Heft 286, August 2017

Todesfälle

Der Schweizer Mathematikprofessor Josef Kupper (10.3.1932-5.6.2017) hat eine lange, erfolgreiche und vielseitige Schachkarriere durchlebt. In den 1950er und -60er Jahren war er dreimal Landesmeister und vertrat die Schweiz mehrfach bei Schacholympiaden; in Amsterdam 1954 erzielte er mit 10 Punkten aus 14 Spielen das zweitbeste Ergebnis am Spitzenbrett. Nach seiner Pensionierung 1997 wandte er sich verstärkt dem Problemschach zu - als Organisator, der die Schweizer Kunstschach-Vereinigung leitete, als Komponist von mehr als 800 Problemen und auch als Löser - und nahm auch an einer Reihe von WCC-Kongressen teil. Am 5. Juni verstarb Kupper im Alter von 85 Jahren nach längerer Krankheit. - Wie wir erst jetzt erfuhren, haben unsere französischen Freunde zwei herbe Verluste zu beklagen: Schon am 8. März 2016 verstarb Louis Azemard nach langer Krankheit im Alter von 80 Jahren. Auch er war Mathematikprofessor und leitete in Rex multiplex eine Spalte für Schachmathematik. Von ihm stammt auch das berühmte, eindeutig auflösbare Buchstaben/Zahlen-Problem HANS + PETER + REHM = SCHACH, das HPR als Titel seines in den Editions Fee-Nix erschienenen Problembuchs gewählt hatte. Am 9. Oktober vergangenen Jahres verstarb auch Roland Lecomte im Alter von 91 Jahren. Der berufsmäßige Journalist befasste sich seit 1948 mit Problemschach, redigierte von 1976 bis 1984 Europe Echecs, war Internationaler Preisrichter und als Direktor eines frühen FIDE-Albums tätig.

Kalenderblatt

Wir beginnen dieses Mal mit kurzen Erinnerungen an Komponisten, die schon in früheren Kalenderblättern vertreten waren und verlassen dafür die übliche Chronologie. - Vor 50 Jahren verstarb Richard Eugene Cheney (17.5.1908-30.8.1967). Zum 100. Geburtstag dieses lange in Deutschland lebenden amerikanischen Komponisten und A. C. White-Mitarbeiters erschien bereits eine Notiz in Heft 231.

Zum 100. Geburtstag des pfälzischen Problemisten Karl Hasenzahl (23.3.1913-17.7.1967) erschien eine Notiz in Heft 260 (April 2013). Jetzt ist an seinen 50. Todestag zu erinnern.

Zu Dawid Przepiórka (22.12.1880-27.8.1942) gab es in Heft 216 (Dezember 2005) eine Notiz zum 125. Geburtstag, jetzt ist an den 75. Todestag dieses bedeutenden polnischen Komponisten, Partiespielers und Organisators zu erinnern.

Dem vor 75 Jahren verstorbenen bedeutenden Studienkomponisten Alexej Alexejewitsch Troitzki (14.3.1866-14.8.1942) war erst im letzten Jahr ein Kalenderblatt gewidmet (Heft 278, April 2016).

Schließlich war auch der nach altdeutscher Schule komponierende Max(imilian) Kürschner (28.3.1853-26.8.1917), der das Nürnberger Problemturnier 1883 unter Mithilfe von Kohtz und Kockelkorn leitete, schon in dieser Rubrik vertreten (Heft 200, April 2003). Nunmehr jährt sich sein Todestag zum hundertsten Mal.

Erst kürzlich (Heft 270, Dezember 2016) wurde an Theodore Adrien Louis Herlin (22.7.1817-2.11.1889), auch bekannt als der Anonymus von Lille, erinnert - jetzt liegt sein Geburtstag 200 Jahre zurück.

Mit dem 75. Todestag von Arthur Klinke (1.3.1887-23.7.1942) und dem 150. Geburtstag von Karl Kaiser (8.7.1867-3.7.1934) kann an zwei bedeutende Persönlichkeiten aus der deutschen Arbeiterschach-Bewegung erinnert werden. Dies ist Grund genug, ein wenig auf die Tätigkeit der beiden und auf die Geschichte der Arbeiterschach-Bewegung zu blicken - jener weitgehend aus dem allgemeinen Bewusstsein verdrängten Organisation, die 1933, zum Zeitpunkt ihrer Zerschlagung durch die Nationalsozialisten, größer war als der Deutsche Schachbund, sich aber wegen ihrer klassenkämpferischen Grundhaltung bewusst abseits des allgemeinen "bürgerlichen" Schachlebens stellte.

