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Kalenderblatt

1929 sah der damals 24-jährige John Niemann (19.4.1905-22.7.1990) zum ersten Mal ein Hilfsmatt - und war sofort begeistert. Nach einem anspruchslosen Erstling von 1929 setzte Anfang der dreißiger Jahre eine rege Kompositionstätigkeit ein, begleitet und gefördert durch Briefkontakte mit Dawson, Pauly und Fuhlendorf, die Niemann als seine Lehrmeister ansah. Die von Anfang an erfolgte Konzentration aufs Hilfsmatt darf für die damalige Zeit als ungewöhnlich angesehen werden, da die Gattung noch in ihren Kinderschuhen steckte. Als Albert H. Kniest 1947 die Gründung einer Märchenschachsammlung ankündigte, war Niemann als Bearbeiter der Abteilung "Hilfsmatts ohne Märchenfiguren" genannt. Dies markiert den Beginn seiner berühmten Sammlung, die er bis zu seinem Tod vor nun schon 25 Jahren weiterführte und dank seiner unermüdlichen Arbeit und Auskunftsbereitschaft gewissermaßen zum Zentrum der sich stürmisch entwickelnden Hilfsmatt-Welt machte. Dass die Sammlung in einer modernen Form weiterleben könne, war sein großer Wunsch, aber er hielt es für nahezu unmöglich, den riesigen Datenbestand in eine elektronische Datenbank einzugeben. Dass diese Riesenarbeit schließlich mit der Errichtung der PDB doch geleistet wurde, konnte er leider nicht mehr miterleben. Neben der Sammlung befasste sich Niemann, dessen berufliche Karriere bis in den Vorstand eines großen deutschen Chemieunternehmens führte, auch mit schachorganisatorischen Fragen. So war er über viele Jahre als 2. Vorsitzender und dann auch noch kurz als Vorsitzender der Schwalbe tätig, vertrat das deutsche Problemschach zeitweise bei der PCCC und leitete das 2. WCCT. Für seine vielfältigen Tätigkeiten verlieh die PCCC ihm den Titel eines "Honorary Master of Chess Composition". Auch im Partieschach war er aktiv, denn 1956 erhielt er die Goldene Ehrennadel des Hessischen Schachverbands für besondere Verdienste um Gründung und Aufbau des Hessischen Schachverbands.

John Niemann

Schachmatt 1947

wKh2, wTc4, wLf3, wSd2, wBa2b2d4, sKd3, sTe2, sLe1, sSd1, sBb4d5e3e4f2g4

h#2 ** (7+10)

1947 erschien in Schachmatt Niemanns mehrteiliger Artikel zum "Opferwechsel im Hilfsmatt-Zweizüger", ein Mechanismus, der später unter der Bezeichnung "Zilahi-Thema" bekannt wurde. Niemann gelang schon damals eine dreiphasige Darstellung mit zyklischem Wechsel: Satz 1.- L:e4+ 2.K:d2 Tc2# und 1.- Sb3 2.K:c4 L:e2#, Lösung 1.g:f3 S:f3 2.Ld2 Se5#.

John Niemann

Schachmatt 1950

wKc6, wLg7, wSe6, wBa6, sKh7, sLb8, sSa4g8, sBc7

h#3 (4+5)

Der h#3er zeigt einen paradoxen Vorwurf: Weiß könnte einfach in drei Serienzügen mit 1.a7, 2.a:b8=D und 3.Db1 mattsetzen, während Schwarz sich in aller Ruhe nur seiner Zugpflicht entledigen muss. Aber so einfach geht das nicht, denn der sSa4, der (nach einem oder drei Zügen) auf einem schwarzen Feld landet, stört fast überall. Nur mit dem sS auf g1, h2 oder b6 gibt Db1 matt; da h2 außer der Reichweite liegt und b6 die D-Linie b8-b1 verstellt, führt nur g1 zum Ziel, also: 1.Sc3 a7 2.Se2 a:b8=D 3.Sg1 Db1#.

