon ein MIS diese haben muss? – Übrigens, stören Sie die Abkürzungen? In der Einleitung gibt es noch viel mehr davon, manche sind wirklich überflüssig und beeinträchtigen nur die Lesbarkeit: Brauchen wir die "play distance" (PD), um zu erfahren, dass bei Petkovs Arbeitsmodell (PWM) die PD oft bei 4-7 liegt, oder täte es nicht auch die einfache Aussage, dass er oft 4- bis 7-Züger komponiert?

Zurück zum Hauptteil; natürlich kann man die Aufgaben auch genießen, wenn man Petkovs theoretischen Ansatz nicht teilt – sollte dabei aber beachten, dass im erfreulich ausführlichen Text gelegentlich Duale im genannten irreführenden Kontext beanstandet werden. Das Buch, das durch eingestreute Fotos, Graphiken und Zitate aufgelockert wird, schließt mit einer sympathischen Komponisten-Galerie, in der 22 im Buch vertretene Autoren auf je einer Seite vorgestellt werden. Weniger sympathisch ist schließlich noch der vom Herausgeber angesetzte recht hohe Preis, für den man eigentlich schon einen Hardcover-Band erwarten könnte. Trotzdem sollten sich Selbstmatt-Liebhaber das Werk natürlich nicht entgehen lassen, gibt es doch neben Chlubnas Das Matt des weißen Königs kaum vergleichbare Literatur. (GüBü)

Mike Prcic Viktor Chepizhny (Library of StraeGems-Serie, Westlake Village 2007, 232 + XI Seiten, hart., 35,- EUR).
Der in gleicher Aufmachung wie Petkovs Selbstmatt-Buch erschienene Band widmet sich dem umfangreichen kompositorischen Schaffen des Moskauer Kompositions-Großmeisters Wiktor Tschepishny und enthält über 600 Aufgaben, die sich wie folgt gliedern: 203 Zweizüger, 128 Dreizüger, 44 Mehrzüger, 37 Selbstmatts und 195 Hilfsmatts. Die von Tschepishny selbst vorgenommene Auswahl wurde von Prcic thematisch gegliedert und in einer den FIDE-Alben angepassten Art präsentiert: je drei Aufgaben pro Seite mit danebenstehenden Lösungen und kurzen beschreibenden Inhaltsangaben. Beim Wechsel zu einem neuen Thema wird auch dieses definiert. In einem einleitenden biographischen Artikel erfährt der Leser einiges zur Person Tschepishnys, der 1934 in Dnjepropetrowsk geboren wurde, seit 1959 in Moskau lebt, von 1968 bis 1973 hauptberuflich Mitarbeiter der von Petrosjan gegründeten wöchentlich erscheinenden Schachzeitschrit 64 war. Lange Zeit war er im Verlag Fiskultura i sport für deren bedeutende Schachabteilung zuständig. Von 1982-88 war er auch einer der Vizepräsidenten der PCCC. (GüBü)


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