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Heft 228, Dezember 2007  

 


Aktuelle Meldungen
Norbert Geissler: Dieter Werner 50 Jahre
Bernd Schwarzkopf: Welches ist der nächste Zug?
Schwalbe-Treffen 2007 in Forchheim
Klaus Wenda: Die 50. Jahrestagung der PCCC
Jubiläumstreffen der PCCC in Rhodos (13.-20.10.2007)
Herbert Ahues: Sind unnötige Effekte etwas Negatives?
Andrej Kornilow: Es ist sehr schwer,
als Mensch einen Computer zu ersetzen
Valery Liskovets: Erzwungener En-Passant-Schlag in direkten Retro-Problemen
Entscheid im Informalturnier 2000, Abt. Märchenschach
Urdrucke
Lösungen der urdruckeaus Heft 225, Juni 2007
Bemerkungen und Berichtigungen
Ergebnis der Bücher-Versteigerung der Schwalbe Juni 2007
Turnierberichte

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Entscheid im Informalturnier 2000 der Schwalbe
Abteilung: Märchenschach, Preisrichter: Jörg Kuhlmann (Köln)
Folgende 56 Märchenschach-Urdrucke erschienen im Berichtszeitraum:
Heft 181, Nrn. 10654-662 = 9;
Heft 182, S. 410/Diagr. 3 & Nrn. 10719-727 = 10;
Heft 183, Nrn. 10785-793 = 9;
Heft 184, S. 485/Diagr. unten & Nrn. 10849-858 = 11;
Heft 185, Nrn. 10906-913 = 8;
Heft 186, Nrn. 10969-977 = 9.
Nach Streichung der Nr. 10656 (außer Konkurrenz, da von mir selbst), Nr. 10657 (illegale Stellung - ohnehin eher ein Scherz) und Nr. 10912 (NL, m. W. ohne Korrektur) verblieben 53 Aufgaben zur Beurteilung (davon Nr. 10971 in verbesserter Version). Wie von einer der führenden Problemzeitschriften der Welt nicht anders zu erwarten, war die Qualität überdurchschnittlich hoch. Selbst kleinere und weniger ambitionierte Aufgaben, auch wenn sie keine Chance hatten, in diesen Preisbericht Eingang zu finden, waren durchweg niveauvoll und haben mir viel Freude bereitet.

1. Preis: 10727
Unto Heinonen

 2. Preis: 10723
Franz Pachl
 3. Preis: 10661
Hubert Gockel
s#31(14+10)h#2(9+9)#2(14+8)
Madrasi
= Grashüpfer
= Lion
b)/c) f1/wlf1
= Grashüpfer
= Nachtreiter
Sentinelles
b) sbc5 —> h2