Nachdem 1903 ein erster Arbeiter-Schachverein in Brandenburg gegründet wurde, brachte die Münchner Post am 8.11.1905 die erste Schachspalte des Münchener Arbeiter-Schachklubs, die so positiv aufgenommen wurde, dass ab 1908 die "Kleine Schachzeitung" der Münchner Post zum Zentralorgan der mittlerweile zahlreichen Arbeiter-Schachvereine erhoben wurde. Danach erschien ab 1909 eine eigenständige, vom Münchner Max Wingefeld herausgegebene Deutsche Arbeiter-Schachzeitung (DASZ) mit einem vom Stuttgarter Karl Kaiser geleiteten Problemteil. Kaiser versuchte durch ausführliche Erörterung von Problemlösungen die Problemtechnik der Arbeiterschachspieler zu schulen. Er schrieb für diesen Zweck auch Artikel für die DASZ mit Titeln wie "Über das Lösen und Beurteilen von Schachaufgaben" (Juni 1909, S. 81-87) oder "Fragen der Lösungstechnik" (1910, S. 129-134).

Als 1912 der Deutsche Arbeiter-Schachbund nach vielen Diskussionen und ideologischen Streitigkeiten gegründet wurde, gab dessen Vorsitzender Oelschläger eine neue Arbeiter-Schachzeitung (ASZ) heraus, die er auch gleich zum offiziellen Organ der neuen Vereinigung machte. Kaiser lehnte es wegen der vorausgegangenen Meinungsverschiedenheiten ab, in der ASZ als Problemredakteur zu wirken. Daraufhin übernahm der neue Redakteur Arthur Klinke (an den man sich heute hauptsächlich wegen seines 1924 erschienenen Buchs Das schwarze Schnittpunktgefüge erinnert) auch den Problemteil der ASZ, der ihm ohnehin am Herzen lag. In den folgenden Jahren bis 1931 baute Klinke die ASZ zu einem hervorragenden Publikationsorgan aus. Nach einer kriegsbedingten Unterbrechung in den Jahren von 1915 bis 1918, während der nur zwei Kriegsnummern erschienen, wagte er zunächst (1918/1919) nur einen vorsichtigen Neustart mit einem Mitteilungsblatt des Deutschen Arbeiter-Schachbunds, für das er Kaiser wieder als Problemredakteur gewinnen konnte.

1924 wies Klinke in der ASZ auf die Gründung der Schwalbe hin; trotz der strengen Trennung des Arbeiterschachs von bürgerlichen Vereinigungen konnten Arbeiterschach-Mitglieder anfangs in der Schwalbe veröffentlichen, umgekehrt haben auch Schwalben in der ASZ veröffentlicht. Später klassifizierte die ASZ die Schwalbe als bürgerliche Vereinigung und damit war allen Mitgliedern unter Androhung des Ausschlusses untersagt, Kontakte zur Schwalbe zu unterhalten. Klinke selbst wurde eine massive Rüge erteilt, weil er eines seiner Probleme in der Schwalbe veröffentlicht hatte. (Eine Durchsicht der frühen Schwalbe-Jahrgänge brachte nur eine in Frage kommende Aufgabe zutage: Es ist das Problem Nr. 1 im allerersten Heft der Schwalbe (August 1924, S. 4), wo drei der Schwalbe gewidmete Probleme gezeigt werden (von Klinke, Palatz und Birgfeld).} In diese Phase der Abgrenzung fiel auch die 1928 erfolgte Gründung einer Problemistenvereinigung innerhalb des Arbeiter-Schachbunds. Diese sollte eine eigene, von Klinke geleitete Problemzeitung herausgeben. Sie erschien in vier Ausgaben unter dem Titel Promadas.(Ein Nachdruck der vier erschienenen Hefte ist 2008 im Verlag von Udo Degener erschienen.) Das Interesse war aber enttäuschend gering, weshalb der Druck eines vorbereiteten fünften Hefts zunächst zurückgestellt wurde - es sollte nie erscheinen.

Im Zuge dieser Entwicklung bildeten sich an verschiedenen Orten lokale Problemvereinigungen im DAS; so enthält beispielsweise die ASZ 1929 eine Mitteilung über die Gründung einer Ortsgruppe in Stuttgart - und als Leiter dieser Gruppe taucht wieder der Name Karl Kaiser auf. Kaiser sollte noch fünf Jahre leben, die Schwalbe erwähnt in einem kurzen Nachruf, dass sie von einem schweren Leiden geprägt waren. Sowohl Kaiser als auch Klinke mussten noch erleben, wie ihre jahrelangen Bemühungen 1933 zunichte gemacht wurden.