John Niemann

feenschach 1979

2. Preis

wKc7, wTa5, wLc8, wSe5e6, wBb7, sKf5, sDa1, sTa7b4, sLa8, sBa4a6f6

h#2(6+8)
b) sTb4→sLb4

Im Hilfsmatt-Thema zum 5. WCCT (1995) waren Aufgaben gefordert, bei denen aus Steinen vorhandener direkter Batterien neue Batterien gebildet werden. Niemann hatte dazu schon 1979 eine schöne Darstellung geliefert: a) 1.Te4 Sc5 2.K:e5 Se6#, b) 1.Le7 Sd7+ 2.K:e6 Se5#.

Vor 25 Jahren verstarb der frühere italienische Staatsanwalt Adriano Chicco (16.2.1907-30.8.1990), dessen Leben durch weitgefächerte schachliche Aktivitäten geprägt war. Er komponierte über 500 Probleme, hauptsächlich Zwei- und Dreizüger, und erhielt dafür den IM-Titel. Dennoch lag seine besondere Leistung wohl auf publizistischem Gebiet. Mehrfach leitete er den Problemteil von L'Italia scacchistica (1933-1936, 1940-1943 und 1947-1954), daneben erschienen 1943 das problemschachliche Werk Il Problema di scacchi und später viele schachhistorische Schriften. Zusammen mit G. Porreca brachte er auch zwei Nachschlagewerke heraus, von denen das 1971 erschienene Dizionario Enciclopedico degli scacchi trotz mancher ihm nachgesagter Ungenauigkeiten zu den häufig genutzten Quellen für das "Kalenderblatt" gehört. 1990 erschien eine umfangreiche Storia degli Scacchi in Italia, die er zusammen mit Antonio Rosino publizierte, und posthum widmete ihm der Schachhistoriker Alessandro Sanvito das Werk L'Opera scacchistica di Adriano Chicco.

Adriano Chicco

Die Schwalbe 1952

1. Preis 102. TT

wKc6, wDe1, wTd2, wLe3, wSe7f1, wBg2, sKe4, sDg5, sTb4h4, sLc5, sBb3b5d3d6e5

#2 (7+10)

Im 102. Schwalbe-TT wurden Zweizüger mit Radikalwechsel verlangt. Die Preisrichter F. Fleck und H. Albrecht zeigten sich von Chiccos Aufgabe besonders beeindruckt. Satz 1.- Td4/Tf4 2.L:g5/L:c5#; 1.Te2! [2.Sd2#] D:e3/L:e3 2.D:h4/D:b4#. Im Satz Selbstblock mit Verstellung, dabei ziehen die sTT und der wL schlägt sD und sL, in der Lösung läuft es andersherum. Kommentar der PR: "Wie ein Rachedrama auf einer Marionettenbühne!"

Der englische Geistliche Noel Aubrey Bonavia-Hunt (25.12.1882-6.8.1965), der auch ein international bekannter Orgelfachmann war, komponierte über 700 Zweizüger und gab seit 1948 eine Reihe von Chess Problem Research Pamphlets heraus, in deren jährlich erschienenen Nummern jeweils ein Zweizügerthema untersucht wurde. Auch im organisatorischen Bereich innerhalb unserer britischen Schwestergesellschaft war der vor einem halben Jahrhundert Verstorbene tätig, u. a. als Secretary und als Präsident.