1. Preis: Nr. 10727 von Unto Heinonen
Nach zwei einleitenden Zugpaaren "steht" die Matrix. Weiß kann nur mit Lb5 und LIc4 (von f7 über a2 und c2) Selbstmatt erzwingen, weil ersterer sowohl den BOck für die Lähmung des letzteren als auch einen fehlenden BLock für den wK liefert. Gleichzeitig muss der Gg4 an die Lähmung von Gd1 gebunden sein, um das Mattfeld d4 nicht zu kontrollieren. Deshalb braucht Weiß bei leerem c2 einen G auf e2 (von g8 über a2) und einen auf f1 (von a2 über c2, um d3 zu decken) und zudem seinen S auf a3 (um dort zu blocken und c2 zu decken). Bei der nötigen Rangierarbeit muss Weiß stets die Fluchtfelder c2 und d3 im Auge behalten und stets ein Stein mindestens auf c2 oder e2 stehen. Wenn sich der wL auf d3 zum BOck macht (und zwischenzeitlich c2 deckt), muss Gd1-d4 verstellt sein, was das Hin und Her des wS erklärt. Als BOck für den LIf7 darf sich der wL nur bis d5 vorwagen, denn: 8.Le6+? Llf6!! 9.LIc4#! Die Aufzählung all dieser Finessen verrät es schon: Ich bin restlos begeistert von diesem Task mit ununterbrochener schlagfreier Kreuzschachserie! Das ist so aufregend und geistreich, dass ich dafür sogar die "exotisch" (sprich: "illegal") überfüllte Stellung in Kauf nehme. Hier habe ich wirklich das Gefühl, den inhaltlichen Gegenwert für das strapazierte Material zu bekommen (s. Exkurs). Wären doch alle Tasks so wenig mechanisch, durchschaubar und grobschlächtig wie dieser! — 1.LIc4+! LId4+ 2.LIc6+ LIb6+ 3.Sc4+ LId4+ 4.Sa3+ LIb6+ 5.Gc4+ LId4+ 6.Gc2+ LIb6+ 7.Lc4+ LId4+ 8.Ld5+ LIb6+ 9.LIfc4+ LId4+ 10.LIa2+ LIb6+ 11.Lc4+ LId4+ 12.Le2+ LIb6+ 13.Gc4+ LId4+ 14.GfI + LIb6+ 15.LIac4+ LId4+ 16.LIc2+ LIb6+ 17.Lc4+ LId4+ 18.Ld5+ LIb6+ 19.Gc4+ LId4+ 20.Ga2+ LIb6+ 21.Sc4+ LId4+ 22.Sd2+ LIb6+ 23.Lc4+ Lld4+ 24.Ld3+ LIb6+ 25.Gac4+ LId4+ 26.Ge2+ LIb6+ 27.Sc4+ LId4+ 28.Sa3+ LIb6+ 29.Lc4+ LId4+ 30.Lb5+ LIb6+ 31.L2c4+ LId4#.

2. Preis: Nr. 10723 von Franz Pachl
Ich liebe lebhafte und ausführliche Löserkommentare, zumal die der Schwalbe, die von ausgewiesenen Experten stammen und eine große Hilfe für jeden Preisrichter sind. Was ich aber gar nicht leiden kann, ist, wenn mir Löser die genaue Platzierung in den Berichtsbogen diktieren wollen. Aber was kann ich schon dagegen tun? Soll ich es den Autor büßen lassen? Natürlich nicht - dies ist ein großartiges Meisterwerk! Wäre doch jeder Zyklus so eindringlich (s. Exkurs) wie der zwischen Deckungsbehalt, Block als Deckungsersatz und Neudeckung in schönem Forsberg-Drilling mit weißem Tripel-Grimshaw! — a) 1.L:e6 Ng3 2.Lc8 Lb6#, b) 1.S:c5 Ga1 2.Sa6 Nb6#, c) 1.T:a4 Lh3 2.T:a7 Tb6#.

3. Preis: Nr. 10661 von Hubert Gockel
Herrlicher Djurasevic mit vorbildlicher Ausnutzung der Sentinelles-Bedingung im Zusammenspiel mit zwei Batterien. Zwei zusätzliche Mattwechsel bereichern den sinnfälligen Zyklus - hier ist für ausreichenden Ertrag der 22 Steine gesorgt (s. Exkurs). Mit der Zwillingsbildung (zu versetzender sB beide Male als Widerleger) habe ich kein Problem - da sind die Märchenschächer wohl schon weiter als die Orthodoxen, die sich mit so etwas immer noch schwer tun? — a) 1.T:c3 [+wBc2]? c:d4!, 1.Kg5 [+wBg6]! A (droht 2.Sg3# B) 1.- T:f4 x 2.T:c3# C, 1.- Sf7+/e:f6+/Tf3 2.g:f7#/S:f6 [+wBh5]#/g:f3#; b) 1.Kg5 [+wBg6]? h1S!, 1.T:c3 [+wBc2] C (droht 2.Kg5# A) 1.- T:f4 x 2.Sg3# B, 1.- Sf7/e:f6 2.K:f7#/Te3 [+wBc3]#.