Arthur Klinke

Die Wochenschau 1919

wKh2, wLe6, wSa5d7, wBb6c3d5h7, sKd6, sTa7h4, sLa1e2, sBa6b2b7e7f5h3

#3 (8+11)

Es folgt noch je ein Problem der beiden. Klinke, der sicher der bekannteste Problemist aus den Arbeiterschach-Reihen war, hat die Theorie durch den von ihm eingeführten "Treffpunkt" bereichert, bei dem Weiß ein doppelt gedecktes Feld (den Treffpunkt) dadurch erobert, dass eine Deckungsfigur auf dieses Feld gelenkt und die andere abgelenkt wird. In seiner frühen Aufgabe von 1919 sieht das so aus: Der Hauptplan 1.Sc4+? scheitert an den Paraden 1.- T:c4! oder L:c4! der beiden auf den Treffpunkt zielenden schwarzen Figuren; daher wird mit 1.c4! [2.c5#] einer der Verteidiger auf den Treffpunkt gelenkt und dann der jeweils andere abgelenkt: 1.- T:c4 2.h8=S Lh5 3.S:c4# oder 1.- L:c4 2.h8=D T:h8 3.S:c4#.

Karl Kaiser

Promadas 1929

3. Preis (v)

wKe1, wDb2, wLb5b6, wBa4c4e5, sKb4, sLd1, sSb3, sBd5e2e6

#4 (7+6)

Konventioneller geht es im Kaiser'schen Vierzüger zu. Nach 1.c5! droht 2.La5+ K:a5 Dc3#, was Schwarz nur durch 1.- d4 abwehren kann. Jetzt entsteht nach 2.Ld3! eine Zugzwangstellung. Auf 2.- K:a4 folgt 3.La5 [4.Da2#] 3.- K:a5 4.Da3# oder 3.- S:a5 4.Lb5# (Rückkehr) bzw. 3.- Sc1 4.Db4#, und auf 2.- Lc2 geschieht 3.L:c2 d3 4.D:b3#. Die Originalstellung enthielt noch einen zusätzlichen sBe7, der aber ohne erkennbaren Verlust eingespart werden kann.

Eduard Schildberg

Deutsche Schachzeitung
1923

1. ehr. Erw. Pauly-s#
-Turnier

wKh1, wDf5, wTb7c2, wLd3f6, wSf1, sKa1, sTd4, sBg6

s#6 (7+3)

Der vor 75 Jahren verstorbene Berliner Eduard Schildberg (1872-29.8.1942) war über viele Jahre als starker Löser in der Schwalbe und im Deutschen Wochenschach bekannt. Als Komponist hatte er eine Vorliebe für langzügige Selbstmatts und schätzte schon früh das Hilfsmatt; berühmt wurde er als "Autor" der Letztfassung des ersten Hilfsmatts von Sam Loyd durch die Bemerkung "Bei dem Loyd'schen Originalproblem ist Lh2 m. E. überflüssig" (Die Schwalbe, I/1932, S. 198). Gezeigt sei hier ein für ihn eher kurzes Selbstmatt: 1.Sd2 g:f5 2.Th7 f4 3.Th2 f3 4.Sb3+ Kb1 5.Tcd2+ T:d3 6.Td1+ T:d1# und 1.- g5 2.Kg1 g4 3.Dh5 g3 4.Sb3+ Kb1 5.Tg2+ T:d3 6.Dd1+ T:d1#.

Der vor 100 Jahren geborene argentinische Arzt Carlos Nafarrate (7.7.1917-??) erzählte im zweiten Band von Caissa's Schloßbewohner, dass er an seinem 60. Geburtstag sein erstes h#2 komponierte und dass er alle seine Probleme an eine ihm unbekannte deutsche Zeitschrift namens feenschach schicke. Dort erschienen ab Ende der 1970er Jahre eine ganze Reihe seiner Kompositionen, darunter auch einige mit der von Nafarrate kreierten Bedingung Gravitationsschach.

