Heft 252, Dezember 2011 voriges Heft nächstes Heft

Kalenderblatt

Zunächst sei an vier Komponisten erinnert, die vor 25 Jahren verstorben sind.

Jean-Pierre Boyer

FEENSCHACH 1968

2. Preis

wKe5, wDd6, wTg1, wLf6g4, sKf2, sTe8, sBc2e2e3e6g5

#2
Circe (5+7)

Das äußerst breite Spektrum des französischen Komponisten Jean-Pierre Boyer (20.10.1935-12.11.1986) reichte vom orthodoxen Zweizüger bis zum Mehrzüger und vom Selbstmatt zum extremen Märchenschach, wovon das von ihm selbst verfasste Buch 250 \oe uvres choisies zeugt, dessen Drucklegung er nicht mehr erlebte. Er arbeitete viel mit Pierre Monréal zusammen, der ihn auch am Abend vor Weihnachten 1967 anrief, um ihm seine neue Erfindung zu präsentieren, die im folgenden Jahr unter der Bezeichnung "Circe" erstmals publiziert wurde und sich bis heute als überaus fruchtbar erwiesen hat. Der schachprovozierende Schlüssel und die sich selbst deckenden Mattfiguren des hier wiedergegebenen frühen Beispiels verblüfften die Löser damals sehr: 1.K:e6 [sBe7] droht 2.Dg3 und 2.Dh2; 1.- e:d6 [Dd1]+ 2.D:e2 [Be7]#, 1.- e:f6 [Lc1]+ 2.L:e3 [Be7]#.

Der englische Märchenschach-Pionier Charles Edward Kemp (18.11.1901-9.11.1986) arbeitete viel mit Dawson zusammen und betreute dessen schachlichen Nachlass. Vor genau 10 Jahren wurde in dieser Rubrik bereits an seinen 100. Geburtstag erinnert.

Rudolf Leopold

Dt. Schachzeitung 1957

3. Preis

wKd8, wDh4, wTa6c4, wLc5, wSf4, wBd6g5, sKe5, sDc2, sLb1, sSa2,  sBb4c3d7f5h7

#3 (8+9)

Der Dresdner Rudolf Leopold (29.12.1894-1.11.1986) kam als Gymnasiast mit der Problemkomposition in Kontakt und bewies schon 1911 sein Talent mit einem Zweizüger, für den er mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Nach anfänglicher Begeisterung für Mattbildaufgaben war die Begegnung mit Friedrich Palitzsch prägend für seine lebenslange Kompositionstätigkeit, denn danach wurde die Dresdner Idee zum zentralen Thema seines Schaffens. In der Schwalbe 1937 hat er darüber einen umfangreichen Artikel publiziert. 20 Jahre später erschien das folgende Stück (s. Diagr.): 1.Ld4+? Ke4!; 1.g6? (droht 2.De7) De4 2.Ld4+ D:d4!. Hier muss nach Dresdner Art der gute Verteidiger (sD) gegen einen schlechten (sL) ersetzt werden, und das erreicht W durch 1.Lb6! mit der Drohung 2.Ta5+ K:d6 3.Lc7, gegen die sich Schwarz mit 1.- Da4 wehren muss. Danach folgt planmäßig 2.g6 Le4 3.Ld4#. (1.La7? scheitert am sStörschach 2.- Da5+)

Oskar Wielgos

Dt. Schachblätter 1979/80

4. Preis

wKa8, wDb7, wTf8g4, wLg8, sKh8, sTa1, sLb5, sSe7, sBa4e3

#2 (5+6)

Oskar Wielgos (14.2.1916-5.11.1986) komponierte mehr als 1000 Schachaufgaben und war daneben auch ein Partiespieler von beachtlicher Stärke. Zwischen 1930 und 1939 veröffentlichte er vorwiegend Zweizüger in verschiedenen Tageszeitungen des Ruhrgebietes. Nach einer berufsbedingten Pause von 1939 bis etwa 1960 wandte er sich wieder verstärkt der Komposition zu. Aus dieser Spätphase stammt auch die hier gezeigte Aufgabe. Der weiße Turm auf f8 möchte zum Mattsetzen auf die h-Linie gelangen. Drei dieser Versuche scheitern an Selbstbehinderung der Dame. 1.Tf7/Tf6/Tf3? Sg6/Ld3/Th1! Daher 1.Tf5! Sg6/Ld3/Th1 2.Dh7/Db2/D:h1#