4. Preis: 10908
Sergej Smotrow

XVVV1. Ehr. Erw.: 10791
Hans Peter Rehm
VVX2. Ehr. Erw.: 10976
Reto Aschwanden
s#19(6+8)#4(12+16)#2v(11+10)
= Nachtreiter = Pao = Vao = Turmlion
= Läuferlion
= Nao

4. Preis: Nr. 10908 von Sergej Smotrow
Eine mustergültige neudeutsche Pendelaufgabe aus Semipalatinsk! Selten habe ich solch perfekte Pendelei in solch sparsamer Form und "beizu" (das ist altrheinisch!) noch eine ernsthafte Taskidee geboten bekommen. Achtmal wird eine Batterie aufgebaut und abgefeuert, zweimal sogar "überlappend": 2.Lf5+ und 17.Ld3+ feuern jeweils ab und bauen zugleich neu auf. — 1.Lc6+? S:c6+ 2.Kc8?!; 1.Ld3+! Kf4 2.Lf5+ Ke3 3.Lh3+ Ke4 4.Nc5+ Ke3 5.Td3+ Kf4 6.Td6+ Ke3 7.Nc4+ Kf4 8.Tg4+ Kf5 9.T:g8+ Kf4 10.Tg4+ Kf5 11.Tg2+ Kf4 12.Nb2+ Ke3 13.Td3+ Kf4 14.Td7+ Ke3 15.Ng7+ Ke4 16.Lf5+ Ke3 17.Ld3+ Kf4 18.Lb5+ Ke4 19.Lc6+ S:c6#.

1. ehrende Erwähnung: Nr. 10791 von Hans Peter Rehm
Zweifellos geistreich und gediegen - aber 28 Steine in "exotischer" (sprich: "illegaler") Stellung? Probleme mit einer größeren Summe von Bauern plus Märchenfiguren derselben Farbe als acht sind mir schon deshalb suspekt, weil ich letztere gerne mit gedrehten Bauern aufbaue und ergo einen zweiten Bauernsatz heranziehen muss. Das nehme ich klaglos nur hin, wenn mich der Inhalt "umhaut" wie beim 1. Preis. Hier nun schalten 2.- VA/PAf4+ die reziproken Fortsetzungen 3.- PA/VAf4+ durch Entzug des Hintersteins aus, aber 3.-T/L:d5 durch Linienöffnungen hilfsstein-blockdresdnerisch ein. Wir haben also BLöcke auf d5 und BÖcke auf f4, welch letzteres Feld aber weder als BLockpunkt noch als Grimshaw-Schnittpunkt Verwendung findet (selbst wenn 3.- PA/VA:f4?? ausnahmsweise möglich oder sVA/PAf4 ausnahmsweise transparent wären, nützte dies Schwarz überhaupt nichts). Hinzu kommen Schachprovokation und Zickzackthema durch den wK. Die logische Form mit den Vorplanweglenkungen lästiger Extradecker durch einen angenehm unauffälligen Schlüssel mit vollzügiger Drohung ist einwandfrei (der Drohmattdual stört mich überhaupt nicht, da die Drohzüge unthematisch sind). Ja, wenn man reziproke Palitzsch- oder Brunner-Dresdner statt nicht wirklich reziproker Hilfssteindresdner bekommen hätte - vielleicht wäre ein Preis „drin" gewesen (reziproke Grimshaw-Römer zwischen gelenktem und gesperrtem Stein gibt es orthodox und sparsamer ja schon einige!). Aber mit Hilfssteindresdnern, ganz egal, wieviel Steine allein die Matrix dafür schon braucht, erscheinen mir 28 Diagramm-Steine in "exotischer" Stellung für eine höhere Auszeichnung zu viel des Aufwands gemessen am Ertrag (s. Exkurs). — 1.Kg4? (droht 2.Te6#) 1.- VAf4+ 2.K:g5 T:d5!; 1.K:g5? (droht 2.Te6#) 1.- PAf4+ 2.Kg4 L:d5!; 1.PAh3! (droht 2.Te6+ Kf5 3.Sg3+ Kf4 4.Sd3#/Te4#) 1.- PAa3 2.Kg4 VAf4+ 3.K:g5 T:d5 4.Sc6#, 1.-VA:h3 2.K:g5 PAf4+ 3.Kg4 L:d5 4.Sd3#.