Still und zurückgezogen, wie er im Leben gewirkt hat, so starb vor 75 Jahren Oskar Korschelt (18.9.1853-4.7.1940). So war es in der DSZ 1940 zu lesen, die in ihrem Nachruf Korschelts enge Verbundenheit zum Problemwesen betonte, obwohl er nie ein Problem komponiert hatte. Auch heute noch verbinden Problemisten seinen Namen mit zwei Begriffen: Der 1913 erschienenen Broschüre Der gereinigte Alexander und der "Korschelt-Sammlung". Erstere bestand aus einer umfangreichen Korrekturliste zur stark mit Fehlern behafteten, 1846 erschienenen Problemsammlung von Alexandre. Korschelts um die 100.000 Probleme umfassende Sammlung war die erste dieser Größenordnung - und sie enthielt Quellenangaben, was damals noch die Ausnahme bildete. Dadurch und wegen ihrer thematischen Strukturierung konnte sie zur Vorgängersuche verwendet werden. Nach dem Ersten Weltkrieg führte Korschelt sie angesichts der in der Zwischenzeit noch viel größer gewordenen Sammlung von A. C. White (an der er auch mitarbeitete) nicht weiter. Ihr späteres Schicksal liegt im Dunkeln; vermutlich befanden sich Teile der Sammlung zumindest zeitweise im Leipziger Zentralantiquariat der DDR. Besondere Verdienste erwarb sich Korschelt, der von 1876 bis 1884 in Japan lebte, auch um die Verbreitung des Go-Spiels, das er in einer Artikelserie in den Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens erstmals detailliert in der westlichen Welt vorstellte. Der Artikel erschien auch als Buch, dessen (erweiterte) englische Fassung unter dem Titel The Theory and Practice of Go auch heute noch verlegt wird.

Vincent L. Eaton

American Chess Bulletin
1950

1. Preis

wKa2, wDh3, wTe2f8, wLa6d4, wSb3, wBg4, sKf1, sDf7, sTg1g2, sLe8g3, sSa3h1, sBc7

#3 (8+9)

Vincent L. Eaton (31.8.1915-16.3.1962) wurde in Venezuela als Kind amerikanischer Eltern geboren, die bald danach in die USA zurückkehrten. Schon als 18-jähriger erhielt er einen Harvard-Abschluss; später war er in der Handschriften-Abteilung der Congress Library in Washington tätig und wurde Leiter des Bereichs Publikationen. Er komponierte insbesondere Zwei- und Dreizüger und betreute die Problemspalte in Chess Review. Nach dem Tod von Emanuel Lasker veröffentlichte er dort eine Gedenkseite mit 7 Problemen Laskers. Eaton war auch Co-Autor von zwei in der Overbrook-Serie erschienenen Büchern (A Century of Two-Movers mit Mansfield und Gamage sowie das Dobbs-Buch A Chess Silhouette mit Otto Wurzburg und A. C. White). G. F. Anderson hat ihm eine ca. 1971 erschienene Biographie gewidmet; die enge Verbundenheit zwischen beiden wird auch dadurch dokumentiert, dass Eaton zuvor die Einleitung zu Andersons Kriegsspiel-Buch Are there any? geschrieben hatte. Hier sei eines der bekanntesten Probleme Eatons wiedergegeben. Die ersten beiden Varianten zeigen Entfesselungen und Kreuzschachs, die weiteren Abspiele bieten vielfältiges zusätzliches Entfesselungsspiel. 1.Ld3 Zugzwang. 1.- Sf2 2.Te6+ S:d3+ 3.Sd2#; 1.- Sc4 2.Sd2+ S:d2+ 3.Te6#; 1.- c5/Sb5/Sb1 2.K:a3/Ka1/K:b1 [3.Sd2 oder 3.Te~#]; 1.- c6 2.Lc3 [3.Te~2#] 2.- Sf2 3.Te1#; 1.- Lg~ 2.De3; 1.- Lf4 2.T:g2+ Ke1 3.T:g1#; 1.- Le~ 2.T:f7+, 3.Sd2#.

Der Schweizer Hans Jakob Schudel (28.8.1915-3.2.2004) war von 1960 bis 1974 FIDE-Vizepräsident, danach wurde er zum Ehrenmitglied der FIDE ernannt und widmete sich zunehmend dem Problemschach. Er kam häufig zu den Schwalbe-Treffen und versuchte in den frühen 1980er Jahren (letztendlich erfolglos), ein solches Treffen in der Schweiz zu organisieren.