Gustaaf J. Nietvelt

La Battaille 1946

wKb3, wDd7, wTg3h4, wLf7g1, wSd3, wBc5e4f2, sKd4, sLf5g7, sSc3, sBa6c6d5

#2 (10+7)

Gustaaf Josephus Nietvelt (30.11.1897-15.11.1961) gründete die belgische Zeitschrift De Problemist, die von 1927-31 erschien und dann mit Het Schaakleven (1931-34) fusionierte. Er komponierte mehr als 300 Probleme, überwiegend Zweizüger. Sein Name ist mit einem Verteidigungsmotiv, der Nietvelt-Parade, verbunden, die zum Schiffmann-Themenkomplex gehört (siehe Diagr.): Nach 1.L:d5! droht 2.D:g7 und 2.f4. Auf 1.- S:e4 sehen wir eine Schiffmann-Parade, denn die Drohung 2.f4 scheitert jetzt an der Entfesselung durch Selbstverstellung; daher 2.Le6#. Nach 1.- S:d5 kommt 2.e:f5#, denn die Drohung 2.D:g7 führt nicht mehr zum Erfolg, weil hier die Entfesselung des sVerteidigers durch Wegzug eines wSteins erfolgt - das ist die Nietvelt-Parade, deren Namensgeber vor 50 Jahren verstarb.

Valentino Marin y Llovet

J. Berger-GT 1935/36

1. Preis ex ae., Abt. B

wKg8, wDa2, wTb2, wLc6h4, wSe2e8,  sKe5, sDd1, sTc3f1, sLa5, sSh8, sBb6c5d3e6f6f4g3g4

#4 (7+14)

Der Problemist und Partiespieler Valentino Marin y Llovet (17.1.1872-7.12.1936) trat mehrfach für Spanien bei Schacholympiaden an. Als Komponist war er Spezialist für besonders schwierig zu lösende Drei- und Vierzüger, die häufig stille Züge oder Opfer enthielten. Er publizierte etwa 300 Aufgaben. José Paluzie y Lucena publizierte 1913 ein Buch über Marin (Un artista en ajedrez, Barcelona), in dem dessen Werdegang skizziert wurde: Anfangs Anhänger des reinen und ökonomischen Mattbildproblems, wurde er später zum begeisterten Anhänger Bergers und stürzte sich auf reichhaltige Variantenprobleme mit klar hervortretendem Hauptspiel im altdeutschen Stil. Sein Siegerproblem im Berger-GT ist in diesem Sinne auch ein klassisches Hurra-Stück mit zwei spektakulären Opfern: 1.Tb4! (droht 2.L:f6+ Kf5 3.Le4) 1.- c:b4 2.D:e6+!! K:e6 3.Sd4+ Ke5 4.Lf6#. (1.- L:b4 2.Da8 usw). Marin verstarb vor 75 Jahren; ob er diesen Turniererfolg noch erlebt hat, ist mir nicht bekannt.

Der vor 100 Jahren verstorbene russische Problemist Pawel Bobrow (1862-23.12.1911) hatte sich große Verdienste für das Problemschach in seinem Heimatland erworben. Er gab eine Schachzeitung heraus (Schachmatnoje obozrenie), die in den Jahren 1891-1893, 1901-04 und 1909-1910 erschien und in der er viele Kompositionsturniere ausschrieb und daneben Aufsätze von bedeutenden Theoretikern veröffentlichte; besonderen Nachdruck legte er auf die Veröffentlichung von Aufgaben einheimischer Autoren.