2. ehrende Erwähnung: Nr. 10976 von Reto Aschwanden
Schwierig zu beurteilen! Das tiefsinnige Konzept und die ansehnliche Umsetzung gefallen mir sehr: Lacny, Droh-Reversal und zweimal fortgesetzte Verteidigung zweiten Grades in zum Glück "legaler" (und nicht gemäß altem Kodex "exotischer") Stellung. Nun gibt es aber einen Vorgänger vom selben Autor, und mein Lieblingslöser stellt zurecht die Frage, ob der zusätzliche Droh-Reversal die Einführung von Naos und einem Umwandlungsläufer wert sei. Allerdings habe ich im Vorläufer thematische Unreinheiten entdeckt, die hier bereinigt sind. Dennoch: Vorläufer ist Vorläufer und Umwandlungsläufer ist Umwandlungsläufer, daher ist dies leider kein Selbstläufer für einen Preis! — 1.NAd5? A (droht: 2.LLf3# B) 1.- NAb3~ x 2.NAb2# C, 7.- NAd2! y 2.Tf6# D, 1.- NAd4! z 2.Sd8# E, aber 1.- TLb4!; 1.LLf3! B (droht 2.NAd5# A) 1.- NAb3~ x 2.Tf6# D, 1.- NAd2! y 2.Sd8# E, 1.- NAd4!! z 2.NAb2# C.

3. ehr. Erw.: S.410/Diagr.3
Reto Aschwanden

 4. ehr. Erwähnung: 10722
Yves Cheylan
 1. Lob: 10726
Klaus Wenda
#2 Zügen(12+7)#2 v v (8+7)h#2 Circe(6+7)
2 Lösungen
= Pao = Vao
= Sirene
= Grashüpfer
b) gespiegelt (a1 = h1)
= Nonstop-Equihopper

3. ehrende Erwähnung: S. 410 / Diagr. 3 von Reto Aschwanden
Ich gestehe freimütig, dass es mir immer schwerer fällt, den Überblick über sämtliche weiße Linienkombinationen zu wahren. Jedenfalls gefiel mir das originelle Liniengewirk in dieser Aufgabe, ob nun Thema J oder K ... Zwei Lösungen zu fordern finde ich völlig legitim (s. Kommentar zum 3. Preis), zumal wenn sie fortgesetzte Angriffe gegenüber demselben Probespiel darstellen. Allerdings hinterlassen die reziproken Mattwechsel bei mir doch einen etwas automatischen Eindruck, weil sich die beiden Lösungen gedanklich zu ähnlich sind, fast wie die beiden Seiten derselben Medaille. Als Pluspunkt hingegen möchte ich die Ökonomie hervorheben (s. Exkurs). Leider stellt der neue Kodex einen Freibrief für das Treiben ökonomischen Schindluders aus, sobald Märchenelemente im Spiel sind - nach altem (Piraner) Kodex ist diese Aufgabe jedoch "legal", nicht bloß „exotisch", was für mich auch und gerade einen gehörigen ästhetischen Unterschied bedeutet (s. Exkurs). — 1.VAh3~? (droht 2.Sh3#) 1.- VAc8!; I.) 1. VAg4! (droht 2.Sh3#) 1.- Te6 2.Sg2#, 1.-Le7 2.Sd5#, (1.- Se4 2.T:e4#); II.) 1.VAf5! (droht 2.Sh3#) 1.-Te6 2.Sd5#, 1.- Le7 2.Sg2#, (1.- Se4 2.T:e4#).