Vor 125 Jahren wurde Walter Eiche geboren (3.7.1890-8.5.1949). Der Stuttgarter, von Beruf Landtagsstenograph, erlernte mit 14 Jahren das Schachspiel und veröffentlichte schon zwei Jahre später sein erstes Problem. Zunächst war er aber vorwiegend Partiespieler, wurde 1922 schwäbischer Landesmeister. Ab 1920 beteiligte er sich an Problem-Turnieren, übernahm das Amt des Problemwarts des Schwäbischen Schachbundes und gab die Problem-Rundschreiben an die schwäbischen Mitgliedsvereine heraus. Auch leitete er verschiedene Schachspalten (1919-1922 Stuttgarter Neues Tagblatt und 1941-1943 Sportillustrierte). Seinen größten Erfolg erzielte er mit seinen 1., 2. und 4. Plätzen im Problemturnier der Landesverbände 1934, was dem schwäbischen Landesverband zum Sieg verhalf.

Arnold Graf Pongrácz

British Chess Association
1862

Preis

wKg3, wDa3, wTg2f5, wLb1c1, wSd8, wBg5, sKg7, sLa7, sSe3f3, sBb6e6

s#7 (8+6)

Vier Tage nach Eiches Geburt verstarb Arnold Graf Pongrácz (18.7.1810-7.7.1890), der einem der ältesten ungarischen Adelsgeschlechter angehörte. Mit neun Jahren lernte er das Schachspiel kennen. Um 1830 besuchte er während seines Jura-Studiums häufig das Café Neuner, den damals bedeutendsten Wiener Schach-Treffpunkt. 1857 gehörte er zu den Gründern des ersten Wiener Schachclubs, der Wiener Schachgesellschaft. Um 1855 lernte er Conrad Bayer kennen, dem er lange freundschaftlich verbunden blieb und mit dem zusammem er am ERA-Turnier, dem ersten Kompositionsturnier der Schachgeschichte, teilnahm. Um diese Zeit legte er sich auch das Pseudonym Einsiedler von Tirnau zu, unter dem viele seiner Probleme erschienen. Sein besonderes Interesse galt dem Selbstmatt; leider mussten viele seiner längerzügigen Selbstmatts das typische Schicksal auch anderer Autoren teilen, denn sie wurden spätestens im Computerzeitalter als nebenlösig erkannt. Korrekt geblieben ist aber der s#7er aus dem Britischen Turnier 1862 mit zwei Varianten: 1.Df8+ Kg6 2.Tf6+ K:g5 3.Dg7+ Kh5 4.Lg6+ Kg5 5.Tf5+ e:f5 6. Kh3+ Kf4 7.Tg4+ f:g4# und 1.- Kh7 2.g6+ K:g6! 3.Dg8+ Kh6! 4.Dh8+ Kg6 5.Tb5+ Sf5, Sc2 6.Kf4+ Sg5 7.Ke5 Lb8#.

Vor 200 Jahren wurde Henry Augustus Loveday (3.8.1815-9.1.1848) geboren, der gewissermaßen als Gründervater des modernen Problemschachs angesehen werden kann, hatte doch kaum eine andere Aufgabe mehr Aufmerksamkeit erregt als sein berühmter, von Staunton dazu noch sehr werbewirksam "vermarkteter" Inder. Loveday hat nur wenige Aufgaben komponiert, und er verstarb bereits mit 32 Jahren. Wer mehr über ihn und seine Wirkungsgeschichte erfahren möchte, sei nachdrücklich auf die kürzlich erschienene Neuauflage von Grasemanns Reverend verwiesen, der für Schwalbe-Mitglieder zum Vorzugspreis bei unserem Bücherwart bestellt werden kann (eigentlich ein "Muss" für alle Schwalben; nähere Informationen auf der Schwalbe-Website unter Service-Bücherliste).(GüBü)


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