Milu Milescu (11.11.1911-6.11.1981) war Hauptredakteur der rumänischen Revista Romana de Sah, die er fast 20 Jahre (1930-1949) betreute und verlegte. Als Sonderveröffentlichung erschienen in dieser Zeit auch die Problèmes choisis von Sigmund Herland (1948). 1961 übersiedelte er nach Israel und gehörte schon kurz danach (ab 1962) zum Redaktionsteam der israelischen Shachmat. Sein gemeinsam mit H.-H. Staudte herausgegebenes Buch Einmaleins des Endspiels fand viel Anerkennung.

Charles Pelle (12.12.1911-8.8.1965) komponierte in allen Genres, redigierte die Zeitschrift Le Problème des französischen Problemistenverbands von 1937-1949, war mehrfacher französischer Lösemeister. Sein Name ist mit einem Thema, oder besser: einem Mechanismus verbunden (Ziehen einer Figur in einer Fesselungslinie)

Zum 70. Geburtstag von Otto Fuß (8.12.1861-12.7.1944) bezeichnete die DSZ ihn 1931 als eine der führenden Persönlichkeiten im deutschen Schach. Schon 1882 gründete er einen Schachverein in seiner Heimatstadt Clausthal-Zellerfeld, war 1884 erstmals als Preisrichter tätig, führte seit etwa 1900 den hannoverschen Schachklub, später auch den Niedersächsischen Schachverband. Er war die treibende Kraft beim Hannoverschen Jubiläumsturnier 1926 nebst Problemturnier, dessen Turnierbuch (u. a. mit einem Foto von Holzhausen, der im Turnier den 3. Platz erringen konnte) heute eine gesuchte Rarität ist. 1909 publizierte der Autor zusammen mit Ferdinand Möller das Buch 150 ausgewählte Schachaufgaben. G. Willeke zitiert in seiner Geschichte des deutschen Arbeiterschach aus einer Festschrift, wie Fuß die hannoverschen Schachclubs durch kritische Zeiten führte: "Im Jahre 1933 kam der Klub in eine schwierige Lage. Das Dritte Reich forderte die "Gleichschaltung". Zum Glück war für das Land Niedersachsen der Kohlenkaufmann Otto Fuß zum Schachführer ernannt worden. Herr Fuß, selbst ein ausgezeichneter Schachspieler und großartiger Problemkomponist, entledigte sich seiner Aufgabe in vornehmer und rücksichtsvoller Weise. Durch die Gleichschaltung der hannoverschen Schachvereine wurden die Mitglieder des Klubs in einer größeren Gemeinschaft zusammengefaßt. Sie haben es wiederum Herrn Fuß zu verdanken, dass der Klub seine Eigenständigkeit nicht verlor, sondern in seinen alten Spiellokalen weiterspielen konnte. Zwar mußten danach die Spiellokale öfter gewechselt werden, der innere Zusammenhalt blieb aber gewahrt, und auch die Breitenarbeit wurde fortgeführt."

Johannes Öhquist

Schachmatnoje obozrenie 1893

wKg1, wDf8, wTe7g7, wLe6, wBe3, sKe5, sLf6h3, sBd6e4g2

#2 (6+6)

Wie Otto Fuß wurde auch der finnische Komponist Johannes Öhquist (6.12.1861-15.10.1949) vor 150 Jahren geboren. Er komponierte etwa 400 Aufgaben, von denen 128 in der 1932 in Helsinki auf deutsch erschienenen Auswahl Schachprobleme enthalten sind. Sein Kompositionsstil war anfangs der böhmischen Schule zuzurechnen, wandte sich dann aber überwiegend der neudeutschen Schule zu. Öhquist redigierte 1890/91 die Zeitschrift Tidskrift för Schack und leitete verschiedene finnische Zeitungs-Problemrubriken. Seine Aufgabe (s. Diagr.) erschien in der weiter oben erwähnten Zeitschrift von Bobrow und zeigt nach 1.Dh8! eine maskierte Batterie und Zugzwang. 1.- L:e6/Lh4 g5 2.T(:)g5, 1.- Lf5 g4 2.Dh2, 1.- d5 2.Db8 und 1.- L:e7/L:g7 2.T:e7/D:g7.