Arpád Földeák

Bláthy-Gedenkturnier
1961

wKa2, wLb1, wSh7, wBg6h5, sKg7, sLh8, sBh6

#19 (5+3)

Arpád Földeák (8.7.1917-13.7.2004) war nicht nur der Autor von etwa 100 Schachproblemen (sein erstes publizierte er im Alter von 17 Jahren), sondern er befasste sich als Preisrichter, Redakteur verschiedener ungarischer Schachspalten und als Schachhistoriker mit vielen Aspekten des Schachs. Als Komponist war er insbesondere auf dem Gebiet der Langzüger und des Hilfsmatts aktiv. Die im hier gezeigten Beispiel auftretende Königstreppe mag schon damals nicht mehr ganz frisch gewesen sein, bemerkenswert ist aber, dass auch die Schlusszüge genau determiniert sind, was bei Problemen solcher Art nicht leicht zu verwirklichen ist: 1.Ka3 Kg8 2.La2+ Kg7 3.Kb3 Kg8 4.Kb4 Kg7 5.Kc4 Kg8 6.Kc5 Kg7 7.Kd5 Kg8 8.Kd6 Kg7 9.Ke6 Kg8 10.Ke7 Kg7 11.Lb1 Kg8 12.Sf6+ L:f6+ 13.K:f6 Kf8 14.g7+ Ke8 15.g8=D+ Kd7 16.Dc4 Kd6 17.Le4 Kd7 18.Lb7 Kd6 19.Dc6#.

Albert Koldijk

H. O. W. 1940 W.

wKg8, wDf7, wTa3e8, wLc1f3, wSa5g1, wBd2e3, sKd3, sTc6h5, sLb3, sSe6, sBa4c2g7h3h7

#2 (10+10)

Albert Koldijk (13.7.1917-6.10.2005) spielte über viele Jahrzehnte hinweg eine wichtige Rolle in der niederländischen Problemwelt. Er war von 1941 bis 1962 in verschiedenen Funktionen im Vorstand unserer niederländischen Schwestergesellschaft tätig (darunter zeitweise auch als Schriftleiter von Probleemblad), bevor er dann noch von 1972 bis 1989 deren Vorsitz übernahm. 1948 veröffentlichte er zusammen mit F. W. Nanning das Thema-Boek, 1986 folgte mit Schaakproblemen van Ele Visserman eine Sammlung der Probleme dieses holländischen Großmeisters. Als Komponist hat er sich auf dem Gebiet des Direktmatts, meist Zweizüger, bewegt und etwa 180 Probleme geschaffen, die größtenteils vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden. In der ausgewählten Aufgabe pariert nach 1.Lh1! jeder Abzug des Se6 die Drohung 2.Df1#, da die weiße Dame gefesselt wird. Allerdings hat Weiß dann die Sekundär-Drohung 2.Le4#, die Schwarz durch 1.- Sc5 oder Sg5 parieren kann, aber wegen der Verstellung der Turmlinien folgen dann Damenmatts auf der Fesselungslinie durch 2.Dc4# bzw. 2.Dd5#; dazu kommt noch 1.- Tf5 D:f5#.

Giorgio Mirri (30.8.1917-10.5.2007) komponierte ungefähr 300 Probleme, meist Zwei- oder Dreizüger. Er vertrat Italien zwischen 1958 und 1967 mehrfach bei der PCCC und organisierte den PCCC-Kongress 1985 in Riccione. 1999 verlieh ihm die PCCC den Titel eines Honorary Master of Chess Composition.

Frederick Richard Gittins

British Chess Magazine
1895

wKb3, wDh5, wTg4, wLd8g2, wSc6h8, wBb4b5c2, sKe6, sLe1g8, sSb8f3, sBb7d2d6h7

#2 (10+9)

Frederick Richard Gittins (9.7.1867-1948) wurde durch James Rayner (dem Onkel des großen Thomas Rayner Dawson) in die Problemwelt eingeführt, indem er dessen Buch Chess Problems studierte und sich bald danach zu einem sehr starken Löser entwickelte. Daneben komponierte er Direktmatts (hier einer seiner Zweizüger: 1.Dh3 (gibt zwei Fluchtfelder) Kd5 2.Td4#, 1.- Kf5+ 2.Tc4# und 1.- Kd7+ 2.T:g8#) und Selbstmatts, aber auch noch Bedingungsaufgaben. Bis heute anhaltenden Ruhm erlangte er durch sein 1897 erschienenes Buch The Chess Bouquet, in dem britische Problemisten mit Portraits, biographischen Angaben und einer Auswahl ihrer Aufgaben vorgestellt wurden - gewissermaßen ein Vorläufer von Caissas Schloßbewohnern.

Das erste original ungarische Schachlehrbuch erschien 1872, sein Autor war der vor 175 Jahren geborerne Istvan Márki (6.8.1842-4.10.1885). Das fünfte Kapitel dieses Buchs muss als das erste bedeutende ungarische Schachproblemwerk angesehen werden; der Autor betrachtet darin 61 Probleme, von denen 33 einen ungarischen Autor haben.

(GüBü)


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