4. ehrende Erwähnung: Nr. 10722 von Yves Cheylan
"Thema F, 2. Sonderform" ist die primäre Autorabsicht. Was mich zusätzlich erfreut, sind die sirenenspezifischen weißen Fernblöcke in den Verführungen, die Schwarz für Königsfluchten zu nutzen weiß, und die perfekte auswahllogische Form in gefälliger Ökonomie. — 1.Sf6? (droht 2.Se6#) 1.- c5! (2.SIa1? Ke5!), 1.Sd6? (droht 2.Se6#) 1.- Gc5! (SId2? Kd5!); 1.Sg7! (droht 2.S7e6#) 1.- c5 2.SIa1#, 1.- Gc5 2.SId2#, 1.- Gg1+ 2.S5e6#.

1. Lob: Nr. 10726 von Klaus Wenda
Spiegelungs-Zwillinge haben mich schon immer fasziniert. Hier führt der kleine Unterschied des sD-Repulses zu feiner Analogie. — a) 1.g.f1L [+wNEf8] NE:f1 [+sLc8] 2.e3 (Le3?) NE:b4 [+sDd8]#, b) Lb:a1T [+NEa8] NE:a1 [+sTh8] 2.Ld3 (d3?) NE:g4 [+sDd8]#.

2. Lob: 10654
Unto Heinonen
 3. Lob: 10906
Rolf Wiehagen
Achim Schöneberg

 4. Lob: 10977
Arnold Beine

h=6(5+9)ser.-h#4(8+6)h#2(5+5)
 b) wlb3 = wtb3

Anti-Andernachschach
b) + wte2
= Chamäleonturm
= Chamäleondame
= Chamäleonspringer


2. Lob: Nr. 10654 von Unto Heinonen
Schönes Idealpatt mit weißer Idealökonomie, aber fünf von sechs weißen Zügen sind Schlagfälle (die Crux der meisten Pattaufgaben) - und sind AUWs mit 14 Steinen angesichts der unübersehbaren Fülle von Darstellungen überhaupt noch ökonomisch (s. Exkurs)? — 1.Se5 d8T 2.Lf3 T:d3 3.Ld5 f:g8D 4.Kd6 D:g3 5.Tb8+ a:b8S 6.Ld8 c:d8L=.

3. Lob: Nr. 10906 von Rolf Wiehagen & Achim Schöneberg
Ich persönlich habe kein Problem damit, auch im ("logischen") Hilfsspiel von ("logischen") Verführungen zu sprechen, schließlich soll ja der Löser "verführt" werden, nicht der (im Hilfsspiel "verloren gegangene") Gegner. Die Bezeichnung Probespiel wäre mir natürlich genauso recht. Jedenfalls gewinnen in meinen Augen die beiden Rehm-Manöver durch das Vorhandensein der eindeutigen Versuche, ohne sie auszukommen, klar an Kontur. Und weil dergestalt logisch unterfütterte Serienhilfszüger m.W. Neuland betreten, hat dieser nette Forsberg-Zwilling den Sprung in den Preisbericht geschafft. — a) 1.Ta4? 2.T:d4 3.T:e4 4.T:e6+ L:e6+? 5.L:e6!, 1.Lb1! 2.Ld3 3.Lc4 4.L:e6 4.L:e6#; b) 1.Lb1? 2.Ld3 3.L:e2 4.L:f3 4.T:f3+? 5.T:f3!, 1.Ta4! 2.T:d4 3.Td3 4.Tf3 4.T:f3#.

4. Lob: Nr. 10977 von Arnold Beine
Hier ist die Orthogonal-Diagonal-Analogie wirklich apart! — a) 1.CSe2 [=wCL] CT:e4 [=CD] 2.CDg4 [=wCS] CLf1 [=sCT]#, b) 1.CS:e2 [=CL] CT:h4 [=CD]+ 2.CDg3 [=wCS] CSf1 [=sCL]#.