Josef Pospisil

Zlata Praha 1885

wKd2, wDa1,  wLf8, wSa6, wBg2g3, sKe4, sLh3, sBc7d3e5g6h6

#3 (6+7)

Josef Pospisil (1.11.1861-30.12.1916) war einer der bedeutendsten Vertreter der böhmischen Schule. 1887 veröffentlichte er mit České Úlohy Šachové ein Hauptwerk dieser Schule mit 320 böhmischen Aufgaben und einem einleitenden theoretischen Artikel. 1907 erschien von ihm unter dem Titel Šachové Úlohy eine Sammlung der Aufgaben von Dobrusky, einem weiteren böhmischen Säulenheiligen. Pospisils Kompositionen sind in zwei Bänden erschienen: 1908 gab A. C. White in seiner Christmas-Serie unter dem Titel České melodie eine Sammlung der bis dahin erschienenen Aufgaben heraus, der nach Pospisils Tod 1917 eine von Zdenek Mach zusammengestellte Ergänzung folgte (Šachové Úlohy 1908-1916}). Seine frühe Aufgabe (Diagr.) zeigt vier Modellmatts, dazu führt der wS in den Mattzügen alle ihm zur Verfügung stehenden Züge aus: 1.Dd1! (droht 2.Df3) 1.- L:g2 2.Dg4+ Kd5 3.Sb4; 1.- Kf5 2.Df3+ Ke6 3.Sc5; 1.- Kd4 2.Da4+ Kd5 3.S:c7; 1.- Kd5 2.Db3+ Kc6 3.Sb8#. Als hohes Meisterwerk der frühen böhmischen Schule bejubelte Josef Breuer dieses scheinbar so leicht hingeworfene Kunstwerk.

William Greenwood

Illustrated London News 1959

wKf6, wTe2e4, wLf3, wSd5, sKd3, sBd7

#3 (5+2)

Feenstra Kuiper erwähnt in seinem Buch Het Half Pin Thema, dass der Ausdruck "Halbfesselung" wohl erstmals in einem Briefwechsel zwischen Murray Marble (1885-1919) und Comins Mansfield über einen im November 1915 erschienenen Zweizüger verwendet wurde und weist darauf hin, dass ein Halbfesselungsproblem aber schon 1859 von William W. Greenwood (28.12.1836-11.7.1922) gezeigt wurde, dessen 175. Geburtstag jetzt ansteht. Leider habe ich dieses frühe Greenwood-Halbfesselungsproblem nicht ausfindig machen können, aber ein anderes, ebenfalls aus 1859, zeigt den Autor auf damals hochaktuellem indischem Gebiet (s. Diagramm): 1.Lh1 d6 2.Tg2 K:d5 3.Td2#.

Wenn nach einem auch musikalisch engagierten Problemisten, der noch dazu ein Bürgermeisteramt ausübt, gefragt wird, dann ist eigentlich klar, dass Werner Keym aus Meisenheim gemeint sein muss. Überraschenderweise ist diese Kombination aber weitgehend vorweggenommen: Der vor nunmehr 175 Jahren geborene Kanadier John Henderson (17.11.1836-25.4.1896) war acht Jahre Bürgermeister des Städtchens Saint-Liboire (einem Ort in der Provinz Quebec, der heute ungefähr genauso groß ist wie Meisenheim). Henderson war schachlich äußerst vielseitig engagiert. Als Problemkomponist Preisträger, als Partiespieler mehrfacher Teilnehmer an kanadischen Meisterschaften, wo er zweimal (1882, 1884) den 2. Platz erringen konnte, als Fernschachspieler wurde er erster kanadischer Meister (1878-1880). Schachjournalistisch war er tätig für den Canadian Spectator, und ein Jahrzehnt lang leitete er eine Schachspalte in der Montreal Gazette. Sein musikalisches Talent manifestierte sich in der Komposition von zwei Liedern: The Royal Game (1877) und Bold Champions of Caissa (1879). Vielleicht kann WK die Noten irgendwo aufstöbern und das einmal in Andernach aufführen!? [GüBü]


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