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Hermann Weißauer, *4.10.1920 †2.8.2014

Die Problemschachgemeinde trauert um das Ehrenmitglied der Schwalbe, Hermann Weißauer, der im Alter von 93 Jahren nach kurzem Krankenhausaufenthalt in Ludwigshafen an den Folgen einer Infektion verstarb.

Das war für mich ein enormer Schock. Unsere seit fast 40 Jahren bestehende Freundschaft vertiefte sich mit dem Beginn meines Vorruhestandes im Sommer 2008 immens. Wir trafen uns unter der Woche täglich zum gemeinsamen Mittagessen im Feierabendhaus in der Werkskantine der BASF. Anschließend fuhren wir zu ihm nach Hause, tranken noch ein Bierchen und schwatzten über dies und das. Auch einige Kurzreisen unternahmen wir gemeinsam. Wir besuchten z. B. für eine Woche die Schacholympiade in Dresden (2008), schauten uns in Bonn eine Partie des WM-Kampfes Anand-Kramnik (2008) an und besuchten die Dortmunder Schachtage (2011), unvergessliche Erlebnisse.

Kennengelernt haben wir uns im Dezember 1975 beim Treffen der Pfälzischen Problemfreunde. Ich ein absoluter Problemschach-Anfänger und er ein alter Hase, der schon viele Publikationen vorweisen konnte. Er verstand es, mich zu motivieren und weihte mich in die Geheimnisse der Problemkunst ein. Hermann Weißauer wurde am 4.Oktober 1920 in Freising (Oberbayern) als Sohn eines Volksschullehrers geboren. Er machte 1939 Abitur am Humanistischen Gymnasium in Freising. Der ausbrechende 2. Weltkrieg raubte ihm die Studentenzeit: das Chemiestudium in München unterbrach er im Sommer 1941, rückte zur Wehrmacht ein, tat Dienst bei Luftnachrichten-Einheiten in Deutschland und Norwegen. Am Kriegsende geriet er in Norwegen in Gefangenschaft und wurde nach der Aufteilung der Gefangenen ins "Hungerlager" nach Bretzenheim bei Saarbrücken verlegt, um dort mit "Schürhaken" Minen aufzuspüren! Das konnte und wollte er auf Dauer nicht aushalten und so plante er zusammen mit einem Mitgefangenen einen Ausbruch aus dem Lager, der ihm tatsächlich durch Stacheldraht und vorbei an patrouillierenden Franzosen gelang. Ohne Papiere bei -20° Kälte schaffte er es, an den Rhein und auf die andere Rheinseite zu gelangen, von wo aus er nach München zurückkehren konnte. Eine unglaubliche Energieleistung! Wie stark seine Energie wirklich war, erlebten seine Freunde und sein Umfeld am deutlichsten, als ihn eine lebensbedrohende Krankheit zu einer schweren Operation zwang, die er trotz Komplikationen wegsteckte als sei er noch ein junger Mann. Sein Wille und sein Optimismus haben ihn auch über diese schwere Phase seines Lebens hinweggebracht und ihn nicht im Stich gelassen. So konnte er erst 1946 sein Studium in München fortsetzen. Seit 1953 arbeitete er als Diplomchemiker in Ludwigshafen am Rhein in der BASF. Seinem Naturell nach war er ein Forscher, und das blieb er auch und verbrachte sein Arbeitsleben auch in der Forschung, bis er nach 17 Jahren als Betriebsführer und Leiter eines Produktionsstabs seine organisatorischen Fähigkeiten einsetzen konnte.

Hermann Weißauer war seit 1952 verheiratet und hatte zwei erwachsene Söhne. Das Schachspiel erlernte er mit 14 Jahren. Er war lange Zeit aktiver Turnierspieler von sehr großer Spielstärke bis 1975, zuletzt spielte er in der Oberliga für den SK Ludwigshafen 1912.

Hermann Weißauer war ein unermüdlicher Förderer des Problemschachs. Er organisierte seit 1977 die zweimal im Jahr stattfindenden Treffen der Pfälzischen Problemfreunde in den Räumen des Schachklubs Ludwigshafen 1912, dessen Ehrenmitglied er war. Von 1976-2002 war er Referent für Problemschach des Schachbundes Rheinland-Pfalz und des Pfälzischen Schachbundes. Außerdem war er Träger der Ehrennadel in Gold und wurde mit dem Ehrenteller ausgezeichnet. Er führte in dieser Zeit auf den Pfälzischen Schachkongressen das traditionelle Lösungsturnier durch und animierte in seiner charmanten Art viele Schachfreunde zum Mitlösen. Von April 1977 bis Dezember 2013 leitete er den orthodoxen Problemteil der Rochade-Europa, bevor er die Redaktionsarbeit aus Altersgründen einstellte und an mich übergab. In seiner Rubrik waren Problemschachneulinge gern gesehene Gäste, die er mit viel Geduld und Zuspruch zum Weitermachen ermunterte.

Von 1978 bis 1988 führte er als Turnierwart der Schwalbe die Deutsche Meisterschaft im Lösen von Schachproblemen durch. Auch als Publizist hat er sich mit seinem großartigen Buch "P. A. Orlimont und seine Schachaufgaben" einen Namen gemacht. Nach ihm wurde ein Problemschach-Thema benannt, die so genannte "Weißauer-Bahnung" und auch die "Batteriewechselthematik" wurde von ihm kreiert. Komponiert hat er 491 Schachaufgaben, meist Drei- und Mehrzüger, einige Zweizüger und wenige Studien. Die Zahl seiner Auszeichnungen beläuft sich auf etwa 100, davon 26 Preise. In den FIDE-Alben befinden sich 9 seiner Aufgaben.

In den achtziger Jahren war er häufig als Preisrichter tätig und erhielt 1987 den Titel "Internationaler Schiedsrichter für Schachkompositionen". 2009 erschien das Buch "Knobeln Sie auch gern?" mit 376 von mir kommentierten Aufgaben aus seinem problemschachlichen Gesamtwerk und einigen nachgedruckten Artikeln aus seiner Feder, die seine unablässige Suche nach neuen, frischen Ideen belegen.

2012 wurde ihm von der WFCC in Kobe (Japan) aufgrund seiner großen Verdienste für das Problemschach der Titel "Honorary Master of Chess Composition" verliehen. Der Problemschachenthusiast Hermann Weißauer hinterlässt eine große Lücke, nicht nur in der Pfalz. Seine offene Art, auf die Menschen zuzugehen und sie fürs Problemschach zu begeistern, hat mir imponiert. Er wird mir sehr fehlen.

Franz Pachl

 


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