Exkurs
Ökonomiefragen ziehen sich wie ein roter Faden durch diesen Entscheid. Insbesondere Liebhaber steinreicher Zyklen argumentieren gerne, eine Aufgabe sei umso ökonomischer, je weniger Steine sie zusätzlich zur Matrix verwende. Der erste Irrtum besteht in meinen Augen schon einmal darin, dass unterschwellig immer angenommen zu werden scheint, jeder auch noch so fern liegende Zyklus sei per se darstellenswert. Das mögen Extremsammler von Zyklen so empfinden, nicht aber Ästheten: Vielen Zyklen geht die nötige Inhaltsästhetik ab, und dann sind mir schon 15, geschweige denn 30 Steine zuviel. Nicht jede Matrix ist per se den Aufwand wert, den sie benötigt.

Der zweite Irrtum besteht in der Annahme, Ökonomie beziehe sich nur auf die möglichst sparsame Verwendung von nachtwächternden Cookstoppern oder Nebenspielakteuren. Tatsächlich bedeutet (gute) Ökonomie aber das (angemessene) Verhältnis von Inhalt und Gesamtaufwand. Das (feine) Gespür für die Angemessenheit des Aufwands bekommen wir nur durch jahrelange problemschachliche Sozialisation vermittelt. Es ist äußerst heikel, labil, intersubjektiv und spottet jedem Formalisierungsversuch. Insofern verhielte es sich mit etwaigen extragalaktischen Besuchern genau umgekehrt zu dem, was ein lieb gewordener Schachfreund einmal vermutete: Sie würden nicht an den Märchenregeln scheitern, die sie (dank ihrer unterstellten Intelligenz und bei hinreichendem Problem-Input) schnell "spitz" bekämen, sondern an der ästhetischen Beurteilung, der Beurteilung von Inhalts- wie Formästhetik und ihrem ausgewogenen Zusammenspiel, weil sie für die Entwicklung dieses Sensoriums auf unserer Erde und im Schöße unserer Problemschachgemeinde hätten groß werden müssen. (Näheres zu Inhalts- und Formästhetik in "Quadrupelfuge, Tanztee und Quintolen", Die Schwalbe 188, IV/2001, S.49-51.)

Ökonomie ist übrigens keineswegs nur eine Frage wuchtiger Stellungen - auch eine Miniatur kann völlig unökonomisch sein, wenn ihr einziger nennenswerter Pluspunkt der ist, nicht mehr als sieben Steine zu beschäftigen. Und je abgedroschener ein Thema ist, desto sparsamer wollen wir es dargestellt sehen. Dabei fußt unser Gespür für die Angemessenheit des Aufwands wesentlich auf den Erfahrungen mit der Orthodoxie. Für denselben "Erlebniswert", den ich orthodox für 10 oder 20 Steine geboten bekomme, will ich heterodox nicht unbedingt 20 oder 30 Steinen aufbringen. Hierher gehört auch die Frage der Legalität von Märchenstellungen. Können sie auf orthodoxe Stellungen "zurückgeführt" werden, ist das ein erheblicher formästhetischer Vorzug gegenüber "exotischen", jeden Rahmen sprengenden Stellungen. Wie unsere Märchenregeln wesentlich auf den orthodoxen Regeln fußen, sie aber zum Glück beliebig modifizieren können, wiewohl niemals allesamt und zugleich, so ist es auch mit unserem ästhetischen Empfinden bestellt. Auch das ändert sich, wenn wir inhaltliches Neuland betreten, aber nur behutsam und schrittweise. So muss sich immer neu und aktuell ein verschärftes Gespür für die Aufwandsangemessenheit erweiterter Märchenthematik herausbilden. Das ist ein mühsamer und unberechenbarer Prozess - vermutlich nicht immer etwas für stürmische Stolzinge, ehe sie noch zum Hans Sachs gereift.

Jörg Kuhlmann, Köln, im November 2007

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